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Montag, 21. Mai 2018

Junge Männer in Soutane

Alexander Santora ist katholischer Priester und Dechant im US-Bundesstaat New Jersey. In einem Leitartikel für das Online-Magazin northjersey.com macht er sich Gedanken über Priesternachwuchs und Priesterausbildung – und kommt dabei unter anderem zu der Einschätzung, die "Ekklesiologie" jüngerer Geistlicher, ihre "Vision von Kirche", sei "beunruhigend für die Laien und die reifere Geistlichkeit". Warum? Weil diese jungen Priester, so meint Fr. Santora, die "Wiederbelebung einer klerikalen Kultur" anstrebten, mit Scheußlichkeiten wie Eucharistischer Anbetung, lateinischen Messen und Novenen. (Man kann sich lebhaft ausmalen, wie der "reife Geistliche" bei diesen Worten angewidert das Gesicht verzieht.) 

Solchen Tendenzen gilt es Einhalt zu gebieten, meint er, und dies müsse schon in den Seminaren geschehen – indem man "sicherstellt, dass die Lehren des II. Vatikanischen Konzils die Grundlage der Priesterausbildung darstellen." (Fun Fact: Das II. Vaticanum hatte, entgegen hartnäckiger anderslautender Gerüchte, überhaupt nichts gegen lateinische Messen. Und gegen Eucharistische Anbetung und Novenen auch nicht. Aber was weiß ich schon.) "Father Santoras Leitartikel dringt darauf, noch weit stärker als bisher auf das 'Disco Stu'-Priesterausbildungsmodell des II. Vaticanums zu setzen", spottet mein Freund Rod auf seinem Blog, "weil das ja so gut funktioniert hat." 


Aber so groß die Versuchung auch sein mag, sich über den hochwürdigen Herrn Dechanten lustig zu machen: Im Grunde ist das eine ernste Angelegenheit. Wenn ein Geistlicher in doch einigermaßen einflussreicher Stellung eine solche Haltung gegenüber dem Priesternachwuchs einnimmt und sich nicht scheut, das öffentlich kundzutun, dann steht er damit offenbar nicht allein da; und dann muss man sich auch nicht wundern, wenn - wie ich es in den letzten Jahren mehrfach aus verschiedenen Orten erfahren habe - junge, liturgisch und dogmatisch eher "konservativ" eingestellte Priester, die in Gemeinden, die über Jahrzehnte von Priestern des Typs "Disco Stu" (oder des Typs "Kaktus-Schamane") geprägt worden sind, Probleme mit den "engagierten Laien" bekommen, in so einer Situation keinen Rückhalt seitens ihrer Vorgesetzten, bis hinauf zum Bischof, erfahren. 

Sinngemäß ganz ähnlich wie Fr. Santora äußerte sich übrigens - einem Bericht der Tagespost zufolge - bei einem Podium des jüngst vergangenen Katholikentags die Religionspädagogin Simone Birkel, ihres Zeichens Lehrkraft für Jugend- und Schulpastoral an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: "Bei uns heißt es: Hoffentlich kein junger Priester, weil die mit einem klerikalen Anspruch auftreten, der für normale Jugendliche nicht attraktiv ist." Nun könnte man sich sicherlich darüber streiten, was "normal" eigentlich bedeutet, aber wenn man das landläufige Verständnis zugrunde legt, "normal" sei das, was für die meisten gilt bzw. auf die meisten zutrifft, dann würde ich zunächst einmal ganz dreist erwidern: "Normale Jugendliche gehen überhaupt nicht in die Kirche!" Eine unbequeme Wahrheit, aber doch eine, der man ins Auge sehen muss. Das gilt übrigens, wie ich mir habe sagen lassen, sogar für Schüler katholischer Schulen. Bezieht sich Frau Birkel hingegen darauf, was unter denjenigen Jugendlichen als "normal" gilt, die in kirchlichen Strukturen aktiv sind, dann liegt es nahe, zu fragen: Wer prägt denn da das Bild von "Normalität", wenn nicht die kirchlichen  Strukturen selbst?
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Na, lassen wir diesen Gedanken mal einfach so im Raum stehen. Es kommen ohnehin noch andere Fragen hinzu. Woher kommen sie denn, die jungen Priester, die angeblich so schlecht mit den "normalen Jugendlichen" harmonieren? Müssten die, jung wie sie sind, nicht vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst noch jugendlich gewesen sein - und womöglich sogar als Jugendliche ihre Berufungsentscheidung getroffen haben? Und wieso wird eigentlich von denjenigen Jugendlichen, die Frau Birkel für normal hält, offenbar niemand Priester? Irgendwas ist doch faul an der ganzen Geschichte.

Aber – mal als offene Frage an die Leser, die da ja sicherlich ihre eigenen Erfahrungswerte haben – stimmt es denn überhaupt, dass junge Priester und Priesteramtskandidaten in der Gesamttendenz konservativer sind als die aus der allmählich abtretenden Baby-Boomer-Generation? Ich würde sagen, "konservativ" ist vielleicht ein irreführender Begriff. Einige mehr oder weniger kirchenferne, zum Teil ungetaufte Gäste meiner Hochzeit beispielsweise waren sehr angetan von dem Priester, der die Brautmesse zelebrierte, und wären als Außenstehende wohl nicht auf die Idee gekommen, dass das ein konservativer katholischer Geistlicher sei: Unter dieser Bezeichnung hätten sie sich etwas ganz Anderes vorgestellt. Trotzdem setze ich hier jetzt einfach mal als bekannt voraus, was im Sinne "kirchenpolitischer" Positionierungen mit diesem Begriff gemeint ist. Wenn es also stimmt, dass der Priesternachwuchs eher in die konservative Richtung tendiert, dann müsste man davon ausgehen, dass dieser Trend die Kirche längerfristig verändern wird. 

Vor diesem Hintergrund nun wiederum erscheint es doch einigermaßen auffällig, dass sämtliche Rezepte, die landläufig als Lösungen des vielbeschworenen Problems "Priestermangel" gehandelt werden – Gemeindeleitung durch Laien, Ordination von "viri probati", Aufhebung der Zölibatspflicht, Frauenordination – wie dafür gemacht zu sein scheinen, einer "drohenden" Dominanz konservativer Millennial-Priester entgegenzuwirken. Äußerungen wie die von Santora und Birkel tragen dazu bei, den Verdacht zu erhärten: Wo "Priestermangel" als Argument für die Notwendigkeit "progressiver" Reformen in der Kirche eingesetzt wird, da ist in Wirklichkeit womöglich nicht eine objektiv zu niedrige Zahl von Priesteramtsanwärtern gemeint, sondern vielmehr ein "Mangel", der darin besteht, dass der Priesternachwuchs nicht dem Kirchenbild des Gremien- und Verbandskatholizismus entspricht -- und dem der "reiferen Geistlichkeit"...



Sonntag, 20. Mai 2018

Ramadan-Neid

Sie ist wieder da, diese magische Zeit im Jahr, da selbst normalerweise eher weltlich-allzuweltlich gesonnene Medienformate plötzlich von einem intensiven Drang heimgesucht werden, ihrem Publikum Kenntnis und Verständnis religiöser Gebräuche beizubiegen. Pfingsten? Nee, Quatsch: Ramadan!

(Bildquelle: Pixabay

Tatsächlich scheint das mediale Interesse an der islamischen Fastenzeit hierzulande von Jahr zu Jahr größer zu werden, und das bei einem muslimischen Bevölkerungsanteil von (laut unterschiedlichen Schätzungen) gerade mal 5-7%. Manch einen ärgert das – vor allem (aber wohl nicht nur) solche, die dem Islam und seinen Anhängern ohnehin wenig Wohlwollen entgegenbringen. Wohlmeinende Ratschläge für den möglichst rücksichtsvollen Umgang mit fastenden Nachbarn oder Arbeitskollegen werden als Zumutung empfunden; praktizierende Christen motzen, sie sähen gar nicht ein, auf Muslime Rücksicht zu nehmen, schließlich nehme auf sie ja auch nie jemand Rücksicht. Ähnlich benachteiligt bzw. zurückgesetzt fühlt sich so mancher Christ, wenn Politiker aller Parteien zwar die vorösterliche Fastenzeit ignorieren, zum Ramadan aber Grußworte verbreiten lassen.

Besonders soweit es Vertreter der säkularen Linken betrifft, kann man es natürlich je nach Laune als verlogen anprangern oder als unfreiwillig komisch belächeln, dass diese aus dem Bestreben heraus, keinesfalls fremdenfeindlich oder kulturimperialistisch wirken zu wollen, ihre Toleranz oder sogar Wertschätzung gegenüber allem „Fremden“ auch auf Dinge ausdehnen, die eigentlich ihrer Weltanschauung widersprechen. Wie zum Beispiel eben strikte Observanz religiöser Gebote. Die betreffenden Personen wären vermutlich sehr verblüfft, wenn man sie darauf hinwiese, wie viel diese Haltung („Wir selber sind für sowas ja zu aufgeklärt, aber die dürfen das“) mit postkolonialistischer Überheblichkeit zu tun hat; aber das wäre ein Thema für sich und würde an dieser Stelle zu weit führen.

Sicherlich kann man den Umstand, dass islamische Glaubenspraktiken ein unverhältnismäßig größeres mediales Echo auf sich ziehen als vergleichbare christliche, zum Teil auch damit erklären, dass vom Fremden, "Exotischen" stets eine tendenziell größere Faszination ausgeht als vom vermeintlich Vertrauten.  Aber ich sage hier ganz bewusst "vermeintlich". Wie vertraut ist das Christentum hierzulande denn tatsächlich noch? Zwar gehört (noch) eine satte Mehrheit der Bevölkerung nominell einer christlichen Glaubensgemeinschaft an; aber der Bevölkerungsanteil derer, die den christlichen Glauben konsequent praktizieren, liegt ziemlich sicher im einstelligen Prozentbereich. Und wie es außerhalb dieser Minderheit um die Kenntnis christlicher Glaubenslehre und -praxis bestellt ist, davon kann man sich, wenn man es darauf anlegt, tagtäglich selbst ein Bild machen. Da gäbe es für die breite Öffentlichkeit also theoretisch viel Spannendes und Überraschendes zu entdecken.

Theoretisch, wie gesagt.

Und an wem liegt es nun, dass davon in der öffentlichen Wahrnehmung so wenig ankommt? Sicher nicht an den Muslimen. Sondern eher wohl an den Christen selbst. Auf Twitter merkte ein katholischer Rundfunkjournalist an:
"Ich würde sagen, das hängt auch damit zusammen, wie ernst eine Religion ihre eigenen Praktiken nimmt. Und wenn bei uns die Rosenmontagszüge in die Fastenzeit verlegt werden, weil die wichtiger sind, dann brauchen wir auch keine Grußworte."
Und es geht ja nicht nur um Rosenmontagsumzüge. Man muss sich nur mal das „Aktionsarchiv“ der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ ansehen: In den letzten Jahren, in umgekehrter chronologischer Reihenfolge, lauteten die Aktionsmotti „Augenblick mal! Sieben Wochen ohne sofort!“, „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“, „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“. Also, sorry, Leute. Wer es hinkriegt, die traditionelle asketische Praxis des Fastens derart in ein hochglanzjournaltaugliches Wellnessprogramm umzudefinieren, der darf sich wirklich nicht beschweren, wenn er kein sonderliches Interesse, geschweige denn Respekt, von Außenstehenden erntet.

Kurz und pauschal gesagt: Wenn das Christentum von Außenstehenden als "nichts Besonderes", ergo als uninteressant und unattraktiv wahrgenommen wird, dann sicher nicht zuletzt deshalb, weil viele Christen - darunter auch offizielle Repräsentanten der Kirchen - es selbst so präsentieren, und das mit voller Absicht.  Man will sich nicht groß von seiner Umgebung abheben, um nicht anzuecken. Hier sieht man, wie zutiefst fehlerhaft der "Relevanz"-Begriff derer ist, die insistieren, die Kirche müsse "zeitgemäß" sein und "im 21. Jahrhundert ankommen", d.h. sich der säkularen Gesellschaft und Kultur anpassen. Tatsächlich macht genau das die Kirche irrelevant.

Letztendlich läuft das Gemeckere über den Ramadan aber natürlich wieder einmal auf die unsägliche "Gehört der Islam zu Deutschland?"-Debatte hinaus; eine Debatte, die mich nicht zuletzt deshalb so ankotzt, weil ich, unabhängig davon, welche Antwort gegeben wird, schon die Frage nicht verstehe. Was soll das überhaupt heißen, zu Deutschland gehören? Gehöre ich zu Deutschland? Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. 

Denjenigen hingegen, die sich sehr sicher sind, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, genügt es nicht, sich einfach nur genervt darüber zu äußern, dass dem Ramadan so viel Aufmerksamkeit zuteil wird; für diese Klientel muss man schon schärfere Geschütze auffahren. So schrieb die CDU-Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel auf ihrer Facebook-Seite
"Es ist an der Zeit, dass eindeutige Vorgaben kommen, die unmissverständlich klarstellen, dass der Ramadan in Klassenzimmern nichts zu suchen hat. Ausgewiesene Islam-Experten weisen immer wieder darauf hin, dass Kinder vom Fasten ausgenommen sind. Also muss es eine klare Anweisung der Landesregierung geben, dass der Ramadan in der Schule nichts zu suchen hat!" 
Nach allem, was ich von ihr weiß, gehört Frau Pantel dem explizit christlich-konservativen Flügel ihrer Partei an, somit ist wohl davon auszugehen, dass sie auch eine entsprechend positionierte Anhängerschaft hat. Und nun würde ich ja gern mal wissen, was diese Christen sagen würden, wenn ihnen eine staatliche Behörde unter Berufung auf irgendwelche „Experten“ erklären wollte, was ihre Religion lehrt und was nicht. Das ist übrigens gar keine so abwegige Vorstellung, wie man vielleicht denken könnte

Aber ich bin ja nun wahrhaftig kein Experte für den Islam und weiß wenig über die Details der im Ramadan geltenden Fastenvorschriften und darüber, wie das in der Praxis gehandhabt wird. Also fragte ich einfach mal einen praktizierenden Muslim, den ich über Twitter kenne, wie er die Sache sieht. Der junge Mann wohnt in Mainz, und unbeschadet der Tatsache, dass seine Familie aus der Türkei stammt, ist er, gemessen an seinem Enthusiasmus für den European Song Contest und den ZDF-Fernsehgarten, deutscher als ich. Hier seine Stellungnahme in voller Länge: 
"Ich kann nicht erkennen, dass in den letzten Jahren ein 'Trend' zum Fasten zugenommen hätte. Allenfalls ist der Wahrnehmung der Fastenden gestiegen. Ich habe als junger Schüler nie an die große Glocke gehängt, dass ich faste, weil ich keine Lust auf immer gleiche Erklärungen hatte.
Ich kenne auch wenig Schüler, die nicht vom Recht des 'Nachfastens' Gebrauch machen, wenn beispielsweise wichtige Examina anstehen. Also da gibt's immer Mittel und Wege. Beim Sportunterricht wird's dann kritisch und da war ich immer auf Verständnis angewiesen. Hat aber geklappt.
Dass das Fasten für Kinder erst ab der Geschlechtsreife gilt, ist in der islamischen Welt ein breiter Konsens. Wenn sich einzelne Kinder Radikaler trotzdem daran halten wollen, kann ich sie nicht aufhalten. Ermessensentscheidung jedes Einzelnen.
Man darf Kinder nicht unterschätzen. Es galt schon immer: Wenn der Durst zu groß wurde, dann unterbrach man das Fasten und erzählte es halt nicht den Eltern, um nicht 'schwach' zu wirken. So war das schon immer und so wird es auch immer sein. Und das ist gut so." 
So, liebe Freunde, sieht common sense aus. Ein ungewohnter Anblick heutzutage, gebe ich zu. 

Nun kann man natürlich fragen: Aber was ist mit Kindern, die von ihren fanatischen Eltern zum Fasten gezwungen werden und es nicht wagen, dagegen zu verstoßen? Nun, ich kann nicht ausschließen, dass es solche Fälle gibt. Und wenn es die gibt, dann können wir uns vermutlich darauf einigen, dass das Recht der Eltern, ihre Kinder gemäß ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen, da seine Grenze findet, wo sie damit die Gesundheit ihrer Kinder gefährden. Ich gehe allerdings davon aus, dass das eher selten vorkommt -- zu selten, als dass es gerechtfertigt wäre, dass die bloß hypothetische Möglichkeit solcher Vorkommnisse die ganze Debatte dominiert. Hinzu kommt: Ähnlich wie bei Forderungen nach einem Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren glaube ich den meisten, die so etwas propagieren, schlichtweg nicht, dass es ihnen wirklich um das Wohl der Kinder geht. Ich glaube vielmehr, dass es ihnen einfach darum geht, Muslime zu schikanieren. Weil sie die einfach nicht haben wollen. Und wenn man sie schon nicht loswird, will man wenigstens dafür sorgen, dass sie sich in diesem Land möglichst unwohl und unwillkommen fühlen.

Ich habe es erst neulich schon mal geschrieben, und bei Bedarf schreibe ich es gern auch noch öfter: Gerade konservative Christen sind äußerst schlecht beraten, sich an solchen Kampagnen gegen Muslime zu beteiligen. Wenn es hart auf hart kommt – und das wird es –, werden sie es schwer haben, die Religionsfreiheit und die Elternrechte, die sie den Muslimen abgesprochen haben, für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Wie eine Bloggerkollegin es in einer geschlossenen Facebook-Diskussionsgruppe ausdrückte:
"Das Problem ist, dass die immer noch denken wie in einer Mehrheitsposition eines christlichen Staates. Die kapieren nicht, dass dieser Staat nicht mehr von einer objektiven Wahrheit ausgeht und deshalb alle Religionen eben gleich behandelt, nicht gemäß ihres Wahrheitsgehalts. Am Ende wird halt Kindern der Besuch von Gottesdiensten verboten werden." 

Mit Rock und Zopf gegen den Rest der Welt?

In meinem gestern veröffentlichten Artikel "Das Kopftuch der Anderen" hatte ich eine "gewisse Sympathie für die 'gegenkulturelle' Lebensweise der russlanddeutschen Brüdergemeinden" ausgedrückt und hinzugefügt, dass ich mir - "vorbehaltlich genauerer Informationen bzw., besser noch, eigener Anschauung -" vorstellen könnte, dass diese Lebensweise "manches Vorbildliche an sich hat". 

Und siehe da, noch am selben Tag meldete sich eine Leserin bei mir, die Angehörige einer russlanddeutschen Brüdergemeinde aus eigener Anschauung kennt und mir einige Beobachtungen und Reflexionen dazu zur freien Verwendung überlassen hat. Mitgeschickt hat sie mir zwei Presseberichte über eine solche Gemeinde, aber die werde ich wohl zu einem späteren Zeitpunkt würdigen. Ich habe schließlich auch noch andere Themen in der Pipeline. 

"Hutterite Sunset". Foto von Rainer Mueller, Bildquelle hier

Kommen wir also ohne weitere Umschweife zum Bericht der besagten Leserin: 
Mein erster Kontakt ergab sich über einen Arbeitskollegen, dessen Frau die Tochter einer russlanddeutschen Brüderfamilie war. Er hatte eine abgeschlossene Ausbildung und ein Studium, und bei einer Missionsveranstaltung von Campus für Christus hatte er seine Frau kennengelernt, die Erzieherin war. Also kein Studium, aber eine qualifizierte Ausbildung. Und nun wird es interessant: Sie hatte gearbeitet bis zum Burn-Out. Das war die Arbeitseinstellung in ihrer Familie: Man arbeitete so gut es ging, denn alles, was man tut, tut man zur Ehre Gottes. Der Vater ging morgens eine Stunde früher zur Arbeit und blieb grundsätzlich länger. Ein von Gott gesegnetes Leben ist ein Leben ohne Müßiggang. Dass der Schwiegersohn (also mein Kollege) nicht planmäßig sofort Arbeit gefunden hatte und zu Hause war…: ein echtes Problem für die lieben Schwiegereltern, mein Kollege bekam entsprechenden Druck zu spüren. 
Mein zweiter Kontakt fand im Zug statt: Ich hatte gerade unseren neuen Wohnort besucht, und im Zug saß eine junge Frau in langem Rock und mit einem schwarzen Kopftuch, die fröhlich und auf Russisch auf eine „normal“ gekleidete Frau einschnatterte. War ich auf einem Kostümfest gelandet?  
Der dritte Kontakt hält an – die wohnen hier nämlich! Meine Kinder gehen zusammen mit deren Kindern zur Schule. Die Jungen sind relativ unauffällig, die Mädchen, genannt „Rock-und-Zopf-Bande“, erkennt man halt sofort. Die Mütter auch – jedenfalls fast, aber dazu später mehr. Die Mütter fahren ihre Kinder zur Schule – Autos kommen da meist in Maxigröße –, und man sieht: langer Rock und Haarknoten unterm Tuch.  
Diese russlanddeutschen Brüder – sind sie „integriert“ 
Mir gehen dazu mehrere Fragen im Kopf herum. Zuerst: Kann bitte mal jemand endlich „Parallelgesellschaft“ und „Integration“ definieren? Bei Integration kann man zwar sagen, wann sie gar nicht geklappt hat, aber kann man auch sagen, wann sie geklappt hat und woran man das messen soll?  
Die beiden Begriffe sind ja eng miteinander verknüpft: Entweder man ist integriert oder in einer Parallelgesellschaft.  
Als Kriterien werden häufig Zugang zu Bildung und Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen genannt, und auch hier besteht wieder ein Zusammenhang. Keine Schulbildung, kein Job. Zu einem gewissen Grad ist in der Bundesrepublik jeder Empfänger von Transferleistungen – Kindergeld z.B. ist kein Merkmal von sozial schwachen Familien –, aber lassen wir das mal beiseite.  
Sind die Angehörigen dieser russlanddeutschen Gemeinden also „bildungsfern“ und/oder überproportional häufig von staatlichen Transferleistungen abhängig? Nach meinem subjektiven Eindruck können wir diese Frage getrost verneinen. Die Kinder haben solide Leistungen in der Schule; Faulheit geht halt nicht. Mindestens einer der Abiturienten gehört zu ihnen. Eine der Lehrerinnen übrigens auch, hier muss jetzt also keiner die „Frauen werden von Bildung ausgeschlossen und sind nur zum Dauerkinderkriegen da!“-Keule rausholen.  
Es gibt eine gewisse Tendenz dazu, dass die Söhne was Solides im Handwerk lernen sollen, statt akademische Höhenflüge zu unternehmen. Handwerk hat goldenen Boden und die Philosophie ist eine brotlose Kunst. Die Mädchen machen selbstverständlich auch Ausbildungen, meist was Soziales, Pädagogisches oder Pflegerisches. Das sind zwar klassisch weibliche Berufe und damit unterbezahlt, aber dass man Frauen mies bezahlen darf, ist ja bekannt und kein Phänomen, dass nur Parallelgesellschaften betrifft oder von diesen zu verantworten wäre.  
Mir fällt auf, dass Musikinstrumente eine große Rollen spielen und das Erlernen durchaus ernst genommen wird. Hat das etwas zu bedeuten? Ja, ich denke schon. Nämlich dass Kinder aus sozial schwachen Familien oftmals vom Erlernen eines Instruments ausgeschlossen sind und dass das hier ausdrücklich nicht passiert.  
Viele Kinder zu haben, wird in Deutschland mit „Hartz IV“ assoziiert. Nun erhöhen Kinder allerdings tatsächlich das Armutsrisiko, gerade für Alleinerziehende. Mit Armut geht Vereinsamung einher. Parallelgesellschaften, heißt es, grenzen sich ab. Damit kommen wir nun zu einem Punkt, den man schlechter erfassen kann als Mathenoten oder Einkommen. Wie misst man Sozialkontakte?Und vor allem: Wie misst man Sozialkontakte außerhalb der eigenen Filterblase? Geht das überhaupt? Fragen wir uns mal: Wer von uns hat eigentlich einen Freundeskreis, der „repräsentativ“ zusammengesetzt ist? Es ist doch ganz normal, dass man sich Leute sucht, mit denen man zurechtkommt, weil irgendeine Form von Konsens da ist. Seit ich Kinder habe, habe ich gemerkt, dass man nicht mit jedem automatisch befreundet ist, nur weil die sich auch reproduziert haben. Arbeitskollegen sehe ich am liebsten von hinten. Es ist nicht so, als ob das schreckliche Menschen wären, gegen die etwas Handfestes zu sagen wäre. Aber etwas, was uns über den Job hinaus miteinander verbinden würde, fehlt. Eigentlich merkt man schon in der eigenen Schulzeit, dass in die gleiche Klasse zu gehen kein Garant für Freundschaft ist und dass man sich seine Freunde selbst sucht – und nicht davon abhängig macht, wen die Schulleitung in den gleichen Raum eingeteilt hat. „Klassengemeinschaft“ funktioniert nicht auf Kommando.  
Grenzen diese Brüdergemeinden sich ab? Ja – und das dürfen sie auch. Ich suche mir ja auch aus, mit wem ich Umgang haben möchte und mit wem bitte nicht. Das tut jeder. Im Falle der Brüdergemeinden hat man eine gemeinsame Geschichte, die Identität stiftet. Teil dieser Identität ist das eigene Verständnis des christlichen Glaubens – und was das im täglichen Leben bedeutet. Man nimmt den Glauben sehr ernst und räumt ihm einen hohen Stellenwert ein. Der sonntägliche Kirchgang dauert länger, als man es vom „Normalchristen“ kennt, und auch einmal in der Woche Bibelkreis zu haben scheint ziemlich üblich. Normal? Normal ist, was man dazu macht – oder besser: was als normal akzeptiert wird. Und wenn man seinen Bezugspunkt unter Menschen hat, für die es normal ist, am Sonntag mit der ganzen Familie in der Kirche zu sitzen, und die dort ihre Verwandtschaft trifft, dann ist das ebenso „normal“, wie es anderswo „Vatertagsgrüppchen“ mit 2,4 Promille sind.  
Ach ja: das Kopftuch. Dazu wollte ich auch noch etwas sagen. Erstens kenne ich aus meiner Kindheit auf dem Land noch Frauen, die mit Faltenrock und Tuch unterwegs waren. Das finde ich also eher vertraut als schräg.  
Zweitens: Kaum denkt man, man hätte den „Dresscode“ begriffen – da taucht im Kindergarten eine neue Mutter mit leichtem russischen Akzent auf, die einen hautengen, geschlitzten Fast-schon-Minirock trägt und trotzdem auch zu „denen“ gehört. Na toll, wieder ist eine Schublade kaputt, in die man Menschen hätte stecken können! – Unter den Schwestern gibt es dicke und dünne, große und kleine, mit langem wehenden Rock und passendem Kopftuch und eben auch eher knapp gekleidete. Schubladen sind für Socken, nicht für Menschen.  
Was ich bei ihnen allerdings bisher noch nicht angetroffen habe, sind Frauen, die komplett hohlbirnig erscheinen.

Spannend, nicht? Falls noch andere Leser etwas aus eigener Erfahrung zu diesem Thema beizutragen haben: Immer her damit! 


Samstag, 19. Mai 2018

Das Kreuz mit der Deutungshoheit

Für die aktuelle Ausgabe der Tagespost habe ich einen Beitrag verfasst, der sich - angeregt durch die heiß diskutierte Gala des New Yorker Metropolitan Museum of Arts zur Eröffnung der Ausstellung "Heavenly Bodies" - mit postmodern-popkulturellen "Aneignungen" und Re-Interpretationen traditionell christlicher Ikonographie und Symbolik befasst und in dem ich darzulegen versuche, welche Tücken die Vieldeutigkeit solcher Anverwandlungen für das Ansinnen einer "kulturellen Evangelisation" mit sich bringt. Beim Konzipieren dieses Artikels ging es mir so, wie es mir oft auch in diesem Blog ergangen ist: Ich hatte mit der Versuchung zu kämpfen, das Thema aus zu vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten zu wollen und den Text daher mit zu vielen unterschiedlichen Aspekten zu überladen. Aber ich musste mich ja an eine Formatvorgabe halten, was mich schließlich dazu veranlasste, den in meinen Konzeptnotizen vorgesehenen Unterpunkt "'Adabei'-Strategie kirchlicher PR" auf einen einzigen Nebensatz bzw. eine Parenthese zu komprimieren und einen weiteren Aspekt des Themas ganz auszuklammern - mit dem Hintergedanken "Das kann ich immer noch auf meinem Blog verbraten". Und dabei handelte es sich um die bayerische Kreuzdebatte

Zur Einordnung sei gesagt, dass ich persönlich den Beschluss der bayerischen Staatsregierung vom 24. April 2018, dass ab dem 1. Juni in jedem Dienstgebäude des Freistaats ein Kreuz anzubringen sei, von Anfang an mit einer gewissen Skepsis betrachtet habe. Diese Skepsis richtete sich, wie meine Leser sich sicherlich denken können, nicht gegen das Kreuz als solches, wohl aber gegen die Erklärung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, das Kreuz sei "nicht ein Zeichen einer Religion", sondern versinnbildliche vielmehr "unsere bayerische Identität und Lebensart". Was bemerkenswerterweise weder Krawallatheisten noch bayerisch-patriotische Erzchristen davon abhielt, in dem Kreuzerlass ein Anzeichen dafür erkennen zu wollen, dass Bayern auf dem Weg zu einem integralistisch katholischen Gottesstaat sei. (Söder ist übrigens Protestant, aber das nur am Rande). 

Nun habe ich inzwischen einige Stellungnahmen gelesen, die argumentieren, eine verstärkte Präsenz von Kreuzen im öffentlichen Raum sei aus christlicher Sicht auf jeden Fall zu begrüßen, auch wenn die politische Motivation für diesen Beschluss kritikwürdig sein mag; exemplarisch sei auf diesen Beitrag von Johannes Hartl verwiesen. Ganz und gar ist es diesen Wortmeldungen indes nicht gelungen, meine Vorbehalte zu zerstreuen; Vorbehalte, die man wohl am kürzesten mit dem Verweis auf die Mahnung des Psalmisten zusammenfassen könnte, nicht "auf Fürsten zu bauen", und am zweitkürzesten mit einem Verweis auf Anna Dioufs differenzierte Stellungnahme in der Kolumne "MeinungsMacher" in der Online-Ausgabe der Tagespost. 

Damit, so könnte man meinen, sei zu diesem Thema eigentlich alles gesagt; aber im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der skandalumwitterten "Met-Gala" dämmerte mir, dass man die bayerische Kreuzdebatte zu einem gewissem Grad als eine tragikomische Fußnote zum selben Thema betrachten kann -- also dazu, was dabei herauskommt, wenn die Kirche ihre Deutungshoheit über christliche Symbole leichtfertig aufgibt, indem sie es versäumt, diese Deutungshoheit mit selbstbewusster Selbstverständlichkeit für sich zu beanspruchen. Wenn selbst ein praktizierender Katholik wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich angesichts eines Pressefotos, das seinen bayerischen Amtskollegen Söder mit einem Kreuz in der Hand zeigt, nach eigener Aussage eher an einenVampirfilm erinnert fühlt als an ein christliches Glaubensbekenntnis, dann gibt das schon zu denken.

Kreuze im öffentlichen Raum: Immer gut, wenn man eins oder zwei dabei hat.
(Bildquelle: Wikimedia Commons
Dass Söders Kreuzerlass auch und gerade bei den Kirchen auf ein sehr geteiltes Echo gestoßen ist, lässt sich wohl zumindest zum Teil darauf zurückführen, dass unter den Kirchenvertretern unterschiedliche Auffassungen darüber herrschen, ob diese Maßnahme geeignet ist, die christliche Deutung des Kreuzsymbols zu affirmieren, oder ob sie eher eine eigenständige Deutungshoheit über das Kreuz impliziert, die zu derjenigen der Kirche in Konkurrenz steht. Bei genauerem Hinsehen ist es womöglich sogar noch komplizierter: Manche Kirchenvertreter meinen vielleicht, sie müssten den Kreuzerlass - obwohl sie eigentlich nicht recht glücklich darüber sind - öffentlich loben, um gerade dadurch den christlichen Gehalt des Kreuzsymbols in der Öffentlichkeit präsent zu halten und so die kirchliche Deutungshoheit über das Kreuz zu verteidigen oder zurückzugewinnen. Und andere meinen womöglich, sie müssten den Kreuzerlass kritisieren, um zu verhindern, dass infolge der dadurch entstehenden assoziativen Verknüpfung des Kreuzes mit der bayerischen Staatsregierung die Kirche quasi für die Politik der CSU in Mithaftung genommen wird, einschließlich Polizeiaufgabengesetz und Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Und es kann sogar sein, dass alle diese widerstreitenden Sichtweisen teilweise richtig sind. Verflixte Postmoderne.

Im Übrigen - und auch das ist ein Gedanke, auf den mich die "Met-Gala" gebracht hat - scheint es mir durchaus reizvoll, sich vorzustellen, wie anders die Reaktionen auf den Kreuzerlass wohl ausgefallen wären, wenn die bayerische Staatsregierung damit die Ausschreibung eines Wettbewerbs für zeitgenössische Künstler verbunden hätte. Mit dem Auftrag, für die anstehende Ausstattung sämtlicher Landesbehörden mit Kreuzen „kreative Neuinterpretationen“ des Kreuzsymbols zu ersinnen.

Womit ich nicht sagen will, dass ich das für eine gute Idee gehalten haben würde.



Das Kopftuch der Anderen

"Russlanddeutsche Brüdergemeinden in Sorge vor Kopftuchverbot!", lautet die Überschrift eines Artikels, auf den ich unlängst in den Weiten des Netzes stieß. Allein aufgrund des Titels wäre ich vielleicht geneigt gewesen, dies für eine echte Meldung zu halten, wäre mir die Website, auf der der Artikel erschien, nicht bekannt gewesen: TheoLeaks, eine Satireseite, die ich schon vor rund eineinhalb Jahren einmal auf diesem Blog erwähnt habe. Damals existierte die Seite erst seit wenigen Monaten, aber meinen ersten Eindruck kleidete ich seinerzeit in die wenig schmeichelhaften Worte: 
"Letztendlich arbeiten die doch dem Feind in die Hände. (Und wenn ich 'Feind' sage, meine ich den, der in der Kunstgeschichte gern mit Hörnern und Hufen dargestellt wird...)" 
Und, nun ja: Der eingangs erwähnte Artikel ist nicht unbedingt dazu geeignet, dieses Urteil zu revidieren. 
"Großes Entsetzen bei vielen russlanddeutschen geschlossenen Brüdergemeinden. Lange Zeit waren die vorherrschenden strengen Kleidervorschriften (Rock und Kopftuch) der breiten Öffentlichkeit verborgen. Nun zwingen aktuelle politische Diskussionen über ein Kopftuchverbot und extreme Verunglimpfungen ('Kopftuchmädchen') die männlichen Gemeindevorsteher in die Offensive." 
Anständig gekleidete Frauen bei anständiger Arbeit.
(Jean-François Millet, "Die Ährenleserinnen", 1857. Bildquelle hier.)
Okay, hier ist einigermaßen klar die Absicht zu erkennen, Forderungen nach politischen Maßnahmen gegen islamischen Fundamentalismus mit dem Hinweis, vergleichbare Tendenzen gebe es innerhalb des Christentums schließlich auch, ad absurdum zu führen. Vermutlich würden die Macher der Seite, spräche man sie darauf an, behaupten, es ginge ihnen ausschließlich darum, Islamfeindlichkeit mit den Mitteln der Satire zu kritisieren. Aber glauben wir denen das? Nö! Gegen Ende des Artikels wird ein fiktiver Gemeindevorsteher mit der Aussage zitiert, 
"[e]s müsse einer hermetischen Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, strenger Religion, kyrillischer Schrift in den Supermärkten rund um Lemgo und eigenen Kleidervorschriften unbedingt erlaubt bleiben, auch Kindern ein Kopftuch aufzuzwingen, äh, aufzusetzen. Offenhaarige Mädchen und Frauen dürften sich im Gottesdienst ja auch nicht einfach hinsetzen, wo sie wollten". 
Ich lehne mich hier jetzt mal aus dem Fenster und behaupte: Was hier notdürftig als "Satire" verbrämt wird, ist tatsächlich ein frontaler Angriff auf die "4,5 Mio Russlanddeutsche[n], deren rund 1.000 christliche Gemeinden mehrheitlich in NRW liegen" -- und die, soweit es mir aus dem lokalen Umfeld solcher Gemeinden (allerdings aus der Sicht von Nichtmitgliedern) berichtet worden ist, tatsächlich so etwas wie eine christliche Parallelgesellschaft (oder, um es mit einem #BenOp-Begriff zu sagen, "Gegenkultur") in säkularer Umgebung bilden. Und so etwas gilt es natürlich zu bekämpfen -- jedenfalls aus Sicht eines "zeitgemäßen", gendergerechten und "gesellschaftlich relevanten" Postchristentums. 

Wie ich schon anno 2016 anmerkte, erhebt TheoLeaks zwar den Anspruch, "christliche Satire" zu machen, versteht darunter aber offenbar weniger "Satire aus dem christlichen Glauben heraus" als vielmehr "Satire über den christlichen Glauben". Der Unterschied wird deutlich, wenn man beispielsweise die US-amerikanische, evangelikal geprägte Satireseite The Babylon Bee zum Vergleich heranzieht, die etwa genauso lange besteht wie TheoLeaks. The Babylon Bee nimmt häufig in quasi apologetischer Absicht Atheisten oder Anhänger progressiv-universalistischer Glaubensrichtungen aufs Korn, aber nahezu ebenso häufig findet sich auf dieser Seite auch mehr oder weniger freundlicher Spott über die "eigenen Leute". Solche Selbstironie gibt es auf TheoLeaks kaum; hier wird vielmehr unermüdlich auf "die Frommen" (unterschiedlicher konfessioneller Couleur) eingedroschen, und wie das vorliegende Fallbeispiel zeigt, ist das Ergebnis oft noch nicht einmal besonders lustig. Was im Grunde kein Wunder ist, denn Humor setzt - auch wenn das eine heutzutage in Vergessenheit zu geraten drohende Erkenntnis ist - Liebe voraus. Mit einem Messer zwischen den Zähnen lächelt sich's schlecht. 

-- Und warum genau ist mir dieses Thema nun einen Blogartikel wert? Nun, einerseits, weil ich durchaus eine gewisse Sympathie für die "gegenkulturelle" Lebensweise der russlanddeutschen Brüdergemeinden empfinde und mir - vorbehaltlich genauerer Informationen bzw., besser noch, eigener Anschauung - vorstellen könnte, dass sie manches Vorbildliche an sich hat (und damit meine ich nicht zwingend die Kleidungsvorschriften für Mädchen und Frauen). Sodann aber auch, weil mir die Strategie, die dieser TheoLeaks-Artikel anwendet, insgesamt so bezeichnend erscheint. Man erlebt es ja durchaus öfter, dass auf Warnungen vor fundamentalistischen Tendenzen im Islam mit dem Hinweis reagiert wird, im Christentum gebe es "so etwas" doch auch. Dieser Einwand kann die Absicht verfolgen, für mehr Toleranz gegenüber Muslimen zu werben; aber wie man sieht, kann das auch sehr leicht umkippen in die Forderung nach weniger Toleranz gegenüber Christen

Was man daraus möglicherweise lernen könnte oder sollte, ist, dass gerade konservative Christen sich auf längere Sicht selbst ins Knie schießen, wenn sie Forderungen nach Einschränkungen der Religionsfreiheit und der Elternrechte von Muslimen unterstützen. Ich habe dazu - zumindest andeutungsweise - schon ein paarmal etwas geschrieben, und wahrscheinlich werde ich demnächst noch mehr dazu schreiben müssen. Schließlich ist gerade Ramadan...  



Freitag, 18. Mai 2018

#BenOp auf Deutsch: Erste Reaktionen

Seit ein paar Wochen ist die (von mir übersetzte) deutsche Ausgabe von Rod Drehers "Benedikt-Option" jetzt im Handel; und wie macht das gute Stück sich so auf dem Buchmarkt? -- Ganz gut, würde ich schätzen; konkrete Verkaufszahlen liegen mir bislang nicht vor, aber es sieht doch stark danach aus, dass das Buch unter den aktuellen Neuerscheinungen aus dem Bereich Christentum und Kirche sehr weit vorne mitspielt. Schön! Klar ist aber auch: Damit es eine Breitenwirkung auch jenseits recht überschaubarer, einschlägig interessierter Zirkel entfalten kann, muss in der Öffentlichkeit noch mehr darüber geredet werden. Oder eben geschrieben


Innerhalb "einschlägig interessierter Zirkel" ist PR-mäßig schon Einiges passiert. Bereits am 26. April wurde im Rahmen der Sendung "Credo" auf Radio Horeb ein Interview ausgestrahlt, in dem Gregor Dornis mich zu den Kernthesen der Benedikt-Option und auch zu meinem persönlichen Zugang zu dem Buch befragt; nachzuhören ist dieses Interview hier. Das Nachrichtenportal kath.net wies am 3. Mai in einem kurzen Artikel auf die Neuerscheinung hin und zitierte dabei die Verlagswerbung. In der aktuellen Ausgabe des VATICAN Magazin sind einige Auszüge aus der Benedikt-Option abgedruckt, das vollständige Einleitungskapitel ("Das Erwachen") findet sich zudem seit dem 9. Mai auf der Website kath-info.de, dem "Portal zur katholischen Geisteswelt"

Eine - soweit ich es bisher überblicke - erste Blog-Rezension erschien bereits am 5. Mai auf "Empfehlenswerte Bücher Artikel Filme". Der Name des Blogs lässt erwarten, dass eine Besprechung, die dort erscheint, eigentlich nur positiv sein kann, und so ist es in diesem Fall auch wirklich. "Der mühsame Aufbau einer christlichen Gegenkultur" ist die Rezension überschrieben, die etwas später - am 16. Mai - und schön garniert mit fünf goldenen Sternen auch als Kundenrezension bei Amazon erschien. Ein paar Auszüge: 
"Das Buch [...] plädiert [...] dafür, dass sich die Christen auf das Ideal einer benediktinischen Lebensweise rückbesinnen sollten: Gebet, Askese und ein soziales Umfeld, das das Leben einer Familie oder einer Gemeinschaft auf Gott ausgerichtet hält. Dies nicht, um nur selber wie auf einer einsamen Insel zu überleben. Vielmehr gilt es die eigenen Ressourcen zu stärken, um damit wieder eine christliche Gesellschaft von innen her aufzubauen."  
"Noch grundsätzlicher sei gefragt, in wieweit das Ideal der monastischen Lebensweise auf das bewegte Leben vieler beruflich eingespannter christlicher Laien angepasst werden kann. Die Essenz des christlichen Lebens, die persönliche Begegnung mit Gott in den Sakramenten und in der heiligen Schrift, kann das Leben einer Familie, Hausgemeinschaft, Schule oder auch Universität, ja sogar auch eines Wirtschaftsunternehmens prägen. Dazu bedarf es aber einer gut gebildeten christlichen 'Elite': Menschen, die bereit sind, etwas für ihren Glauben und die Werte, zu denen sie stehen, zu opfern. Viele Christen spüren bereits in ihrem beruflichen Umfeld – sei es beispielswese im medizinischen Sektor oder im Schulwesen – dass das Festhalten am unbedingten Wert des Lebens oder der sogenannten 'Kernfamilie' Gründe sind, um ausgegrenzt zu werden."
Einige weitere erfreuliche Leserreaktionen habe ich auf Twitter entdeckt: 

"Habe heute endlich mein Exemplar des gerade erst erschienenen Buches 'Die Benedikt-Option' erhalten. Habe erst ein paar Seiten gelesen: Es übertrifft alle meine Erwartungen. Lesebefehl!"  
"Es erhebt sich das Gefühl, zuhause angekommen zu sein. Vergleichbar mit der Entdeckung der katholischen Bloggerszene vor 8-9 Jahren. Oder dem Gefühl, in Jerusalem zu sein."  
"Das erste Kapitel ist gelesen. [...] Der Tonfall äußerst angenehm, es liest sich wunderbar flüssig, die Übersetzung ist absolut gelungen. Ich bin gespannt auf die nächsten Kapitel."  
"Habe erst 40 Seiten gelesen, aber ich merke: Dieses Buch ist ein Augenöffner, gar keine Frage!"  

Und gestern erschien dann eine weitere 5-Sterne-Bewertung auf Amazon, die ich so grandios finde, dass ich sie hier in voller Länge wiedergeben möchte: 
"Mit den vielen anderen Büchern über die Krise des Glaubens oder der Kirche ist dieses Buch nicht vergleichbar. Es ist zwar auch eine schonungslose Abrechnung mit Zeitgeist und Moderne, aber es ist vor allem ein flammender Appell, sich nicht länger mit dieser Welt gemein zu machen, sondern Mut zu fassen, um einen anderen, den eigenen Weg einzuschlagen. Das Verhältnis von Christ und Welt, man könnte auch sagen: das Verhältnis des Einzelnen und der Gesellschaft wird hier neu ausgehandelt - mit einem klaren Ergebnis: Anpassung ist keine Option mehr. Auch wenn es im Detail vieles kritisch zu hinterfragen gilt, ist es in der Radikalität doch ein bahnbrechendes Buch." 
Lassen wir das mal so stehen! Wenn Du, Leser, irgendwo in den Weiten des Netzes (oder auch in anderen Medien?) auf Besprechungen und/oder Leserreaktionen zur Benedikt-Option stößt, die mir bislang entgangen sind, dann lass es mich gern wissen...! 



Weitere Außen- und Innenansichten des "heiligen Rests"

Okay, Freunde. Erster Schritt zur Umsetzung des neuen Blogkonzepts: Ich spare mir eine elaborierte Einleitung.

Unlängst hatte ich darauf hingewiesen, dass mein derzeitiger Lieblingskontrahent [an dieser Stelle denke man sich einen Exkurs über Lessing und Voltaire] Erik Flügge unter dem "heiligen Rest", so wie er diese Wendung im Titel seines aktuellen Büchleins "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest" verwendet, offenbar etwas Anderes versteht, als was beispielsweise ich mit dieser Formulierung assoziieren würde. Nun, wie es sich fügt, sind mir inzwischen in den Weiten des Netzes zwei Meinungsbeiträge zu Augen gekommen, die ihrerseits ebenfalls recht konträr zueinander stehende Blickwinkel auf die so bezeichnete Gruppe innerhalb des Kirchenvolkes zu erkennen geben (so scheint es mir jedenfalls). Besonders interessant finde ich es, dass beide Artikel von Personen verfasst sind, die nach innerkirchlichen Maßstäben noch als "jugendlich" gelten können.

Da ist auf der einen Seite die Theologiestudentin Theresia Lipp, die zu der berüchtigten "Standpunkt"-Rubrik des umstrittenen Portals katholisch.de einen Beitrag unter der Überschrift "Kirche für alle - inklusive heiligem Rest" beigesteuert hat. Der Titel verrät hier schon viel: Das Flüggesche "pro multis" ist Theresia Lipp noch nicht inklusiv genug, sie befürchtet, dass mit diesem Konzept eben doch wieder Leute ausgeschlossen werden -- nämlich gerade jene 10% "Kernmilieu", die Flügge als den "heiligen Rest" bezeichnet. Diese Sorge ist womöglich nicht ganz unberechtigt. Ich zitiere hier mal die, wie ich glaube, entscheidende Passage: 
"Flügges Ausführungen wirken so, als würde der kleine Teil aktiver Kirchenmitglieder es sich auf Kosten der breiten, zahlenden Masse gut gehen lassen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Denn es ist gerade der 'kleine Teil', der sich im Vorbereitungsteam den Kopf darüber zerbricht, wie der Familiengottesdienst attraktiv gestaltet werden kann, und der beim Pfarrfest hinter der Kuchentheke steht. Und es ist der kleine Teil, der es aushält, Sonntag für Sonntag in großen, leeren Kirchen zu sitzen, und trotzdem mit Herz die Auferstehung Jesu zu feiern, die bei aller Betriebswirtschaftslogik nun einmal nicht aus dem Katholizismus wegrationalisierbar ist." 
Was fällt uns daran auf? Dass die Feststellung, "die Auferstehung Jesu" sei "nun einmal nicht aus dem Katholizismus wegrationalisierbar", ein bisschen nach "leider" klingt, halte ich für durchaus beabsichtigt, allerdings wohl eher im Sinne einer ironisch-provokanten Spitze gegen Flügges "Betriebswirtschaftslogik". Wenn das so gemeint ist, dann bin ich da (natürlich) auf ihrer Seite. Hervorhebenswert erscheint mir aber etwas ganz Anderes: Wenn ich mal von meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Pfarreialltag ausgehe, dann möchte ich die These wagen, die, die "sich im Vorbereitungsteam den Kopf darüber zerbr[echen], wie der Familiengottesdienst attraktiv gestaltet werden kann", die, die "beim Pfarrfest hinter der Kuchentheke" stehen, und die, die "Sonntag für Sonntag in großen, leeren Kirchen [...] sitzen", seien im Wesentlichen drei verschiedene Gruppen (wenn auch natürlich nicht ganz ohne Schnittmengen). Und da könnte man nun eine lustige Denksportaufgabe draus basteln: Welches Element passt nicht in die Reihe? 

Außerhalb der hier zitierten Passage scheint es mir bezeichnend, dass Theresia Lipp die Einschätzung Flügges, "[a]uch auf dem Katholikentag nähmen wieder nur die zehn Prozent teil, die ohnehin aktiv in der Kirche sind – die 90 Prozent der anderen Kirchensteuerzahler erreiche das Treffen in Münster nicht", nicht hinterfragt -- sondern sich darauf beschränkt, den Umstand, dass das (angeblich) so sei, ausdrücklich zu rechtfertigen: "Dass genau diese Menschen jetzt beim Katholikentag einfach einmal da sein und ihren Glauben feiern dürfen, ist mehr als gerechtfertigt." 

Äh, Moment mal. 

Der Katholikentag als ein Ort, an dem das kirchliche Kernmilieu, auch "heiliger Rest" genannt, seinen Glauben feiern darf? Na gut, sicherlich darf dieses Milieu das, wenn es denn schmerzfrei genug ist, aber die Vorstellung, dass das der Sinn und Zweck des Katholikentags sei, erscheint mir doch reichlich bizarr. Vielleicht war das früher™ mal so, aber so lange ich mich erinnern kann, steht der Katholikentag doch eher im Zeichen von Visionen einer "anderen Kirche", einer "Kirche der Zukunft", die mit dem, was man sich teils zu Recht und teils etwas klischeehaft überzeichnet als "typisch katholisch" vorstellt, möglichst wenig gemein haben soll. Genau deshalb konnte Flügge da ja auch so prima sein Buch promoten und hat sich veranlasst gesehen, seine im Vorfeld geäußerte Kritik an diesem Event flugs zurückzunehmen

Aber letztlich läuft das natürlich wieder auf die Frage hinaus, wen man denn nun zum sogenannten "heiligen Rest" zählt und wen nicht. Die mit den attraktiv gestalteten Familiengottesdiensten gehören möglicherweise durchaus zum Kernmilieu des Katholikentags. 


Ein entschieden anderes Bild vom "heiligen Rest" zeichnet Rudolf Gehrig in seinem so betitelten Beitrag in der Kolumne "Junge Federn" der "Tagespost". Darin beschreibt er die "maximal zwanzig Leute", die sich in einer ungenannten Kirche vor einer Werktags-Abendmesse zur Eucharistischen Anbetung versammeln: 
"Vor mir knien zwei ältere Damen im Pelzmantel, von denen eine mit stoischer Gelassenheit einen Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lässt, obwohl gerade aus dem Andachtsbuch gebetet wird. Rechts von mir ein alleinstehender Herr mittleren Alters, dessen Fistelstimme auch bei einsetzender Orgel noch herauszuhören ist. Weiter vorn eine Frau mit langen, dünnen Haaren und einer verfransten Stofftasche, in der mehrere Wallfahrtsbroschüren und fromme Andachtsgegenstände stecken.
[...]
Was für ein Kuriositäten-Kabinett, schießt es mir durch den Kopf. Ist dies der 'heilige Rest', das letzte Aufgebot? Ist das alles, was von Mutter Kirche übriggeblieben ist? Will ich mit diesen Leuten überhaupt etwas zu tun haben?",
fragt sich der 24-jährige Verfasser -- um dann im letzten Absatz doch festzustellen: 
"Und doch bin ich einer von ihnen. Es macht mich stolz, zu dieser Kirche zu gehören, in der wir unperfekten Menschen einen Platz haben. Die Jugend, die angeblich die Zukunft und Hoffnung der Kirche ist, gehört genauso dazu wie die Rosenkranz-Oma und der Stofftaschen-Opa, der später seine einlaminierten Bilder vom Barmherzigen Jesus in der Sakristei verteilen wird. Wir sind Kirche. Unter anderem." 
Ich brauche wohl kaum lang und breit auszuführen, auf welcher Seite hier meine Sympathien liegen. Tatsächlich kann ich die Beobachtungen, die Rudolf Gehrig schildert, und auch die zunächst wenig freundlichen Gedanken, die ihm dabei kommen, aus eigener Erfahrung ebenso nachvollziehen, wie ich mich auch mit seinem Fazit identifizieren kann. Um aber abschließend dennoch noch einmal auf Theresia Lipp zurückzukommen: Ihre Vorbehalte gegenüber den Konzepten derer, die wie Erik Flügge die Kirche "neu erfinden" wollen, konkretisieren sich in der Einschätzung, diese könnten "den wenigen aktiven Mitgliedern noch das letzte bisschen Glaubensfreude wegnehmen". Und das gibt dann doch zu denken -- dass sie meint, auch im sogenannten Kernmilieu der Kirche ließe sich lediglich ein bisschen Glaubensfreude vorfinden. Rudolf Gehrig, so scheint mir, hat von dieser Freude ein gutes Stück mehr gesehen. Es kommt wohl immer darauf an, wo man sie sucht...