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Mittwoch, 16. August 2017

In der Abseitsfalle

Schreck und graus: Die Deutsche Bischofskonferenz hat ein „Nachfolgeprojekt“ zu „Valerie und der Priester“ lanciert. So ähnlich, nur anders. Unter dem Namen „Gott im Abseits“. Und mit vertauschten Geschlechterrollen, das heißt: mit einem männlichen Journalisten und einer Ordensschwester (oder mehreren). Plötzlich finde ich es gar nicht mehr so schlimm, kein funktionierendes WLAN zu Hause zu haben.

(Ja, ich schreibe dies in einem... äh... Lokal. Gerngeschehen.)

Meine erste Reaktion auf die ungebeten über mich hereingebrochene Information bestand darin, mich mit einer Freundin und Bloggerkollegin über die Frage auszutauschen, ob man die Projektverantwortlichen bei der DBK nicht einfach in die Wüste schicken könnte, ehe sie noch mehr Unheil anrichten. Oder in ein Bergkloster in den Anden, zwecks ca. dreijähriger Schweigeexerzitien. 
„Wir wollen ihnen ja nichts Böses.“
„Ja, aber sie wollen uns etwas Böses! Auch wenn sie es nicht merken und denken, es wäre etwas Gutes. Das sind die Schlimmsten!“

Unerbittlich spülte mir Facebook einen Teaser-Text zur ersten Folge von „Gott im Abseits“ in die Timeline. „Ich finde die katholische Kirche schwierig“, bekennt da der „kirchenferne Journalist“, der die zweifelhafte Aufgabe übernommen hat, die neue Valerie zu werden, „weil sie an ihren althergebrachten Strukturen nicht rütteln will, Frauen systematisch draußen hält, sich von der Welt um sie herum immer mehr entfernt und weil sie nicht unsere Sprache spricht.“. Ächz bzw. gähn. In der FB-Gruppe „Ein ungenanntes Bistum“ wurde ich zudem über einen Artikel auf katholisch.de informiert, in dem der junge Mann – nennen wir ihn mal Valerio – zu Protokoll gibt: „Die katholische Kirche ist mehr als der Papst und die alten Kardinäle, die sich zu manchen gesellschaftlichen Themen äußern, als wären wir noch im 16. Jahrhundert.“ Ein befreundeter Priester kommentierte treffend: 
„Die gesamtgesellschaftliche Norm ist heute wohl der großstädtische Journalist anfang 20 mit geringer Kenntnis festen Vorurteilen, verschwurbelter Sprache und großem Selbstbewusstsein?“

Foto: Tim Green (Quelle hier

Nein, ich bin nicht „gespannt“, wie sich „das Projekt entwickelt“.
Nein, ich will nicht „abwarten, ob es vielleicht besser wird, als ich denke“.
Ich will auch nicht darüber diskutieren, ob auch „Valerie und der Priester“ vielleicht besser war, als ich meine. Ob es, über bloße „Reichweite“ hinaus, doch irgend etwas Sinnvolles „gebracht“ hat.


Ich will einfach nur, dass es aufhört.  


Montag, 14. August 2017

Spandau: Nazi-Demo wegbeten!

Die Katholische Kirche feiert heute den Gedenktag des Hl. Maximilian Kolbe, der vor 76 Jahren - nachdem er zwei Wochen lang im Hungerbunker überlebt hatte - im Lager Auschwitz durch eine Injektion getötet wurde. Der Ordenspriester, Missionar und Publizist war erstmals im Dezember 1939 und erneut im Februar 1941 von der Gestapo festgenommen worden und im Mai 1941 nach Auschwitz verlegt worden. Als mehrere Gefangene als Vergeltungsmaßnahme für die vermeintliche Flucht eines anderen Häftlings in den Hungerbunker gesperrt werden sollten, meldete Pater Kolbe sich freiwillig, um dem Familienvater Franciszek Gajowniczek dieses Schicksal zu ersparen. Gajowniczek erreichte ein Alter von 93 Jahren und starb 1995. 

Am kommenden Sonnabend, dem 19. August, ist der 30. Todestag des NS-Spitzenfunktionärs und verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Heß. Zu diesem Anlass ist in Berlin-Spandau eine Demonstration unter dem Motto "Mord verjährt nicht! Gebt die Akten frei - Recht statt Rache" angemeldet worden, die offenkundig - ebenso wie die "Rudolf-Heß-Gedenkmärsche", die von 1988 bis 2004 an seinem Begräbnisort Wunsiedel oder vereinzelt auch an anderen Orten stattfanden - darauf abzielt, Heß zum Märtyrer zu stilisieren. Angesichts des erwarteten Aufmarschs von bis zu 1.000 Neonazis hat ein Bündnis verschiedener Vereine, Parteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen zu einer Gegenkundgebung aufgerufen. Unter den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Gemeinsam gegen Nazi-Heldengedenken" sind auch "Katholische Pfarrgemeinden in Spandau" aufgeführt.  

Rudolf Heß war seit 1920 Mitglied der NSDAP, die damals noch "Deutsche Arbeiterpartei" (DAP) hieß, war ein schwärmerischer Verehrer Adolf Hitlers und trug erheblich zur Ausgestaltung des "Führerkults" in der NS-Bewegung bei; ab 1933 trug er den Titel "Stellvertreter des Führers". Während das Ausmaß seines Einflusses innerhalb der sehr komplexen Hierarchie des NS-Systems unter Historikern umstritten ist, steht fest, dass Heß persönlich an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassegesetze beteiligt war; noch während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses 1946 bekannte er sich als überzeugter Nationalsozialist und glühender Anhänger Hitlers. 

Diese Fakten lassen wohl kaum einen Zweifel an der Gesinnung derjenigen zu, die zu Heß' 30. Todestag eine Gedenkveranstaltung für ihn ausrichten wollen. Das dürfte Grund genug sein, sich dem "Nazi-Heldengedenken" entschieden entgegenzustellen - auch und gerade aus einer christlichen Haltung heraus. 

Das Wrack der Messerschmidt Bf 110, mit der Rudolf Heß 1941 nach Schottland flog (Bild: gemeinfrei). 
Dennoch mag es - aus mehr als nur einem Blickwinkel - als nicht unproblematisch erscheinen, wenn katholische Pfarreien in der Unterzeichnerliste des besagten Aufrufs Seite an Seite etwa mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, dem vom Verfassungsschutz beobachteten Bündnis "Aufstehen gegen Rassimus", dem Berliner und Spandauer Bündnis gegen Rechts sowie den lokalen Verbänden von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke erscheinen. Für ein gewisses Unbehagen daran gibt es mehrere nachvollziehbare Gründe. Mit dem Slogan "gegen rechts" verbindet sich heutzutage Manches, was es Menschen, die sich in unterschiedlichem Maße als nicht unbedingt links definieren, schwer macht, sich damit zu identifizieren. Von seiner Entstehungsgeschichte her bedeutet der Begriff "rechts" im politischen Koordinatensystem zunächst einmal "konservativ" - wird aber heute zunehmend gleichbedeutend mit "rechtsextrem" verwendet, und diese begriffliche Unklarheit führt nicht selten dazu, dass tatsächlich kaum mehr zwischen klassisch konservativen und rechtsextremen Standpunkte unterschieden wird bzw. beides munter in einen Topf geworfen wird. Einen Topf, in dem sich zunehmend auch "christliche Fundamentalisten" und/oder "Ultrakatholiken" wiederfinden. Da mag es nahe liegen, zu sagen: "Was heißt hier 'gegen rechts'? 'Rechts' ist nicht gleich 'Nazi'!" -- Im vorliegenden Falle geht es nun aber tatsächlich um Nazis. Und nun? 

Freilich: Sich als gläubiger Katholik an der Gegendemo zum Heß-Gedenkmarsch zu beteiligen, hieße, gemeinsam mit den Leuten auf die Straße zu gehen, die einen für nicht viel besser als die Nazis halten, gegen die man Stellung bezieht. Ich kann verstehen, wenn man da Bedenken hat. Man steht einfach so oft auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade - metaphorisch gesprochen, zuweilen aber auch ganz physisch, beispielsweise beim Marsch für das Leben, der auch schon wieder vor der Tür steht (nämlich vier Wochen nach der Heß-Demo). Manch ein konservativer Katholik mag da sagen: "Ich bin zwar mit dem Anliegen einverstanden, möchte es aber nicht verantworten, zusammen mit Ex-Kommunisten, Abtreibungsbefürwortern und Gender-Extremisten zu demonstrieren." Nun gut, letztlich ist das wohl eine Gewissensfrage - aber eins möchte ich dabei zu bedenken geben: Wenn wir so argumentieren, was sollen wir dann antworten, wenn wir gefragt werden, wie wir es verantworten können, beim Marsch für das Leben gemeinsam mit der AfD zu demonstrieren? 

Ich weiß - wir können sagen: "Die AfD nimmt als solche nicht am Marsch für das Leben teil, und wenn Mitglieder der Partei es tun, dann tun sie es als Privatpersonen. Es werden keine Partei-Logos und keine parteipolitischen Slogans geduldet, und die Partei ist auch nicht Mitveranstalter des Marsches. Deshalb ist das etwas Anderes." Diese Aussage ist sachlich korrekt, und ich habe auch selbst schon so argumentiert. Aber wäre es nicht noch besser, sagen zu können: "Das Anliegen ist mir wichtig genug, um es auch gemeinsam mit Personen oder Gruppen zu vertreten, mit denen ich in anderen Fragen ganz und gar nicht einverstanden bin"? Und sollte das dann nicht auch für eine klare Positionierung gegen die Glorifizierung von NS-Kriegsverbrechern gelten?

Aber es geht nicht nur um Äquidistanz, und es geht auch nicht nur darum, sich gegenüber Leuten, die einen gern in die "rechte Ecke" stellen möchten, keine Blöße zu geben. Noch weit mehr geht es darum, auch dann konsequent für das einzustehen, woran man glaubt, wenn es im Horizont des gängigen politischen Lagerdenkens widersprüchlich wirkt - und sich dabei vor Beifall von der falschen Seite ebensowenig zu fürchten wie vor Diffamierung.

Ich halte es übrigens für wahrscheinlich, dass es auch den Vertretern linker Gruppierungen seltsam erscheinen dürfte, gemeinsam mit den Leuten zu demonstrieren, die sie vier Wochen später vom Straßenrand aus obszön beschimpfen und mit Kondomen und Tampons bewerfen wollen. Sollen wir ihnen dieses Unbehagen ersparen? Ich denke nicht! Dass eine solche Irritation dazu beitragen könnte, festgefügte ideologische Voreingenommenheiten zu erschüttern, mag wenig wahrscheinlich sein; aber haben wir als Christen nicht die Pflicht, es wenigstens zu versuchen? Schließlich haben wir einen Missionsauftrag, und der erstreckt sich auch auf linke Aktivisten. Auch die brauchen Christus, wenn sie es auch vielleicht nicht wahrhaben wollen. Wie aber sollte man ihnen die Frohe Botschaft bringen, wenn man ihnen konsequent aus dem Weg ginge?

-- An dieser Stelle ein persönliches Wort. Ich laboriere ja an der schwer besiegbaren Vorstellung, dass radikale Christen und radikale Linke mehr gemeinsam haben, als (vermutlich) beide Seiten wahrhaben möchten. Um eine Formulierung zu benutzen, zu der mich jüngst eine Freundin und Mitkatholikin angeregt hat: In meinem inneren Spanischen Bürgerkrieg erschieße ich mich täglich gegenseitig. Umso mehr, seit ich Dorothy Day lese. In der von ihr mitbegründeten Zeitung The Catholic Worker schrieb sie im November 1949:
"Zweifellos sind wir mit der Kommunistischen Partei uneins, aber wir sind auch mit den anderen politischen Parteien uneins, die sich der Aufrechterhaltung des status quo verschrieben haben. Wir denken nicht, dass das gegenwärtige System es verdient, aufrecht erhalten zu werden. Wir und die Kommunisten haben die gemeinsame Idee, dass etwas Anderes notwendig ist, dass eine andere Vision von Gesellschaft verfochten und angestrebt werden muss. Zweifellos sind wir nicht und immer wieder nicht einverstanden mit den Mitteln, die sie wählen, um ihre Ziele zu erreichen, denn, wie wir vielfach wiederholt haben: Die Mittel werden schließlich selbst zum Zweck."
Zu Themen wie beispielsweise Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hätten Christen und Linke einander zweifellos allerlei zu sagen. Ohne Frage haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen nicht nur davon, auf welchem Wege diese Ziele zu erreichen sind, sondern auch davon, was diese Begriffe überhaupt bedeuten. Und es ist wichtig, diese Gegensätze nicht herunterzuspielen oder zu verwischen. Aber um sich darüber zu verständigen, wo man miteinander uneins ist und warum, muss man erst mal überhaupt miteinander reden. Wenn die andere Seite dazu nicht bereit ist, sollten wir es umso mehr sein. Und was wäre dafür geeigneter als ein Anlass, bei dem man sich tatsächlich einig ist - einig in der Gegnerschaft gegen die Relativierung von Nazi-Verbrechen? --

Was ich mit alledem sagen will: Ich halte es für wichtig, dass nicht nur auf der Unterzeichnerliste des Aufrufs "Gemeinsam gegen Nazi-Heldengedenken" die katholischen Pfarreien Spandaus verzeichnet sind, sondern dass gläubige, entschiedene Katholiken bei der Gegendemonstration gegen den Nazi-Aufmarsch in signifikanter Anzahl auftauchen und auch als Gruppe sichtbar und identifizierbar sind, Damit die Botschaft ankommt, und zwar auf allen Seiten. Ich würde mir bei der Demo einen "katholischen Block" wünschen, idealerweise angeführt von Priestern in Soutane. Bringt Banner mit, betet den Rosenkranz. singt Hymnen - was auch immer, aber sorgt dafür, dass Ihr erkannt werdet! Wenn die Linken dann ein Problem damit haben, mit Euch zusammen zu demonstrieren, ist das deren Problem.

Ich selbst habe jedenfalls fest vor, hinzugehen.

Samstag, 12. August 2017

Nennen wir's doch die "Willehad-Option"!

Nachdem die Diskussion über meinen vorigen Artikel ziemlich stark von der eigentlich eher "anekdotischen" Bezugnahme auf "Minervas Hexenhof" dominiert worden ist - dazu vielleicht irgendwann noch mal ein Nachtrag -, möchte ich die Aufmerksamkeit meiner Leser nun aber mal darauf lenken, dass ich mir mit der Bemerkung 
"[G]etan werden muss etwas - nicht nur für die Urlauber, sondern erst recht für die Einheimischen. Sonst wird es in zehn, fünfzehn oder spätestens zwanzig Jahren in Butjadingen keine Katholische Kirche mehr geben
gegen Ende des besagten Artikels durchaus absichtsvoll eine Vorlage zugespielt habe -- denn ich müsste wohl nicht der Tobi sein, wenn ich mir zum Was und Wie dieses Handlungsbedarfs nicht schon so meine Gedanken gemacht hätte. Nicht nur, weil ich emotional einfach sehr an diesem Fleckchen Erde (und der dortigen Kirche) hänge. Sondern auch, weil sich im Mikrokosmos des Gemeindegebiets von St. Willehad das mähliche Abnippeln der alten Volkskirche besonders deutlich beobachten lässt - weshalb sich, so meine ich zumindest, ebendieser Mikrokosmos auch für die Entwicklung von Pilotprojekten eignet, die einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise aufzeigen könnten. 

Standbild des Pfarrpatrons vor der katholischen KiTa in Nordenham. 
Schon vor ein paar Monaten hatte ich hier über den geplanten Verkauf eines der Pfarrei gehörenden Hauses im Nordseebadeort Tossens berichtet und dabei mein Bedauern geäußert, dass die Pfarrei das Haus nicht, statt es zu verkaufen, für ein irgendwie "punkpastorales" Projekt zur Verfügung stellt. Wobei ich das nicht unbedingt als Kritik an den Entscheidungsträgern in der Pfarrei meinte - denn dass die von allein auf so eine Idee hätten kommen sollen, wäre schlicht nicht zu erwarten gewesen, und woher hätten sie die Leute für so ein Projekt auch nehmen sollen? 

Überrascht war ich allerdings, als mein Artikel über das Haus in Tossens Reaktionen hervorrief wie "Warum kauft ihr das Ding nicht einfach?". Was gar so einfach freilich nicht ist - und das meine ich nicht in erster Linie finanziell. Das Geld würde man schon irgendwie auftreiben (dazu später mehr). Gravierender ist, dass es für meine Liebste und mich derzeit nicht in Frage kommt, nach Butjadingen zu ziehen. In sechs bis zehn Jahren könnte das eine interessante Option werden, aber zum gegebenen Zeitpunkt definitiv nicht, aus einer Reihe privater und beruflicher Gründe. (Hinzu kommt, dass ich in der Pfarrei St. Willehad, und nicht zuletzt auch in den Gremien der Pfarrei, umstritten bin. Was ebenfalls ein Grund dafür sein dürfte, dass bei einem Projekt, das letztlich auf die Kooperation oder zumindest Koexistenz mit der Ortspfarrei angewiesen wäre, nicht ausgerechnet ich in der ersten Reihe stehen sollte.) Dennoch sagten wir uns: Sich ein Konzept dafür zu überlegen, was man in einem Haus wie diesem veranstalten könnte, kann ja nicht schaden. Haben wir ein Konzept, findet sich vielleicht auch jemand, der's macht - zumindest ist die Wahrscheinlichkeit dafür größer, als wenn man kein Konzept hat. Und wenn es jetzt und mit diesem Haus nicht klappen sollte, wird es sicherlich in Zukunft noch Gelegenheiten geben, bei denen man so ein Konzept - mit gewissen Anpassungen - noch gebrauchen kann. 

Das war Ende Mai, und inzwischen hat sich ein bisschen was getan - nicht zuletzt auch dadurch, dass meine Liebste und ich kürzlich persönlich vor Ort waren und uns ein bisschen umgesehen haben. An dieser Stelle erhebt sich natürlich die Frage, wie tief ich mir eigentlich in die Karten schauen lassen will bzw. sollte. Aber ich sag mal so: Mitstreiter bräuchte ein solches Projekt ohnehin - in erster Linie jemanden, der bereit wäre, das Haus tatsächlich zu bewohnen, idealerweise eine Familie; aber auch noch weitere Unterstützer -, und da scheint es ja nicht ganz abwegig, dass man diese unter den Lesern meines Blogs finden könnte. Allzu sehr ins Detail gehen werde ich hier nicht (interessierte Leser dürfen gern persönlich bei mir nachfragen), aber ein paar Eckdaten dazu, was uns so vorschwebt, möchte ich doch schon mal vorstellen. 

Ich darf vorstellen: DasHaus! 

Zunächst ganz grundsätzlich: Worum es bei dem ganzen Projekt gehen soll, wäre eine Kombination aus "alternativem Wohnprojekt", Gästehaus und Exerzitienzentrum, entschieden katholisch ausgerichtet und gleichzeitig mit einem nicht geringen "Punk-Faktor". Wie schon gesagt, könnte man sich ein solches Konzept sicherlich auch an anderen Orten vorstellen; ich habe aber mal zusammengetragen, was konkret für genau dieses Haus spricht. Das lässt sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen: 
  • Die Größe. Man könnte unschwer 8-10 Personen in dem Haus unterbringen, unter etwas "asketischen" Bedingungen, wie etwa in einer Pilgerherberge im Stil von Grañón, wahrscheinlich noch mehr. Das Obergeschoss ist bereits für die Nutzung als Gästehaus "vor-optimiert": Es gibt drei kleine und ein etwas größeres Gästezimmer, eine Wohnküche und zwei Badezimmer. Das Erdgeschoss wäre eher als "Familienwohnung" geeignet, wobei das Wohnzimmer gleichzeitig auch als Gemeinschaftsraum zu nutzen wäre - dazu später mehr. 
  • Die Lage. Etwa auf halbem Wege zwischen dem Strand und dem eigentlichen Dorf Tossens gelegen, ist das Haus gewissermaßen abgeschieden und zentral zugleich und bietet somit die perfekte Balance zwischen Zurückgezogenheit und Erreichbarkeit, letztere gleichermaßen für Einheimische wie für Urlauber. Obendrein befindet sich direkt nebenan das "Kommunikationszentrum OASE" der katholischen Pfarrei, das auch einen geweihten Sakralraum beherbergt. 
Soweit, so schön. Nun mal angenommen, man hätte das Haus und hätte auch Leute, die bereit sind, es zu bewohnen. Was wäre dann zu tun? Meine Liebste bringt es wie folgt auf den Punkt: 
"Erst mal müsste man in Haus und Garten eine ganze Menge in Ordnung bringen, Kontakt zu den Einheimischen aufbauen und pflegen, eventuell eine Foodsharing-Initiative starten - und ansonsten für das Projekt beten. Und damit wäre dann auch schon ein Jahr rum." 
Tatsächlich bieten die genannten Punkte aber bereits ein ganz beachtliches Potential an Synergieeffekten. Die notwendigen Instandsetzungsarbeiten in Haus und Garten - die Fenster im Erdgeschoss müssen erneuert werden, einige Räume haben grässliche Teppichböden, die nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus hygienischen Gründen hochproblematisch sind; im Garten müsste der Baum- und Strauchbestand gründlich ausgelichtet werden, der Carport (oder sagen wir lieber Schuppen) sieht akut einsturzgefährdet aus, und dann gibt es da noch einen schlammigen Tümpel... -, könnte man teilweise in Form von Exerzitien gestalten. Hat doch was sehr Benediktinisches. Ob der besagte Tümpel noch zu retten (und zu einem schönen Fischteich umzugestalten) ist, mag fraglich sein, aber es wäre so schön symbolisch... 





Sodann könnte man sich über das Foodsharing-Netzwerk zum Regionalbeauftragten für die Wesermarsch ernennen lassen (da gibt es nämlich noch keinen), regelmäßig den Nordenhamer Wochenmarkt und evtl. auch noch einige Bäckereien und sonstige Lebensmittelläden abgrasen und in großem Stil Marmelade und Gemüsesuppe einkochen - und dann im Sinne benediktinischer Gastfreundschaft jeden zufällig vorbeikommenden Besucher mit einem Marmeladenbrot u./o. einem Teller Suppe begrüßen... A propos benediktinische Gastfreundschaft: Zur "Hausordnung" sollte es auch gehören, immer mindestens einen Schlafplatz für unangekündigte Gäste freizuhalten. Platz ist ja genug. 

Als Kontaktangebot für Einheimische böte sich eine Teestunde an, die man unkompliziert durch Aushänge im Supermarkt und beim Bäcker bewerben könnte. Idealerweise sollte sie täglich stattfinden - wenn keiner kommt, trinken die Hausbewohner den Tee eben alleine. - Das Wohnzimmer im Erdgeschoss böte sich dafür an; es grenzt an eine Terrasse, zu der von der Einfahrt ein gepflasterter Fußweg führt, allerdings müssten sowohl die Terrasse als auch dieser Weg erst mal wieder hübsch hergerichtet werden, dann könnte man die Terrassentür als Besuchereingang nutzen. 

Verbindet man die Teestunde mit dem Stundengebet (Terz oder Non, je nachdem, ob vormittags oder nachmittags), hat man gleich eine Querverbindung zum Punkt "für das Projekt beten" hergestellt. Aber auch davon abgesehen wäre die Pflege des Stundengebets ein wichtiger Punkt der "Hausordnung". Wenn es gut läuft, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Pfarrei sich mittelfristig bereit findet, einmal in der Woche (oder so) den Sakralraum der "OASE" für Vesper oder Komplet zur Verfügung zu stellen. In diese Richtung mal weitergedacht: Wenn man im Haus einen Priester zu Gast hat, könnte man mit der Pfarrei vermutlich auch darüber reden, diesen in der "OASE" mal eine Messe für die Bewohner und Gäste des Hauses zelebrieren zu lassen - die dann aber natürlich auch allen anderen Interessierten offen stehen sollte. 

Soweit erst mal ein paar konzeptionelle Schlaglichter. Wie schon angedeutet, ist der Punkt, an dem das Konzept derzeit am meisten hakt, derjenige, dass irgendjemand dauerhaft in dem Haus wohnen (und dadurch dann auch der primäre Ansprechpartner für Nachbarn und Gäste sein) wollen muss. -- Und was ist nun mit dem Geld? Nun ja: Tatsächlich kenne ich niemanden, der eine Summe, die sowohl den Kaufpreis für das Haus (samt Grunderwerbsnebenkosten) als auch die nötigsten Investitionen für Instandsetzung und -haltung und die Betriebskosten für das erste Jahr abdecken würde, einfach so bei sich rumliegen hat. Trotzdem bin ich der Meinung: Wären wir erst mal so weit, dass nur noch das Geld fehlt, dann würde das Geld schon irgendwo her kommen. Hierzu etwas aus der Rubrik "Von Dorothy Day lernen heißt siegen lernen"
"Im Frühjahr 1937 expandierte [die Catholic Worker Farm], indem eine weitere Farm mit einem kleinen Haus und zwei Scheunen am Fuß des Hügels, zu der eine steile, steinige Straße von einer Viertelmeile Länge führte, zuerst gemietet und dann gekauft wurde. Es gelang ihnen, diese untere Farm für 4.000 Dollar zu erwerben - wie Dorothy behauptete, durch das Beten der sogenannten "Gib-mir-Novene", besser bekannt als Rosenkranznovene. Drei Novenen lang (also dreimal neun Tage) bat man um etwas, das man brauchte, und dann, ob die Bitte erhört worden war oder nicht, begann man drei weitere Novenen in Dankbarkeit. Wenn das nicht wirkte, wiederholte man den gesamten Zyklus, und ehe man damit fertig war, hatte man das erhalten, wofür man gebetet hatte. 'Das ist die Art von Geschichten', schrieb Dorothy, 'die die Leute auf die Palme bringt, die uns abergläubisch nennen.'"
(aus: Kate Hennessy: "Dorothy Day - The World will be saved by Beauty", Simon & Schuster 2017, S. 106.) 
Meine Liebste hat bereits damit angefangen. Gebete für eine spezielle Novene zusammenzustellen... 



P.S.: Es soll nicht verschwiegen werden, dass ganz in der Nähe ein abschreckendes Beispiel in Sachen Hausprojekt zu bewundern ist - die ehemalige Christkönig-Kirche in Stollhamm, die 2014 profaniert und 2015 mitsamt zwei Nebengebäuden an Privatleute verkauft wurde. Die Käufer beabsichtigten, den denkmalgeschützten Kirchenraum unter dem Namen "K3" ("Kleine Kultur Kapelle") als Veranstaltungsort zu nutzen und durch Ferienwohnungen in den Nebengebäuden querzufinanzieren. Im Herbst 2016 gab es dann auch eine Eröffnungsveranstaltung im K3, aber seitdem scheint das Projekt irgendwie in halbfertigem Zustand steckengeblieben zu sein. Darüber wird es evtl. noch mehr zu sagen geben - wenn ich mit dem Eigentümer Kontakt aufgenommen haben werde... 





Montag, 7. August 2017

Wer darf Gast sein in deinem Zelt?

Vorige Woche haben meine Liebste und ich zusammen mit meiner Mutter einen Ausflug an den Burhaver Strand unternommen - jenen Strand, an dem ich, meinen Erinnerungen zufolge, einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe, wenngleich ich mir selber sage, dass meine Erinnerungen da wohl ein bisschen übertreiben. Wir spazierten an der Strandpromenade entlang, an der es eine Reihe teils mehr, teils weniger ansprechender moderner Kunstwerke zu bewundern gab, und schauten auch mal beim "Kirchenzelt" von "Willi's - Die Urlauberkirche in Butjadingen" und "Kirche unterwegs" vorbei. Leider war dort niemand anzutreffen und das Zelt geschlossen. 






"Willi's - Die Urlauberkirche in Butjadingen" ist die seit 2015 bestehende Urlauberseelsorge-Initiative der Pfarrei St. Willehad, die von Diakon Christoph Richter geleitet bzw. koordiniert wird und deren Programm von wechselnden Teams von Freiwilligen gestaltet wird. Dieses Jahr arbeitete "Willi's" in den Kirchenzelten in Burhave und Tossens mit der "Kirche unterwegs" der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Oldenburg zusammen. Ökumene wird groß geschrieben in diesem Landstrich.

Das "Mission Statement" der Urlauberkirche lautet wie folgt: 
"Unser Ziel ist es, Kindern und deren Eltern im Urlaub eine positive Begegnung mit Kirche zu ermöglichen. Dabei spielen religiöse Inhalte eine zentrale Rolle." 
Das klingt ja erst mal nicht unbedingt schlecht, wenn auch für mein Empfinden ein bisschen arg harmlos. Auf den zweiten Blick gibt es in diesen Text ein paar Auffälligkeiten. Einmal, dass "Kirche" ohne bestimmten Artikel verwendet wird; das ist eine sprachliche Eigentümlichkeit, die vor allem für "progressive" Kreise typisch ist und die bei genauerem Nachdenken auch ein spezifisches Kirchenverständnis erahnen lässt, dem es eher um die gesellschaftliche Funktion oder Rolle "von Kirche" geht als darum, was DIE KIRCHE in sich selbst ist. Präziser kann ich das leider nicht ausdrücken, aber auf Echo Romeo gab's schon vor fast drei Jahren einen klugen Beitrag dazu. Und dann: Gut und schön, wenn bei einem kirchlichen Angebot "religiöse Inhalte eine zentrale Rolle" spielen; aber wenn das so ausdrücklich hervorgehoben werden muss, versteht es sich offenbar nicht von selbst. Und wenn es sich nicht von selbst versteht, dann wirkt dieser Hinweis fast schon wie eine Warnung, zumindest aber wie eine Entschuldigung. Überhaupt erscheint mir der Begriff "religiöse Inhalte" arg distanziert und darum sperrig. Geht es um Gott? Um Jesus Christus? Um Glauben? Na, dann sagt das doch! Aber "religiöse Inhalte", das klingt doch sehr igittebah. 

Trotzdem oder gerade deswegen hätte ich mir gern mal angesehen, was die Urlauberkirche denn so macht, und fand es recht enttäuschend, im bzw. am Kirchenzelt niemanden anzutreffen. Das mag Zufall sein, vielleicht waren wir einfach nur zur exakt falschen Zeit da - aber ich fragte mich dennoch, ob der Sinn eines solchen "Kirchenzelts" am Strand nicht zu einem bedeutenden Teil auch darin bestehen müsste, einen Anlaufpunkt für Leute zu bieten, die "nur mal kucken" wollen. Beim geschlossenen Zelt gab es jedoch nicht mal Infomaterial zum Mitnehmen und auch keine Hinweise auf die nächste(n) Veranstaltung(en).  

Flyer, die über die Aktivitäten der Urlauberkirche informierten, gab es zwar, aber es dauerte noch mehrere Tage, bis ich mal einen in die Finger bekam. Die lagen nämlich ausschließlich in den Kirchen bzw. kirchlichen Einrichtungen aus. Im Gegensatz etwa zu Flyern von "Minervas Hexenhof", die in jeder Bäckerei, in jedem Restaurant, in jedem Laden auslagen. 

Ich schätze, da muss ich jetzt erläutern, was es mit "Minervas Hexenhof" auf sich hat und warum ich ihn in diesem Zusammenhang erwähne. Nun wohl: "Minervas Hexenhof" ist ein Resthof etwas außerhalb von Tossens, auf dem eine sich selbst als Hexe bezeichnende Dame namens Minerva (bzw. eigentlich Patricia) Winter einen "Magischen Hofladen" betreibt, Führungen durch ihren Kräutergarten veranstaltet und so allerlei "spirituelle" oder "therapeutische" Dienstleistungen aus dem esoterisch-neopagan-okkultistischen Spektrum anbietet. Im Unterschied zur kirchlichen Urlauberseelsorge ist das natürlich ein kommerzielles Angebot, in dem Sinne, dass Mme. Minerva damit ihren Lebensunterhalt bestreitet. Aber umso mehr ist es bemerkenswert, dass dieses Geschäftsmodell funktioniert. Der Hof liegt in the middle of nowhere - von einer Abzweigung der Landstraße zwischen den Badeorten Tossens und Burhave muss man noch knapp 2 Kilometer über Feldwege gurken -, aber die einschlägig interessierte Kundschaft findet trotzdem hin. Hexe Minerva hat eine eigene regelmäßige Sendereihe im Lokalfernsehen, ist oft in der örtlichen Presse präsent, und kürzlich wurde sogar ein Beitrag für das NDR-Magazin "Mare TV" auf ihrem Hof gedreht. Verglichen damit sieht das Eigenmarketing der kirchlichen Urlauberseelsorge doch ein bisschen blass aus. 

Aber was stand denn nun drauf auf den Urlauberkirche-Flyern? Auf der Vorderseite die regelmäßigen Veranstaltungstermine im Kirchenzelt Burhave, auf der Rückseite ein Hinweis auf die Veranstaltungsreihe "Atempause" in der Tossenser "OASE" (aber ohne Informationen zu den Programminhalten der einzelnen Termine), ein Hinweis auf die regelmäßigen Gottesdienste ("Die Orte und Zeiten entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungskalender Butjadingen, der gedruckt überall ausliegt" - im Gegensatz zu diesem Flyer, möchte man hinzufügen) und schließlich Kontakt-Telefonnummern der Seelsorger. Aber noch einmal zurück zur Vorderseite: Was geht im Kirchenzelt? -- Da wären erst einmal Gottesdienste zu nennen, einmal wöchentlich vom 24. Juni bis zum 29. Juli, meist samstags abends, ein paarmal auch sonntags, und zwar immer abwechselnd eine katholische Eucharistiefeier und ein ökumenischer Gottesdienst. Im Gegenzug fallen die regulären Vorabendmessen in der Burhaver Herz-Mariae-Kirche in diesem Zeitraum aus. Und sonst so?
"Montag bis Freitag:
15 Uhr Spiel- und Bastelangebot für Kinder und Familien
19 Uhr Gute-Nacht-Geschichte - Rückblick - Abendlob 
 Mittwoch: Grillabend am Kirchenzelt nach der Gute-Nacht-Geschichte
Sonnabend: Grillwurst (nur bei guter Witterung) nach dem Gottesdienst".  
That's it. Sagen wir's offen: Das ist erstens nicht viel und zweitens - mal abgesehen von den an den Strand verlegten Gottesdiensten, die ansonsten eben in der Kirche stattfinden würden - nicht viel Spirituelles. Auch in dieser Hinsicht ist "Minervas Hexenhof" der Urlauberkirche eine Nasenlänge voraus, denn da gibt es ein spirituelles Angebot. Okay, es ist ein heidnisches - aber wenn die Kirche dem nichts entgegenzusetzen hat, was soll man machen? Bei Minerva kann man für 25 € eine Schamanische Reise machen und seinem Krafttier begegnen. Kann die Kirche da mithalten? Sollte sie eigentlich. "Bei uns begegnest du JESUS CHRISTUS - und zwar gratis!" Aber irgendwie scheinen die Urlauberkirche-Teams sich nicht recht zu trauen, dieses Angebot zu machen. 

Da ich, wie erwähnt, praktisch am Burhaver Strand aufgewachsen bin, habe ich schon seit frühester Kindheit so allerlei Erfahrungen mit Urlauberseelsorge gemacht. Zunächst einmal gab es da die evangelikal ausgerichtete "Strandmission", die vom "Geistlichen Rüstzentrum Krelingen" betrieben wurde. Krelingen ist ein Ortsteil von Walsrode und somit nicht direkt "um die Ecke", aber das Rüstzentrum betrieb ein Gästehaus in Burhave, und im Sommer kamen da immer Teams von Studenten oder solchen, die es werden wollten, hin und machten Programm für Urlauber und Einheimische. Trotz seines etwas militant wirkenden (und daher in neuerer Zeit gern abgekürzten) Namens gehört das GRZ Krelingen zur Evangelischen Landeskirche Hannovers; dennoch war, so lange ich mich erinnern kann, das Verhältnis zwischen "den Krelingern" und der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde stets einigermaßen konfliktbeladen. Auf katholischer Seite gab es ab 1986 die "Strandkorbkirche", deren Teams, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, meist vom BDKJ Münster oder Vechta kamen. Jedes Team blieb für drei Wochen, so wurde mit drei Teams pro Jahr die ganze Sommerferiensaison abgedeckt. Ich ging als Kind und Jugendlicher immer zu beiden Gruppen, zur "Strandmission" UND zur "Strandkorbkirche", aber bei den evangelikalen "Krelingern" gefiel es mir meist besser. Nicht nur, aber mit zunehmendem Alter zunehmend auch deshalb, weil es bei den "Krelingern" immer auf die eine oder andere Weise um Gott, Jesus Christus und den christlichen Glauben ging und bei der "Strandkorbkirche" oft eher um Basteln und Grillen. Wobei, nichts gegen Grillen. 

Das Kinderprogramm der "Strandmission" wurde beworben, indem die Veranstalter mit einem Plakat und einer Gitarre über das gesamte Strandgelände wanderten, ein Einladungslied ("Kommt alle her, hallihallo" - ich hab das heute noch im Ohr) sangen und auf diese Weise die Kinder einsammelten wie weiland der Rattenfänger von Hameln. Klar, dass die Kinder da in Scharen angerannt kamen. Ebenso klar, dass unter den Erwachsenen Gerüchte kursierten, es handle sich um eine Sekte. Ein solches Image scheuen die Vertreter der "großen Kirchen" vermutlich. Und das ist ihr Problem. Das war damals auch schon so. Ich erinnere mich gut, wie meine Schwester und ich in unseren Teenagerjahren ein paar Versuche unternahmen, Kontakte zwischen "Strandmission" und "Strandkorbkirche" herzustellen und sie womöglich zu gemeinsamen Aktivitäten zu bewegen. Die Evangelikalen aus Krelingen waren da zum Teil gar nicht so abgeneigt, die BDKJ-Leute aus Münster und/oder Vechta hingegen zeigten deutliche Berührungsängste.

Was mich nun wieder daran erinnert, dass Diakon Richter so demonstrativ desinteressiert reagierte, als meine Liebste und ich ihm Ende Mai den Vorschlag unterbreiteten, eigene Veranstaltungen zum kirchlichen Sommerprogramm für Urlauber und Einheimische beizusteuern. Zunächst mal wirkt diese Ablehnung ja recht unverständlich. So viel stellt die "Urlauberkirche" ja offenbar nicht auf die Beine, dass da nicht räumliche und terminliche Kapazitäten für zusätzliche Angebote übrig wären. Wieso sollte man da Leute abweisen, die in Eigeninitiative, praktisch ohne zusätzlichen organisatorischen Aufwand und kostenlos (!) etwas beisteuern wollen? - Tatsächlich ist es wohl so, dass so viel freiwilliges Engagement von Außenstehenden bei den eingesessenen Funktionären erst einmal Misstrauen auslöst. Wer weiß, was die da veranstalten, und das fällt dann auf uns zurück. Aber es kommt wohl, wie auch meine Liebste meint, noch etwas Anderes hinzu: Man will im Grunde gar nicht besonders viel auf die Beine stellen, weil man - offen oder insgeheim - davon ausgeht, dass es sowieso keinen interessiert. Also macht man ein Minimalprogramm, und wenn das nur mäßige Resonanz findet, fühlt man sich bestätigt.

Das gilt, wenn man es recht bedenkt, nicht nur für die Urlauberseelsorge, sondern auch für die Aktivitäten der Pfarrei für ihre eigenen Gemeindemitglieder, auch außerhalb der Urlaubssaison. Wie unlängst bereits erwähnt, waren meine Liebste und ich in der Burhaver Herz-Mariae-Kirche zum Rosenkranzgebet und zur Wort-Gottes-Feier. Und wie in diesem Zusammenhang ebenfalls schon erwähnt, machten die Rosenkranz-Vorbeterinnen nicht nur den Eindruck, dass sie nicht mit anderen Mitbetern rechneten, sondern nahmen auch keinerlei Notiz davon, dass doch welche da waren. Bei der Wort-Gottes-Feier war das zwar anders, aber auch da sah es stark danach aus, dass es einen kleinen "harten Kern" von Teilnehmern gibt und kein grundsätzliches Interesse daran besteht, diesen Kreis zu vergrößern. Ich finde das schade.

Will man mal versuchsweise Kategorien der sogenannten "freien Wirtschaft" auf die kirchliche Verkündigung anwenden - was mir im Allgemeinen eher widerstrebt, und ich will auch nicht behaupten, dass ich viel davon verstünde, aber ich hab da mal so was aufgeschnappt -, dann kann man sagen, die Verantwortlichen der Urlauberkirche und der sonstigen Gemeindeaktivitäten in St. Willehad verhalten sich eher nachfrageorient als angebotsorentiert. Anstatt dass sie - wie es, meiner Auffassung nach, dem missionarischen Geist des Christentums angemessen wäre - von ihrem Angebot überzeugt genug wären, um aktiv eine Nachfrage dafür zu suchen, richten sie ihr Angebot an der vermuteten Nachfrage aus. Im Grundsatz mag man das unter Marketing-Gesichtspunkten legitim finden; wenn die betreffenden Verantwortlichen aber mehr oder weniger insgeheim davon ausgehen, es gäbe keine nennenswerte Nachfrage, dann führt das dazu, dass sie auch kein nennenswertes Angebot machen.  

Was also könnte, sollte und müsste man anders machen? Was bräuchte die Urlauberkirche, was bräuchte die Pfarrgemeinde insgesamt, um missionarisch bzw. "neuevangelisierend" wirken zu können, möglichst nicht nur für Urlauber? -- Abgesehen von ein bisschen mehr Mut zur Eigenwerbung sehe ich da vor allem zwei mögliche und notwendige Abhilfen. 
  1. Wie weiter oben schon angesprochen, braucht es eine Anlaufstelle für Leute, die "nur mal kucken" wollen. Das müsste ein fester Ort sein (die "OASE" in Tossens und/oder das Rat-Schinke-Haus in Burhave eignen sich dafür gar nicht so schlecht, und in Nordenham entsteht ja gerade ein neues Pfarrzentrum), und dann muss auch immer jemand einfach da sein, auch wenn es gerade keine Veranstaltungen gibt. 
  2. Einen Ausweg aus dem Angebots-Nachfrage-Dilemma würden Veranstaltungen bieten, die einerseits prinzipiell für Alle offen sind, die die Veranstalter aber ebensogut auch ohne Gäste ganz für sich allein durchführen können (und ggf. dann auch tun). Kommen aber doch Gäste, dann müssen sie auch willkommen geheißen werden. Solche Veranstaltungen sollten so konzipiert sein, dass sie wenig äußeren Aufwand erfordern, und sollten regelmäßig und oft stattfinden, damit jemand, der zufällig da hineingestolpert ist und es gut fand, beim nächsten Mal wiederkommen und noch jemanden mitbringen kann. Ideal wäre z.B. so etwas wie Teestunde und Gebetskreis. 
Auch das Rat-Schinke-Haus in Burhave trägt das Logo der Urlauberkirche. 

Zur Zeit des Namensgebers des Hauses (und Begründers der Burhaver Kirchengemeinde) herrschten hier noch andere Verhältnisse. 
Diese Bushaltestelle ist ökumenisch. Sie befindet sich in der Nähe beider Burhaver Kirchen. 

Das sind, zugegebenermaßen, alles erst mal nur Ideen, die man im Einzelnen noch vertiefen müsste. Aber mein Eindruck ist: Verglichen damit, wie es jetzt läuft, könnte man schon mit kleinen Veränderungen eine Menge bewirken. Und getan werden muss etwas - nicht nur für die Urlauber, sondern erst recht für die Einheimischen. Sonst wird es in zehn, fünfzehn oder spätestens zwanzig Jahren in Butjadingen keine Katholische Kirche mehr geben, und in die schöne kleine Herz-Mariae-Kirche zieht ein schamanisches Therapiezentrum ein.

(P.S.: Meine permanenten Querverweise auf "Minervas Hexenhof" meine ich, auch wenn sie heiter daherkommen, durchaus ernst. Das ist die Konkurrenz, gegen die sich die örtliche Kirche behaupten muss, und ich glaube nicht, dass sie das auf dem Schirm hat. Zum Wachrütteln kann aber vielleicht der Hinweis dienen, dass Hexe Minerva auch "Enttaufungen" anbietet, um den "Weg hinaus aus den zumeist christlich geprägten Bindungen zu erleichtern": "Ich [...] löse Dich in einem Ritual der Ent-taufung von Alten Strukturen und Deiner Christlichen Taufe und deren bindenden Energien." So eine "Enttaufung" kostet übrigens schlappe 195 €.)






Samstag, 5. August 2017

Der letzte Feind ist der Tod

Die neuen Kirchenstatistiken sind da - eigentlich sogar schon seit gut zwei Wochen, aber ich bin in Urlaub und hatte bislang nicht genug Langeweile, um mich damit auseinanderzusetzen. Jetzt muss es aber doch sein - nicht aus Langeweile, sondern weil das Thema sonst irgendwann alt und runzlig wird. 

Glücklicherweise bin ich nicht in einer Position, in der ich die Zahlen und ihre Bedeutung für die Kirche auf Biegen und Brechen schönreden müsste - wie z.B. der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer SJ, es versucht. Vermutlich muss man schon froh darüber sein, dass keiner von den offiziellen Kirchenvertretern sich zu der Stellungnahme hinreißen lässt "So what, die Kirchensteuereinnahmen sind gestiegen, also läuft der Laden doch!". (Wobei man das immerhin erfrischend ehrlich finden könnte.) Wenn aber der Umstand, dass die Zahl der Kirchenaustritte 2016 etwas geringer ausgefallen ist als in den Jahren zuvor, als eine positive Entwicklung verkauft wird, dann weiß ich nicht so genau, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Von einem Rückgang der Kirchenaustrittszahlen zu sprechen, ist im Grunde Augenwischerei - schließlich fängt man nicht jedes Jahr wieder bei Null an, sondern die Kirchenaustritte des letzten Jahres addieren sich zu den früheren dazu. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber anscheinend muss es doch mal betont werden. 

Symbolbild; Quelle hier
Allerdings muss ich gestehen: Die Austrittszahlen an und für sich beunruhigen und bekümmern mich nicht. Ich bin im Gegenteil eher überrascht, dass immer noch so viele Leute nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Und, man verzeihe es mir: Ich würde das noch nicht einmal unbedingt als positive Überraschung bezeichnen. 

Wenn jemand aus der Katholischen Kirche austritt, kann man in den allermeisten Fällen wohl davon ausgehen, dass er den sakramentalen Charakter der Kirche nicht so richtig verinnerlicht hat oder schlicht nicht daran glaubt. Das dürfte allerdings auf nicht gerade wenige Menschen, die weiterhin Kirchenmitglieder sind, ebenso zutreffen. Wenn die sich schließlich einmal - möglicherweise in Abstimmung mit ihrem Steuerberater - hinsetzen und eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse vornehmen, und wenn sie dabei zu dem Ergebnis kommen, dass die Mitgliedschaft in der Kirche sich für sie schlicht nicht lohnt - dann ist es absolut vernünftig und konsequent, wenn sie austreten. 

Man könnte sogar die These wagen, die Austritte seien gut für die Kirche. Warum? Na ja: Das ist wie mit einer Büffelherde. Die kann sich insgesamt auch nur so schnell fortbewegen wie die schwächsten, also langsamsten Tiere der Herde. Wird die Herde nun von Raubtieren angegriffen, versucht sie zu fliehen - und wer fällt den Fressfeinden als erstes zum Opfer? Die schwächsten, also langsamsten Tiere. Was ist das Ergebnis? Die Büffelherde insgesamt wird schneller

[Hinweis an meine Leser: Sämtliche denkbaren Kommentare des Inhalts, besonders christlich sei das ja nun wohl nicht, die schwächsten Glieder opfern zu wollen, um die allgemeine Performance zu verbessern, habe ich mir bereits selbst gesagt. Sie müssen also nicht mehr geschrieben werden.] 

Ob das Büffelherdengleichnis allerdings wirklich zutrifft, wird durch mindestens einen Punkt der neuen Kirchenstatistik erheblich in Frage gestellt. Theoretisch wäre es plausibel, anzunehmen, dass durch Kirchenaustritte der Prozentsatz der regelmäßigen Gottesdienstbesucher unter den verbleibenden Kirchenmitgliedern steigt. Denn es ist ja anzunehmen, dass weniger diejenigen aus der Kirche austreten, die bisher regelmäßig jeden Sonntag oder noch öfter zur Messe gegangen sind, sondern eher solche, die schon länger nicht mehr da waren. Tatsächlich ist jedoch ein weiterer Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen zu beobachten, nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch prozentual. Woran liegt das? 

Es liegt, ganz schlicht und hart gesagt, daran, dass Leute sterben

Die Todesfälle bilden denjenigen Posten in der Statistik, den man leicht übersieht und über den kaum geredet wird. Dabei handelt es sich um eine durchaus signifikante Größe: Im Jahr 2016 war die Zahl der katholischen Bestattungen in Deutschland (243.323) um rund 50% höher als die der Austritte aus der Katholischen Kirche (162.093). Bedenkt man, dass auch die Zahl der Taufen (171.531) die Zahl der Austritte übertrifft und dann ja auch noch, wenn auch in eher bescheidenem Ausmaß, Neu- und Wiedereintritte hinzukommen, dann heißt das, die Gesamtzahl der Kirchenmitglieder schrumpft nicht durch die Austritte, sondern sie schrumpft dadurch, dass Leute sterben. Wenn pro Jahr die Zahl der Beerdigungen um 70.000 höher liegt als die der Taufen, schrumpft die Kirche auf natürlichem Wege, auch ohne Austritte.

Das ist ein Schrumpfungsprozess, auf den man sich langfristig einstellen und den man in Strukturplanungen berücksichtigen kann. Aber - ich deutete es bereits an - wenn bei insgesamt schrumpfenden Mitgliederzahlen der sonntägliche Gottesdienstbesuch nicht nur absolut, sondern auch prozentual zurückgeht, dann hat das - wenn wir mal Einzelfälle, nämlich Leute, die aus individuellen persönlichen Gründen nicht mehr in die Kirche gehen, obwohl sie es früher regelmäßig getan haben, großzügig außen vor lassen - offensichtlich damit zu tun, dass überdurchschnittlich viele regelmäßige Kirchgänger sterben (oder so gebrechlich werden, dass sie es nicht mehr in den Gottesdienst schaffen). Noch schlichter ausgedrückt, es hat mit der Altersstruktur der Gottesdienstbesucher zu tun - von der man sich in jeder durchschnittlichen Pfarrkirche an jedem durchschnittlichen Sonntag unschwer selbst ein Bild machen kann. Und wenn die Alten sterben, hinterlassen sie in der Kirche eine Lücke, die von den Jungen nicht wieder gefüllt wird. Weil offenkundig unter den jüngeren Kirchenmitgliedern die persönliche und aktive Bindung an die Kirche im Durchschnitt deutlich weniger ausgeprägt ist. Das ist ein Problem, das der Kirche erheblich mehr Sorge bereiten sollte als die Zahl der Austritte.

Man kann diese Feststellung noch weiter präzisieren, wenn man die einzelnen Posten der Kirchenstatistik mal auf eine eher unkonventionelle Art zueinander in Beziehung setzt. So stehen anno 2016 in ganz Deutschland 2,4 Millionen katholische Gottesdienstbesucher einer Zahl von 176.297 Erstkommunionkindern und 149.796 Firmlingen gegenüber. Wenn ich sage, sie "stehen ihnen gegenüber", nehme ich im Grunde schon die Pointe vorweg. Denn: Würde man davon ausgehen, dass Erstkommunionkinder und Firmlinge nicht nur an "ihrem großen Tag" an der Heiligen Messe teilnehmen, sondern auch sonst - wenn sie also in der Zahl von 2,4 Millionen Messbesuchern enthalten wären -, dann müsste durchschnittlich jeder 7. bis 8. Messbesucher entweder ein Erstkommunionkind oder ein Firmling sein. Hand auf's Herz, lieber Leser: Wenn du dich sonntags in deiner Kirche mal so umschaust - kann das stimmen?

Im Ernst: Wie solche Zahlen tatsächlich zustande kommen, ist natürlich kein Geheimnis. Unter den immerhin noch knapp 23,6 Millionen Katholiken in Deutschland gibt es viele, die die Rituale, die die Kirche für verschiedene Lebensabschnitte anbietet - also etwa Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung und schließlich Beerdigung - durchaus schätzen und für sich und ihre Kinder gern in Anspruch nehmen, sich außerhalb solcher besonderer Anlässe aber kaum mal in die Kirche verirren, oder allenfalls zu Ostern u./o. Weihnachten. Für die Kirche ist diese Zielgruppe eine Belastung, aber vergraulen will man sie natürlich auch nicht. Im Gegenteil lautet die Frage eher (oder sollte sie lauten), ob und wie man solche Gelegenheiten, bei denen eher kirchenferne Katholiken eben doch mal in die Kirche kommen, nutzen könnte, um bei ihnen ein Interesse zu wecken, eventuell doch mal öfter 'reinzuschauen.

Beim Anteil der regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer an der Gesamtzahl der Katholiken gibt es übrigens erhebliche regionale Unterschiede; und dabei fällt es auf, dass die Messbesuchsquote im Osten am besten ist. Ganz vorn liegt das Bistum Görlitz mit 19,3%, gefolgt von Erfurt mit 17,9% und Dresden-Meißen mit 16,5%. Erst an vierter Stelle folgt das beste westdeutsche Bistum, nämlich Regensburg mit 15,6%. Und wo ist der Gottesdienstbesuch am schwächsten? In den Bistümern Aachen und Hildesheim (je 7,8%), gefolgt von Speyer (8,0%),Trier (8,3%) und Essen (8,5%). Woran das wohl liegen mag!? Ich hätte da durchaus die eine oder andere Vermutung, aber mir scheint, es könnte nicht schaden, das mal systematisch zu untersuchen.

Übrigens hat das Bistum Essen seine Statistiken für das Jahr 2016 in eine schicke Infografik verpackt und diese auf Facebook verbreitet. Die dort präsentierten Zahlen offenbaren weitere interessante Details. Zum Beispiel, dass durchschnittlich etwa jeder sechste Katholik im Ruhrbistum Mitglied in einem katholischen Verband ist, aber, wie oben bereits festgestellt, nur etwa jeder zwölfte regelmäßig zum Gottesdienst erscheint. Nun dürfte die Zahl der Verbandsmitglieder zwar wohl noch um Doppelmitgliedschaften und automatische Mitgliedschaften zu bereinigen sein, aber dass die Verbände mindestens zur Hälfte aus Leuten bestehen, die nicht regelmäßig in die Kirche gehen, dürfte wohl trotzdem stimmen. Eine naheliegende Folge ist, dass auch das Bild der Katholischen Kirche in der Öffentlichkeit zu einem wesentlichen Teil von Leuten bestimmt wird, denen bei all ihrem vielfältigen gesellschaftlichen Engagement das Verständnis dafür abgeht, dass Gebet, Hören auf Gottes Wort und Empfang der Sakramente das eigentliche Zentrum und die Kraftquelle christlichen Lebens sind. Das ist ein Problem.

Festzuhalten bleibt: Die Kirche in Deutschland hat Millionen von praktisch inaktiven oder nur gelegentlich aktiven Mitgliedern. Diese, oder jedenfalls einige von diesen, wieder zu aktivieren und weitere Mitglieder hinzuzugewinnen - was ja, wie die Zahlen der Neu- und Wiedereintritte beweisen, immerhin möglich ist (wenngleich da definitiv noch viel Luft nach oben ist) -, ist eine Aufgabe, die man Neuevangelisierung nennt. Und ich möchte behaupten, aus dem oben Gesagten wird unmissverständlich deutlich, dass dies eine erheblich wichtigere Aufgabe für die Kirche ist, als sich darum zu bemühen, die Austrittszahlen möglichst niedrig zu halten. Aber machen wir uns nichts vor: Strukturelle Maßnahmen auf der Ebene der Bistümer oder sogar der Bischofskonferenz mögen die Neuevangelisierung fördern oder eher behindern, aber geleistet werden muss diese Arbeit so oder so an der Basis. -- Und wo soll man da ansetzen? Ein altgedienter Gemeindepfarrer aus dem Ostteil Berlins meint: Bei den jungen Erwachsenen. Die Generation zwischen diesen und den Senioren hat man weitgehend verloren; aber aus jungen Erwachsenen werden Familien, das heißt: Wenn man die jungen Erwachsenen wieder in die Kirche kriegt, dann kriegt man früher oder später auch wieder Kinder in die Kirche. Skeptiker mögen diesen Ansatz etwas übersimplifiziert finden, aber in der Gemeinde des erwähnten Pfarrers funktioniert er: Im dortigen, sehr aktiven "Kreis junger Erwachsener" sind aktuell drei Frauen schwanger.

In anderen Pfarreien mögen, je nach der in ihrem Einzugsbereich vorherrschenden Alters- und Sozialstruktur, andere Strategien vonnöten sein. In Tegel versuchen meine Liebste und ich mit dem "Mittwochsklub", Menschen ganz unterschiedlicher Altersgruppen und aus unterschiedlichen "backgrounds" buchstäblich an einen Tisch zu bringen. Aber weit mehr als irgendwelche marketingtechnisch ausgefuchsten, zielgruppenorientierten Strategien benötigt die Neuevangelisierung das persönliche Zeugnis des Einzelnen. Da gibt es viel zu tun - und da wäre es gut, auch die Alten einzubeziehen. Solange sie noch da sind.



Donnerstag, 3. August 2017

Warum wir doch nicht zum Meditativen Tanz in Tossens gegangen sind

Eigentlich war ich fest entschlossen gewesen, mir die Veranstaltungsreihe "Atempause - Zwischen Himmel und Erde" im erst kürzlich wieder eröffneten "Kommunikationszentrum OASE" in Tossens nicht entgehen zu lassen. Zumal ich bei einem ersten flüchtigen Blick auf das aktuelle Veranstaltungsprogramm fälschlich annahm, just in der Woche, in der ich mit meiner Liebsten vor Ort sein würde, würde Pfarrer Jasbinschek im Rahmen der "Atempause" einen Vortrag über das Pilgern auf dem Jakobsweg halten. Das wäre ja ein Thema gewesen, zu dem meine Liebste und ich aus eigener Erfahrung Manches hätten beitragen können, und dann hätten wir den Pfarrer bitten können, uns mit dem Auto zurück nach Nordenham mitzunehmen. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nämlich abends nicht mehr aus Tossens weg. 

Auf den zweiten Blick zeigte sich leider, dass ich mich im Datum versehen hatte und dass der Jakobsweg-Vortrag zum Zeitpunkt unserer Ankunft in Nordenham bereits vorbei war. Stattdessen standen an dem einzigen für uns in Frage kommenden "Atempause"-Termin 

"Meditativer Tanz und bewegende Geschichten" 

auf dem Programm, gestaltet von einer Frau aus Burhave, die ich seit meiner frühesten Kindheit kenne, unter anderem in ihren Funktionen als Leiterin eines Kinder-Akkordeonorchesters sowie als Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Die Synergieeffekte kann man sich ja vorstellen. 

"Vielleicht sollten wir auf die Veranstaltung doch lieber verzichten", sagte ich einen Tag vorher zu meiner Liebsten. 
"Ja, glaube ich auch", erwiderte sie. 
"Dann lass uns lieber vormittags nach Tossens fahren und nachmittags nach Burhave, dann können wir da zum Rosenkranzgebet und zur Wort-Gottes-Feier gehen und sind abends wieder in Nordenham." 
"Ja, das klingt vernünftiger." 
"Allerdings, wenn wir im Anschluss an die Wort-Gottes-Feier mit Leuten ins Gespräch kommen, die uns sagen, wir müssten unbedingt abends zur 'Atempause' kommen - und die uns dann auch eine Lösung für das Problem anbieten können, wie wir danach wieder zurück nach Nordenham kommen - dann würde ich's mir noch mal überlegen." 
"Na ja." 
"Ich weiß, das ist nicht sehr wahrscheinlich. Ich wüsste auch nicht, warum irgend jemand besonders großen Wert auf unsere Anwesenheit beim Meditativen Tanz legen sollte." 
"Zumal, wenn das als Mitmach-Veranstaltung angelegt ist, dann bringt das ja auch nichts. Wir werden schließlich kaum meditativ tanzen." 
"Der gemeine Butjenter aber auch nicht. Außer vielleicht, er hat einen im Kahn." 
"Oder er hat zu viel Schifferklavier gehört." 

Toll. Jetzt habe ich Kopfkino. Bärbeißige alteingesessene Butjenter mit Prinz-Heinrich-Mütze, Schifferkrause und blauem Rollkragenpullover, die, zünftig angetütert, zu den Klängen eines Schifferklaviers meditativ tanzen

"Ich glaube ja eher", meint meine Liebste, "das ist eine Veranstaltung für Frauen über 50 mit gefärbten kurzen Haaren." 
"Und Batik-Halstüchern. Oder Holzperlenketten." 
"Und bunten Strickpullovern." 
"Ich glaube, wir sollten uns lieber davon fern halten." 

Also folgten wir meinem bereits skizzierten Alternativplan und nahmen schon am Vormittag den Bus nach Tossens - wo wir uns erst den Strand ansahen und dann DAS HAUS, über das ich vor einiger Zeit schon mal was geschrieben habe: das ehemalige Tossenser Gästehaus der Pfarrei, das jetzt verkauft werden soll. Wobei es derzeit nicht unbedingt danach aussieht, als würde sich jemand ernsthafte Mühe geben, es zu verkaufen. Aber das ist ein Thema für sich, auf das ich in Kürze zurückkommen werde. Das direkt nebenan gelegene "Kommunikationszentrum OASE" sahen wir uns ebenfalls an, allerdings nur von außen, da es offenbar nur dann offen ist, wenn da eine Veranstaltung stattfindet.

Kurzzeitig hatten wir mit dem Gedanken gespielt, uns ein zweisitziges Tretmobil zu leihen und damit zu Minervas Hexenhof zu kacheln, der ein paar Kilometer außerhalb von Tossens liegt; das wäre vielleicht ein mehr oder weniger adäquater Ersatz für den "Meditativen Tanz" in der "OASE" gewesen, zumindest was den Batik-Faktor angeht, aber letztendlich sagten wir uns: Muss nicht sein. Stattdessen aßen wir in Tossens zu Mittag und fuhren anschließend mit dem Bus nach Burhave, wo in der Kirche Herz Mariae - jener Kirche, in der ich Taufe, Erstkommunion und Firmung empfangen habe - um 14:30 Rosenkranzgebet und um 15 Uhr eine Wort-Gottes-Feier stattfand.


Und nun rate mal, lieber Leser, welche dieser beiden Veranstaltungen dem ollen Meckerkopp in mir besser gefiel...? Falsch. Das Rosenkranzgebet wurde von zwei ältlichen Damen geleitet, von denen eine zu spät kam, weshalb die andere schon mal alleine anfing; alleine auch in dem Sinne, dass sie von der Anwesenheit anderer Personen in der Kirche praktisch keine Notiz nahm. Der Rosenkranz wurde auch nicht, wie andernorts üblich, in "dialogischer" Form gebetet. Ich will nicht unbedingt behaupten, dass es die beiden Vorbeterinnen störte, dass es neben ihnen noch andere Teilnehmer gab, aber man hatte den Eindruck, eigentlich sei das nicht vorgesehen.

Die Madonnenfigur sieht etwas vernachlässigt aus. Früher trug sie je nach Zeit im Kirchenjahr entweder mit eine Jesuskind-Figur auf dem Schoß oder wurde mit einer Figur des Leichnams Jesu zur Pietà erweitert. Noch früher wurde sie zu besonderen Festen mit Mantel, Schleier und Krone geschmückt. 

Die Wort-Gottes-Feier wurde von derselben Frau geleitet, die am Abend auch die "Atempause" gestaltete, und ich glaube, ich muss hinsichtlich des latent boshaften Tonfalls, mit dem ich sie oben vorgestellt habe, ein bisschen Abbitte leisten. Sie machte das nämlich wirklich schön - auch wenn mir die Liedauswahl nur zum Teil behagte: "Suchen und fragen", die Kirchentags- und Katholikentagshymne "Da begegnen sich Himmel und Erde" sowie "In jedem Wind, in jedem Sturm" aus der Feder des unvermeidlichen Peter Janssens, sämtlich - natürlich! - auf dem Akkordeon begleitet, hätten meinetwegen nicht unbedingt sein müssen. Na, sei's drum. Nett fand ich, dass die Gottesdienstleiterin mich vor Beginn der Feier persönlich begrüßte, daran erinnerte, dass ich schon in einem Alter, als ich mich noch auf die Zehenspitzen stellen musste, um übers Ambo hinwegschauen zu können, in der Messe die Lesungen vorgetragen hatte (wirklich wahr!), und mich fragte, ob ich diese Aufgabe auch jetzt wieder übernehmen möge. Machte ich gern.

Die Gestaltung des Ambo hat mir schon als Kind seht gut gefallen. 
Dieses Ensemble aus Osterkerze, Taufbecken und Tabernakel ist jüngeren Datums. 

Blick in die Sakristei 

Nach der Wort-Gottes-Feier gönnten meine Liebste und ich uns Kaffee und Kuchen in einer Bäckerei, und dann ging's zurück nach Nordenham. So wurde es also auch ohne meditativen Tanz ein erlebnisreicher und eindrucksvoller Tag; aber abschließend möchte ich doch noch einmal auf die Veranstaltungsreihe "Atempause" zurückkommen - genauer gesagt: auf einen Werbetext für diese Veranstaltungsreihe, den man etwa im Veranstaltungskalender der Website butjadingen.de findet. Da heißt es: 
"Mal musikalisch, mal besinnlich, mal etwas kreativ oder auch visuell. Mit leichten religiösen Impulsen und auch Mitmachaktionen lädt die Oase ein, sich vielleicht nach längerer Zeit wieder Gott zu nähern." 
Gnorf. Dieses ewige "mal", "oder auch / und auch" und dieses schüchtern-relativierende "etwas" und "leicht" macht den Text ja schon schwer erträglich. Aber das "vielleicht" haut mich dann vollends um. Ich sag mal so: Wenn das eine interne Projektbeschreibung sein sollte, könnte man sagen, na gut, ein bisschen verdruckst, aber immerhin ehrlich. Aber als Werbetext?!? Nun, ich schätze, auf einige kritische Betrachtungen zu Konzepten, Methoden und Zielen der Urlauberseelsorge in Butjadingen werde ich noch in einem separaten Artikel zurückkommen müssen...


Dienstag, 1. August 2017

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken

Wir hatten uns das so schön vorgestellt: randvoll mit Segen aufgeladen von Lourdes nach Nordenham weiterreisen, um dort selbst "ein Segen zu sein", wie Gott es dem Abraham verheißen hat (Gen 12,2). Das "wie" war, bezogen auf den zweiten Teil des Plans, natürlich noch etwas unklar, nachdem uns der Diakon der Pfarrei St. Willehad bereits im Vorfeld auf unser Angebot hin, uns - beispielsweise mit Vorträgen zu geistlichen Themen - in das sommerliche Veranstaltungsangebot der Pfarrei "einzubringen", lakonisch mitgeteilt hatte, daran bestehe kein Bedarf. Doch dazu ein andermal mehr. Am Tag nach unserer Ankunft statteten wir der Kirche St. Willehad jedenfalls einen ersten Besuch ab und beteten dort die Terz. Und einen weiteren Tag später war dann ja schon Sonntag. Der 17. Sonntag im Jahreskreis


Selbstverständlich erschienen wir zur Sonntagsmesse, und diese war auch insgesamt sehr gut besucht. Etwas misstrauisch registrierte ich Körbe mit Brotstücken im Altarraum; aber wenngleich ich aus der Ära Bögershausen ja nun allerlei Kummer gewöhnt bin, hätte ich mir nicht (alb-)träumen lassen, wofür diese tatsächlich gedacht waren. Doch ich will mir nicht vorgreifen. Halten wir zunächst mal fest: Wenn die liturgischen Dienste (sprich: Lektorin und Kommunionhelferin) gemeinsam mit Priester und Ministranten einziehen und der Priester keine Kasel, sondern nur Albe und Stola trägt, dann weiß man in der Regel schon, woher der Wind weht. 

(Man halte das bitte nicht für banal, besonders soweit es die Kleidung des Priesters betrifft. Die Kasel betont nicht nur das besondere Amt des Priesters, sondern gleichzeitig die Unterwerfung seiner Person unter ebendieses Amt, verstanden als das "Joch Christi" [vgl. Mt 11,30]. Anders ausgedrückt, die individuelle Person des Priesters soll gewissermaßen unter der Kasel "verschwinden". Nicht umsonst wird beim Anlegen der Kasel in der Sakristei ein Ankleidegebet gesprochen. Es erscheint durchaus folgerichtig, dass - wie sich vielfach beobachten lässt - Priester, die bei der Zelebration der Messe keine Kasel tragen, sich auch sonst damit schwertun, ihre Individualität dem Gehorsam gegenüber der Kirche unterzuordnen.) 

Nach dem Einzug erfolgte erst einmal die Aufforderung an die Gemeinde, sich zu setzen. Na gut, wenn's denn sein muss. Anschließend erläuterte Pfarrer Karl Jasbinschek, an diesem letzten Sonntag in den Sommerferien werde es "noch einmal einen thematischen Gottesdienst" geben, und zwar diesmal unter dem Motto "BrotZeit". Meine Liebste rollte bereits genervt mit den Augen. -- In den Allgemeinen Einführungen zum Nordenhamer Messbuch, dessen Existenz vor dem Rest der kirchlichen Welt geheimgehalten wird, gibt es offenbar die Bestimmung "Themengottesdienst in den Sommerferien verdrängt Sonntag im Jahreskreis"; jedenfalls wurden die Lesungen vom Tage kurzerhand durch andere ersetzt, die besser zum Motto des Themengottesdienstes passten. Als 1. Lesung gab es 1. Könige 19,3-8, garniert mit einer mindestens ebenso langen und sehr verzichtbaren pastoralen Einführung; statt Antwortpsalm wurde ein NGL des Grauens, "Brot, das die Hoffnung nährt" von Wilhelm Willms und dem unvermeidlichen Peter Janssens, gesungen; eine 2. Lesung gab es nicht, und als Evangelium wurde ein kurzer Ausschnitt aus der "Brotrede" Jesu in Johannes 6 (ungefähr Vers 48-51). Wir hatten schon am Morgen, bevor wir zur Kirche aufbrachen, darüber spekuliert, dass von dem eigentlichen Evangelium des Tages - Matthäus 13,44-52 - wohl nur eine Kurzfassung (bis Vers 46) verlesen werden würde, um den Leuten die Drohung mit dem Höllenfeuer zu ersparen; aber dass die Perikope gleich ganz durch eine andere ersetzt werden würde, damit hatten wir nicht gerechnet. 

Nun ja, aber angesichts der Auswahl der Lesungstexte hätte man nun doch in der Predigt vielleicht eine Katechese zum Thema Eucharistie erwarten können, oder? Tja, Pustekuchen. Das Thema des Gottesdienstes war schließlich Brot. Nicht Leib Christi, sondern Brot. Bezüge zur Eucharistie wurden zwar am Rande hergestellt, aber so vage, dass der Eindruck entstehen musste, das sei nicht so wichtig. Jedenfalls längst nicht so wichtig, wie miteinander das Brot zu teilen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Oder so. Und dann wurden die Brotstücke aus den Körben verteilt. Mitten in der Predigt. Jeweils zwei Gottesdienstbesucher sollten sich ein Stück Brot teilen. Und es essen, wohlgemerkt. Mitten in der Predigt. Eine gefühlte Viertelstunde vor der Kommunion. Schon mal was von eucharistischer Nüchternheit gehört, anyone

Natürlich weigerten meine Liebste und ich uns, an diesem Brotritual teilzunehmen, aber außer uns schien niemand Anstoß daran zu nehmen. Auch mein ehemaliger Religionslehrer nicht, der in der Reihe vor uns saß. Im Grunde ist das hier keine katholische Kirche mehr, dachte ich grimmig - obwohl gleichzeitig eine Art Filter oder Brandmauer in meinem Gehirn, aufrecht erhalten von Gedanken wie Ich bin hier in Urlaub und will noch über eine Woche bleiben, da sollte ich nicht gleich am Anfang so ein Fass aufmachen und Aber rein menschlich gesehen mag ich den Pfarrer, verhinderte, dass ich mich so sehr über dieses offenkundige Sakrileg aufregte, wie es der Sache nach eigentlich angemessen gewesen wäre. (Die übrig gebliebenen Brotstückchen - zwölf Körbe voll, oder so - wurden übrigens nach der Messe am Ausgang verteilt. Hätte man das nicht von vornherein so machen können? Dann wäre die Sinnhaftigkeit dieser Aktion, deren symbolischer Gehalt ja so oder so eher von der Bedeutung der Eucharistie ablenkt, immer noch zweifelhaft gewesen, aber immerhin wäre die überwiegend wohl nichts Böses ahnende Gemeinde nicht dazu getrieben worden, ein Sakrileg zu begehen.) 

Im direkten Vergleich zu diesem liturgischen und sakramententheologischen Super-GAU fielen andere Schönheitsfehler dieser Messe - etwa, dass das Gloria-Lied kein richtiges Gloria, das Credo-Lied kein richtiges Credo und das Agnus Dei-Lied kein Agnus Dei war - kaum ins Gewicht; wobei: Das Credo scheint meiner zugegebenermaßen eher episodischen Erfahrung nach im "Nordenhamer Ritus" generell ein Punkt zu sein, um den man sich gern herumdrückt. Kann man auch verstehen. Schließlich könnte es den einen oder anderen Gottesdienstteilnehmer dazu veranlassen, darüber nachzudenken, ob er das, was er da aufsagt, eigentlich wirklich glaubt. Und das wäre gefährlich.

Dass bei der Kommunion der Pfarrer und die liturgischen Dienste erst ganz am Schluss, nach der Gemeinde, kommunizierten, ist nun wiederum etwas, das gar nicht geht - aber es ist ortsüblich. Man bräuchte vermutlich eine große Portion Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und ein ordentlich dickes Fell, um dieses Übel abzuschaffen.

"Wenn das meine Ortspfarrei wäre", merkte meine Liebste auf dem Rückweg von der Kirche an, "würde ich umziehen. Besonders wenn ich Kinder hätte."

Aber nun sind wir einmal hier und wollen nicht so schnell wieder weg. Da werden St. Willehad und wir es also noch ein bisschen miteinander aushalten müssen. Werfen wir mal einen Blick in den liturgischen Kalender:

  • Montag, 31.08.: Hl. Ignatius von Loyola (gebotener Gedenktag, wird aber im Nordenhamer Ritus vom liturgiefreien Montag verdrängt). 
  • Dienstag, 01.08.: Hl. Alfons Maria von Liguori, Kirchenlehrer (gebotener Gedenktag). Dienstags wäre in St. Willehad normalerweise Messe um 17 Uhr, die fällt an diesem Tag aber aus, da vormittags eine Beerdigung mit Seelenamt ist. Dann gehen wir halt da hin. 
  • Mittwoch, 02.08.: Mittwoch der 17. Woche im Jahreskreis, 15 Uhr Messe in der "OASE St. Sturmius und St. Benjamin" in Tossens. Ob wir es dahin schaffen, müssen wir mal sehen. Es ist letzter Ferientag, und in den Ferien fahren noch deutlich weniger Busse als in der Schulzeit. 
  • Donnerstag, 03.08.: Donnerstag der 17. Woche im Jahreskreis. 14:30 Uhr Rosenkranzandacht in Herz Mariae, Burhave; anschließend ebd. "Wort-Gottes-Feier". Wollen wir da wirklich hin? Schauen wir mal. 
  • Freitag, 04.08.: Hl. Pfarrer von Ars (Johannes-Maria Vianney); gebotener Gedenktag, außerdem Herz-Jesu-Freitag. Messe in St. Willehad (mit Eucharistischem Segen!) um 17 Uhr. Muss sein. 
  • Samstag, 05.08.: Weihetag der Basilika Santa Maria Maggiore. In St. Willehad um 14 Uhr eine polnische Hochzeit. Heißa! 
  • Sonntag, 06.08.: Verklärung des Herrn (Fest). Messe in St. Willehad um 10:30 Uhr, vorher [!?!] Kolpingfrühstück. 

Im Übrigen verrät der Gemeindebrief ("Willehad aktuell") bezüglich des Hochfests Mariae Himmelfahrt am 15. August:
"Am Hochfest 'Aufnahme Mariens in den Himmel' feiern wir in der St. Willehad-Kirche um 17 Uhr [...Trommelwirbel...] einen festlichen Wortgottesdienst mit Kommunion-Austeilung." 
Ahem. Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung ist ja an und für sich schon recht grenzwertig. Aber an einem HOCHFEST? -- Nun, bis dahin sind wir glücklicherweise schon wieder weg. Ein anderes "Highlight" könnten wir uns hingegen durchaus antun, nämlich am kommenden Donnerstag:
"19:30 Uhr Oase Tossens: Atempause - Zwischen Himmel und Erde. Meditativer Tanz und bewegende Geschichten mit Ingrid Janke." 
Can't hardly wait...