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Sonntag, 19. November 2017

Eine geistliche Bankrotterklärung




Liebe Hörerinnen und Hörer, 

um welche Uhrzeit gehen Sie üblicherweise in die Sonntagsmesse? Gibt es in Ihrer Ortspfarrei verschiedene Termine zur Auswahl? Wie lange dauert die Messe in Ihrer Pfarrei durchschnittlich, und wann kommt bei Ihnen sonntags das Mittagessen auf den Tisch? Und wenn der Pfarrer mal etwas länger predigt als gewöhnlich, wird es dann zeitlich „eng“ für Sie? 

Vielleicht erscheinen Ihnen diese Fragen banal, und das könnte ich Ihnen nicht verübeln; aber es gibt Menschen, die sich sehr ernsthaft beruflich mit solchen und ähnlichen Fragen befassen. Pastoraltheologen und Religionssoziologen zum Beispiel. 

Einer von diesen ist Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie im Rahmen des „Exzellenzclusters Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Jüngst hielt Pollack in Bonn bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einen Vortrag über die Frage, wie man den Sonntagsgottesdienst für eine größere Zahl von Menschen attraktiver machen könne. Bedenkt man, dass in den Teilkirchen der EKD nur rund 3% der Mitglieder regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, begreift man die Dringlichkeit dieser Frage. Die katholische Kirche in Deutschland mobilisiert allsonntäglich gut dreimal so viele Gläubige; dennoch ist auch das natürlich keine befriedigende Quote. Somit überrascht es nicht unbedingt, dass Pollacks Vortrag auch auf katholischer Seite auf Interesse stieß; das Online-Portal katholisch.de, das Kölner Domradio und andere katholische Medienformate berichteten darüber. 


Was hatte Professor Pollack nun aber im Einzelnen zum Thema zu sagen? Dass „Menschen wegbleiben“, so erklärte er gegenüber der Synode, liege „vor allem daran, dass sie am Sonntagvormittag schlichtweg anderes zu tun haben, das ihnen wichtiger ist“. Das mag rein faktisch wohl zutreffen; die Konsequenzen, die er daraus zieht, darf man allerdings wohl einigermaßen bizarr finden. Polemisch zugespitzt: Wenn es zu wenige Menschen gibt, denen der Sonntagsgottesdienst wirklich wichtig ist, muss man, um die Kirchen voller zu kriegen, denen gegenüber Zugeständnisse machen, denen er nicht so wichtig ist. Und was für Zugeständnisse sollen das sein? – „Man erleichtere es Menschen, am Gottesdienst teilzunehmen, wenn er kürzer sei“, meint Pollack; konkret gesagt: keinesfalls „länger als 50 oder 60 Minuten“. 

Ginge es hier nicht um die Kirche, sondern um irgendeinen Anbieter von Waren oder Dienstleistungen, müsste man sich fragen: Wie verzweifelt, wie wenig überzeugt von seinem Produkt muss ein Anbieter sein, um mit dem Argument zu werben „Wenn es euch nicht gefällt, ist es wenigstens schnell vorbei“? Macht sich eine solche Einstellung gegenüber dem eigenen „Angebot“ aber innerhalb der Kirche breit, ist das im Grunde noch dramatischer. 

Folgerichtig betont die Redakteurin Gabriele Höfling in einem Kommentar auf katholisch.de, damit die Sonntagsmesse für die Menschen attraktiver werde, müsse sie nicht kürzer werden, sondern besser. „Will die Kirche den Wettbewerb um die knappe (Wochenend-)Zeit der Menschen häufiger gewinnen, dann darf sie beim Gestalten der Gottesdienste kein Potential ungenutzt lassen.“ 

Im Bistum Essen ist man diesbezüglich schon einen Schritt weiter. Dort wurde bereits im Oktober ein „Feedback-Projekt zur Gottesdienstqualität“ gestartet: Die Liturgiereferentin Nicole Stockhoff und der Pfarrer Sven Christer Scholven haben einen Fragebogen erarbeitet, anhand dessen die Gottesdienstbesucher bewerten können, „ob sie 'die Gebete gut mitbeten' konnten, der Inhalt der Feier 'zu meinem Leben und Glauben' passte oder 'mich getröstet / mir Mut gemacht' hat“, heißt es in einem Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. „Auch zur Qualität der Predigt, der Sprache und der Musik können sich die Menschen äußern.“ 

Sehen wir einmal davon ab, dass ein solches „Feedback-Projekt“ naturgemäß nur diejenigen erreichen kann, die sowieso schon da sind, und somit lediglich der „Bestandskundenpflege“ dienen kann – darauf komme ich noch zurück. Noch problematischer erscheint es, dass die zitierten Punkte des Fragebogens den Fokus eindeutig auf die Befindlichkeiten des Einzelnen richten – und nicht auf Gott. Was bei diesem individualistischen Ansatz völlig unter den Tisch fällt, ist ausgerechnet das, was nach katholischem Verständnis eigentlich der zentrale Punkt der Heiligen Messe sein sollte: das Sakrament der Eucharistie. Man ist geneigt zu sagen: Würden die Größe, die Tiefe und vor allem die Heilsrelevanz des heiligen Messopfers auch nur ansatzweise begriffen, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass alles, was man diesem an „Gestaltungselementen“ hinzufügen könnte, letztlich nur nebensächlich sein kann. Damit soll nicht gesagt sein, dass es prinzipiell überflüssig wäre, sich über Gestaltungsfragen Gedanken zu machen; man sollte sich aber der Grenzen dessen bewusst sein, was man allein auf dem Weg der Gestaltung erreichen kann. 

Natürlich kann man – um ein Beispiel zu nennen, das abwegig klingen mag, aber beispielsweise in evangelikalen Kreisen durchaus im Kommen ist – im Foyer der Kirche eine Espresso-Bar eröffnen. Aber was wäre damit gewonnen, wenn die Leute nur wegen des Espressos kommen, aber nicht wegen Gott

Hinzuzufügen wäre, dass dieser Ansatz, den Gottesdienst in ein marktkonformes Konsumprodukt zu verwandeln, nicht einmal unter seinen eigenen Prämissen funktioniert. Die Leute werden nämlich nicht für den Espresso kommen – den sie schließlich auch woanders, und dort wahrscheinlich sogar besser, bekommen können –, wenn man ihnen nicht begreiflich machen kann, dass sie im Gottesdienst etwas viel Wertvolleres und Einzigartigeres finden können: die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament. Dasselbe gilt übrigens auch für Detlef Pollacks Ansatz, die Gottesdienste attraktiver zu machen, indem man sie kürzer macht: Wem grundsätzlich nicht einsichtig ist, weshalb der sonntägliche Gottesdienstbesuch seine Zeit wert sein sollte, den wird man ebenso wenig für 50 Minuten in die Kirche locken können wie für 90. 

Wohlgemerkt: Eine Konzentration der Kirche auf ihr „Alleinstellungsmerkmal“, wie ich sie hier anmahne, darf nicht einfach eine Marketing-Maßnahme sein; vielmehr muss die Kirche sich deshalb darauf konzentrieren, den Menschen die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen, weil das nun mal ihr Auftrag ist. Es ist ausgesprochen frappierend, wie wenig dieser Gedanke in der Argumentation eines Detlef Pollack präsent ist. „Die Verbreitung des Evangeliums an alles Volk mag theologisch geboten sein“, räumt er zwar ein, fügt aber hinzu: „Unter zweckrationalen Gesichtspunkten ist es effektiver, sich vor allem um diejenigen zu kümmern, die in der Kirche sind, genauer, noch in der Kirche sind und an ihrem Rande stehen.“

Diese Berufung auf „Zweckrationalität“ ist nichts Geringeres als eine geistliche Bankrotterklärung. Zwar ist es eine gängige Unternehmensberater-Weisheit, dass es effizienter sei, seine Ressourcen für Bestandskundenpflege einzusetzen als für Neukundengewinnung; eine Kirche aber, die dieser Logik folgt, verfehlt ihren göttlichen Auftrag und kann keine missionarische Kraft entfalten, sondern ist dazu verdammt, stets auf die Befindlichkeiten und Eitelkeiten ihrer „Stammkundschaft“ Rücksicht zu nehmen und auf unbequeme Botschaften lieber zu verzichten. 

Dabei ist es eben der Auftrag der Kirche, nicht das zu verkündigen, was die Menschen gern hören wollen, sondern Jesus Christus zu verkündigen. Und der ist nun einmal, wie schon der greise Simeon bei der Darstellung im Tempel voraussah, „ein Zeichen, dem widersprochen wird“. In Johannes 6 lesen wir, wie Jesus Christus nach einer Predigt in der Synagoge von Kafarnaum einen großen Teil Seiner Anhängerschaft verlor. „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“, murrten viele Seiner Zuhörer. Modifizierte Jesus daraufhin Seine Botschaft, um sie „attraktiver“ zu machen? Nein; stattdessen fragte Er Seine Jünger nur: „Wollt auch ihr weggehen?“ Stellvertretend für die Zwölf Apostel antwortete Simon Petrus:„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und aus denen, die blieben, ist die Kirche entstanden. Kein Wunder, dass auch sie in ihrer Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht hat, dass die Wahrheiten, die sie verkündet, nicht gern gehört werden.

Untergegangen ist die Kirche in 2000 Jahren dennoch nicht, und das wird sie auch nicht, solange sie daran festhält, Kirche Jesu Christi zu sein. Ist sie das nicht mehr, dann ist sie überhaupt nichts mehr; oder allenfalls noch ein mehr oder weniger schlecht organisierter Dienstleistungsanbieter auf dem Markt für Spiritualität und Lebenshilfe, den als solchen aber im Grunde kaum noch jemand braucht – und umso weniger braucht, je weniger sein „Angebot“ sich von anderen auf diesem Markt unterscheidet. 

Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wünsche ich, dass Sie sich an diesem Sonntag ausreichend Zeit für die Begegnung mit Christus nehmen können. Auch wenn es länger als eine Stunde dauern sollte. 



Montag, 13. November 2017

Wir müssen an unserer Empörungseffizienz arbeiten

Zur Frage der Sinnhaftigkeit der Forderung des Bundesverfassungsgerichts, ein "positiv formuliertes drittes Geschlecht" in amtlichen Dokumenten einzuführen, habe ich keine besonders ausgeprägte Meinung. Sehr wohl habe ich hingegen eine Meinung zu der Debatte, die darüber geführt wird: Sie nervt. Sie nervt kolossal

Im betreffenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts geht es ausdrücklich um Intersexualität, ein zwar seltenes, aber unbestreitbar reales biologisches Phänomen. In der derzeitigen Debatte, wie ich sie v.a. in den Sozialen Medien wahrnehme, wird Intersexualität aber permanent mit Transgender vermengt oder verwechselt. Es liegt einigermaßen auf der Hand, dass diese Vermengung bzw. Verwechslung im Wesentlichen von zwei Gruppen betrieben wird: 
  • denen, die in dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Chance sehen, "Transgender-Rechte" voranzutreiben, und 
  • denen, die eben selbiges befürchten

Was ebenfalls einigermaßen auf der Hand liegt, ist, dass beide Gruppen einander gegenseitig hochschaukeln. Welche Seite davon am meisten profitieren dürfte, kann man sich leicht ausmalen. 

Vereinfacht und nicht-fachchinesisch ausgedrückt, bezeichnet der Begriff intersexuell solche Menschen, die mit uneindeutigen oder widersprüchlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Das ist, wie gesagt, selten, aber es kommt vor. Und dieses Phänomen ist auch nicht erst seit gestern bekannt. Früher™, also so etwa von den 1960ern bis noch vor relativ wenigen Jahren, war es weithin üblich, den betreffenden Neugeborenen ein Geschlecht "zuzuweisen" und sie zum frühest möglichen Zeitpunkt "geschlechtsangleichenden" Operationen zu unterziehen, gegebenenfalls gefolgt von Hormontherapie. Dabei wurden die meisten intersexuellen Kinder zu Mädchen "gemacht", aus dem einfachen Grund, dass dies chirurgisch weniger aufwändig war. Und hier wird es nun interessant: Dass diese Vorgehensweise als unproblematisch betrachtet oder ausgegeben wurde, wurde u.a. mit Studien des Baltimorer Sexualpsychologen John Money begründet, die behaupteten, die geschlechtliche Identität eines Menschen sei im Wesentlichen ein Ergebnis seiner Erziehung, folglich könne man jeden Menschen dazu erziehen, das Geschlecht anzunehmen, das ihm zugeschrieben wurde. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Auch wenn Moneys Studien in vielen Details längst widerlegt sind, haben sie erheblichen Einfluss auf die Gender-Ideologie ausgeübt. 

Aber wir brauchen uns hier gar nicht auf den konkreten Einfluss einzelner Wissenschaftler zu konzentrieren. Auch unabhängig davon gilt: Wer davon ausgeht, dass die geschlechtliche Identität etwas natürlich Gegebenes ist und eben nicht willkürlich festgelegt werden kann, der müsste es in jedem Fall begrüßen, dass sich in jüngster Zeit die Überzeugung durchsetzt, man solle intersexuelle Kinder erst einmal so lassen, wie sie sind, und abwarten, in welche Richtung sie sich entwickeln. Ob es zur Verbesserung der Lebenssituation intersexueller Personen tatsächlich notwendig oder sinnvoll ist, statt der Angabe "Geschlecht unbestimmt" (oder so ähnlich) ein "positiv formuliertes drittes Geschlecht" einzuführen, darüber kann natürlich diskutiert werden. Insbesondere wäre es gut, hierzu die Meinungen Betroffener anzuhören. Auf jeden Fall denke ich, etwas weniger Furor würde der Debatte gut tun. 

So ziemlich das einzige, was mich derzeit noch mehr nervt als die überhitzte Debatte über das "dritte Geschlecht", ist die überhitzte Debatte über die Frage eines verkaufsoffenen Sonntags am 4. Advent, der dieses Jahr auf den Heiligabend fällt. Dazu sage ich jetzt nichts. Ich sehe es überhaupt nicht ein, meine Zeit und Atemluft für diese Debatte zu verschwenden. 

Ja schon, aber worüber jetzt genau? (Bildquelle: Flickr)
Na gut, eines vielleicht: In gewissem Sinne scheint mir die Empörung, die sich bei diesem Thema breit macht, ungefähr auf einem Level mit der Empörung über wegretuschierte Kreuze auf Käsepackungen und regenbogenfarbige Zipfelmänner zu liegen. All diese Dinge müssen einem nicht gefallen, aber sie zum Anlass zu nehmen, den Untergang des Abendlandes zu beschwören oder mit Boykottaufrufen dagegen vorzugehen, mutet doch an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Für mich ist diese Empörung ein Indiz für die Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass unsere Gesellschaft längst nicht mehr so christlich geprägt ist, wie Christen sich das wünschen mögen. Ich will damit nicht sagen, dass Christen sich mit dieser Tatsache abfinden sollen; aber es scheint mir geboten, anzuerkennen, dass sie sich unter den Bedingungen einer pluralen und demokratischen Gesellschaft auf kurze Sicht nicht wird ändern lassen. Oder, genauer gesagt: dass die Gesellschaft nicht dadurch wieder christlicher wird, dass Christen laut darüber jammern, dass ein großer Teil der Gesellschaft sich nicht sonderlich für ihre Traditionen interessiert oder gar Rücksicht auf sie nimmt. 

Kurz gesagt, ich halte die Energie, die in solche Empörungsfeldzüge fließt, für verschwendet. Und wir sollten haushälterisch mit unserer Energie umgehen, denn wir werden sie noch brauchen. -- Freunde und Freundesfreunde auf Facebook werden jetzt vielleicht darauf hinweisen wollen, ich hätte doch unlängst selbst eine Menge Energie verschwendet, indem ich mich darüber empört hätte, dass eine katholische Jugendseelsorgeeinrichtung in Berlin für Dreharbeiten zu einem moralisch nicht ganz einwandfreien Film zur Verfügung gestellt wurde. Nun ja: Inhaltlich möchte ich mich zu diesem Vorgang erst dann näher äußern, wenn ich eine Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage an die Pressestelle des Erzbistums Berlin habe; dennoch schon mal ein Wörtchen dazu, weshalb ich der Meinung bin, DAS sei ETWAS ANDERES: Hier handelt es sich, bildhaft gesprochen, um unser eigenes Haus. Oder zumindest sollte das so sein. Und gerade unter den Bedingungen einer postchristlichen Gesellschaft muss uns daran gelegen sein, unsere "Enklaven" zu sichern und zu befestigen. 

Dass meine Empörungsenergie in diesem konkreten Fall letztlich doch verschwendet gewesen sein mag, halte ich für möglich. Doch dazu, wie gesagt, ein andermal. 




Donnerstag, 9. November 2017

Wie sehr liebt Gott Weihbischof Theising?

Neulich fand in Essen - nein, nicht in Essen im Ruhrpott, sondern in Essen in Oldenburg, einem 4000-Seelen-Nest am südlichsten Zipfel des Landkreises Cloppenburg - der 7. Münsterlandtag des Heimatbundes für das Oldenburgische Münsterland statt, und bei dieser Veranstaltung durften auch die regionalen Spitzenvertreter der großen Kirchen nicht fehlen: Jan Janssen, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, und Weihbischof Wilfried Theising, Bischöflich Münsterscher Offizial in Vechta, trafen sich zu einem Podiumsgespräch über Ökumene -- und hatten, wie es dem harmonieorientierten Anlass entspricht, nur freundliche Worte füreinander bzw. für die jeweils andere Konfession. So wirkt es jedenfalls in der Pressemitteilung des Bischöflich Münsterschen Offizialats, in der Weihbischof Theising mit der Aussage zitiert wird: 
"Wir sind alle Kinder Gottes. Hier im Saal ist keiner, der mehr ist als ich oder weniger ist als ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott einen Katholiken mehr liebt als einen Protestanten. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Gott einen, der nicht getauft ist, weniger liebt als einen, der getauft ist." 
Fragen wir uns mit dem Apostel Paulus: "Was sollen wir nun dazu sagen?" (Röm 8,31). Na klar, der Herr Offizial hat etwas Nettes sagen wollen. Und genau genommen ist an der Aussage ja auch nichts direkt falsch. Problematisch ist jedoch, was die Aussage impliziert bzw. zu implizieren scheint: nämlich, dass es letztlich egal sei, was einer glaubt, weil Gott uns ja sowieso alle liebt. Womit wir wieder einmal beim Dauerbrennerthema "Halbgare Wohlfühlprosa ersetzt klare Verkündigung" wären. Denn die just skizzierte Auffassung ist zweifellos sehr modern, und auch wenn der Herr Weihbischof seine Worte so nicht gemeint hat (und dass er sie doch so gemeint haben könnte, wollen wir ihm keinesfalls unterstellen), könnte bzw. sollte ihm klar sein, dass sie bei zahlreichen Hörern oder Lesern exakt so ankommen wird. 

Zunächst einmal handelt es sich bei der Aussage "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott einen Katholiken mehr liebt als einen Protestanten" um eine klassische strawman fallacy: Da wird einer Behauptung widersprochen, die überhaupt niemand aufgestellt hat. Oder wer hätte ernsthaft behauptet, Gott liebe Protestanten weniger als Katholiken oder Ungetaufte weniger als Getaufte? Mir ist da niemand bekannt. Hinzu kommt - wie im Rahmen einer Facebook-Diskussion übrigens ein evangelikaler Freund besonders betonte -, dass Weihbischof Theisings persönliche Vorstellungen von Gottes Wesen und Eigenschaften einigermaßen irrelevant sind gegenüber dem, was Gott über sich selbst offenbart hat, zunächst gegenüber Mose und den Propheten und dann natürlich vor allem in Jesus Christus. Das weiß Weihbischof Theising zweifellos selber auch. Dennoch: Jedwede Aussage, die mit "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott..." anfängt, spielt, unabhängig davon, wie richtig oder falsch die Aussage weitergeht, einem erkenntnistheoretischen und ethischen Subjektivismus in die Hände, der nur allzu charakteristisch für jene postmoderne Pseudoreligion ist, für die der Soziologe Christian Smith die (als Begriff durchaus anfechtbare) Bezeichnung "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt hat. 

Was könnte man nun aber auf die zitierte Aussage erwidern, ohne sich dabei dem Verdacht auszusetzen, man sei so ein krasser Hardliner, der insgeheim eben doch glaubt, Gott habe nur die Katholiken (und auch unter diesen nur die ganz ganz strenggläubigen) lieb? Da ich - wie meine regelmäßigen Leser wohl schon an der in letzter Zeit etwas schwächelnden Publikationsfrequenz auf meinem Blog haben ablesen können - aus familiären Gründen derzeit nur begrenzte Kapazitäten dafür frei habe, solche komplexen Sachverhalte in aller Ruhe und Ausführlichkeit zu erwägen, habe ich diese Frage gestern an die unschlagbare Facebook-Gruppe Ein ungenanntes Bistum delegiert. Und da kam einiges Schöne zusammen, woraus ich hier mal nur die Highlights zitieren möchte.

Zum Beispiel:
"Es geht in diesem Fall wohl weniger darum, wen Gott liebt und wie sehr (denn Gott liebt alle und alles unendlich, da er die Liebe IST), sondern darum, wie sehr umgekehrt der Mensch Gott liebt, zur Wahrheit strebt, sie ehrlich sucht, sie anerkennt usw ... Auch da muss der Katholik nicht 'besser' sein als der Atheist, aber Gott bewusst abzulehnen, die Kirche willentlich trotz ihrer Kenntnis abzulehnen, ist sicherlich eine Haltung, die (soweit wir das überhaupt beurteilen können) Gott nicht gefällt, trotzdem liebt er den betreffenden Menschen nicht weniger." 
Oder kürzer:
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mama mich weniger lieb hat, wenn ich die Ausbildung abbreche, den ganzen Tag Videospiele spiele, und zum Alkoholiker werde." 
Oder auch so: 
"Seine Exzellenz der hochwürdigste Herr Weihbischof belieben uns etwas vorzumachen. Er antwortet auf eine Frage, die niemand gestellt hat, und hofft darauf, dass die Leute darüber die Fragen vergessen, um die es im Zusammenhang geht. Menschlich ist das ja sicher auch verständlich - man muss leider über Ökumene reden und man will irgendwas Positives und an sich Richtiges sagen. Leider, bei aller Liebe, geht das aber in die Hose: denn darum, wen Gott wie viel liebt, geht es hier gar nicht. Das Alte Testament schildert bekanntlich in ergreifender Form die unerschütterliche Verliebtheit Gottes in sein auserwähltes Volk, welches zu gerade dem Zeitpunkt die eigenen Kinder im Feuer des Moloch röstete. Auch als Katholik kann man den Protestanten immerhin zugestehen: Das tun sie nun nicht. Aber um das zu sagen, müsste man über das tatsächliche Thema reden und nicht sentimental ausweichen." 
William Blake: Kain flieht vor dem Zorn Gottes (ca. 1805-09)

Letztlich tragen die wohlklingenden, aber hohlen[*] Worte des Offizials von Vechta zur ökumenischen Debatte überhaupt nichts bei. Ich bin - und das glaube ich auch über die anderen Teilnehmer der besagten Facebook-Diskussion sagen zu können - natürlich (!) absolut dafür, dass Christen verschiedener Konfessionen wertschätzend miteinander umgehen. Das schließt die Anerkennung von Gemeinsamkeiten ebenso ein wie das Ernstnehmen von Unterschieden. Schließen möchte ich mit einem Schmankerl aus einem Buch mit Pfarrerwitzen, das ich mal geschenkt bekommen habe:

Ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer debattieren engagiert über theologische Streitfragen. Schließlich sagt der katholische Priester: "Ach, wissen Sie, lieber Kollege, eigentlich brauchen wir uns gar nicht zu streiten. Sie dienen Gott auf Ihre Weise - und ich auf die Seine."



[* Anm.: "hohl" meine ich nicht polemisch, sondern wortwörtlich.]


Mittwoch, 8. November 2017

Halali in Wald und Flur

Am kommenden Wochenende werden in meinem allerzweitliebsten Bistum die Pfarreiräte gewählt - und es wird kräftig die Werbetrommel dafür gerührt, offenbar in der Hoffnung, der schwächlichen Wahlbeteiligung (7,1% bei den letzten Wahlen im Jahr 2013) auf die Sprünge zu helfen. In diesem Zusammenhang ist es wohl auch zu betrachten, dass das aktive Wahlalter erstmals von 16 auf 14 Jahre abgesenkt wurde. Na, wenn das mal nicht nach hinten losgeht. Denn zunächst einmal erhöht man dadurch ja nur die absolute Zahl der Wahlberechtigten - und wenn sich nun die auf diese Weise hinzugekommenen potentiellen Wähler, sprich: die 14- und 15jährigen, nur unterdurchschnittlich an der Wahl beteiligen, dann passiert mit der prozentualen Wahlbeteiligung WAS genau, liebe Freunde der Mathematik...? 

Genau. 

Grafik (c) Johannes Schlund 
(Das Original-Logo der Kampagne zur Wahl sieht übrigens geringfügig anders aus.) 

Aber nicht nur die aktive, sondern auch die passive Wahlbeteiligung bereitet Kummer: In nicht wenigen Pfarreien hat es sich als schwierig erwiesen, überhaupt eine ausreichende Zahl an Kandidaten für die Wahl zusammenzubekommen. Dass dies nun wiederum der aktiven Wahlbeteiligung nicht gerade förderlich ist - wenn es sowieso nicht mehr Bewerber als zu vergebende Sitze gibt und es somit, wie Franz Josef Degenhardt es einst zu formulieren geruhte, "gar keine Wahl gibt bei den Wah-hah-len" -, kann man sich leicht ausmalen. 

Wie man hört, stellen einige Pfarrer im Münsterland (und wohl nicht nur dort) bereits mehr oder weniger offen die Frage, ob man auf ein Gremium wie den Pfarreirat nicht gleich ganz verzichten könne, wenn sich offenkundig sowieso niemand für ihn interessiert. Wird dieses Gremium mancherorts vom Pfarrer gern dazu eingesetzt, sich Rückendeckung für unpopuläre Entscheidungen zu verschaffen, klagen andere, der Pfarreirat verursache nur Probleme, die es ohne ihn nicht gäbe. 

Spannend dürfte es jedenfalls in meiner Heimatpfarrei St. Willehad werden, wo - wie sich Mancher erinnern wird - der letzte regulär gewählte Pfarreirat im Frühjahr 2015 nach dem Rücktritt eines Großteils seiner Mitglieder aufgelöst worden war, nicht einmal eineinhalb Jahre nach Beginn der eigentlich vierjährigen Wahlperiode. Anfang 2016 war dann ein informelles Übergangsgremium gebildet worden, bestehend aus Vertretern aller in der Pfarrei aktiven "Kreise und Gruppen". Wie es scheint, hat dieses seither recht geräusch- und problemlos seine Arbeit gemacht. Aber nun werden die Karten neu gemischt. Ich hätte ja gern kandidiert, aber ich glaube, das kann man nur in der Pfarrei, auf deren Territorium man wohnt. Ist ja ehrlich gesagt auch sinnvoll. Also, wenn es mit dem Haus in Tossens auf kurze Sicht nicht klappt, kandidiere ich wohl lieber bei den nächsten Berliner Pfarrgemeinderatswahlen... (Wann sind die eigentlich?) 

Aber bleiben wir thematisch erst mal noch in St. Willehad. Dort war unlängst nämlich - wie natürlich auch sonst vielerorts in der katholischen Welt - Hubertusmesse, und erst mit einigen Tagen Verspätung bekam ich den diesbezüglichen Veranstaltungshinweis auf der Facebook-Seite der Pfarrei zu Gesicht. Dieser war garniert mit einem Foto eines jungen Mädchens in Tarnkleidung, das mit einem leicht verdrossen dreinblickenden Jagdhund und einem grooooßen Gewehr posierte. Hui, dachte ich, das ist ja mal originell, ansprechend -- und ein bisschen kontrovers, insbesondere in Hinblick auf die in der Bildkomposition sehr dominant positionierte Waffe. Das wird Ärger geben bzw. schon gegeben haben, sagte ich mir und schaute mir daraufhin mal die Kommentare zu diesem Facebook-Beitrag an. Und siehe, meine Ahnung hatte mich nicht getrogen. Ein alter Bekannter von mir, genauer gesagt ein ehemaliger Mitschüler, hatte die Darstellung eines "[j]unge[n] Menschen mit Waffe" bemängelt, weitere mir nicht persönlich bekannte Facebook-Nutzer hatten sich der Kritik angeschlossen und nebst einigen nicht unbedingt zitierfähigen Frotzeleien über die Katholische Kirche beispielsweise angemerkt, man hätte doch lieber einen "Herren mittleren Alters mit Lodenmantel und [J]agdhut abbilden" sollen. 

Hier eine verfremdete Version des inkriminierten Bildes - (c) Peter Esser 
Hier fühlte ich mich denn doch veranlasst, meiner Heimatpfarrei, an der ich sonst ja nicht unbedingt mit Kritik spare, zur Seite zu stehen, und einige Gleichgesinnte aus der Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" machten mit. "Weshalb sollte hier plötzlich der Anteil jünger Damen an den aktiven Jägern unterschlagen werden?", wurde beispielsweise gefragt. Schließlich werde es doch sonst überall "begrüßt, wenn Frauen gesellschaftlich sichtbar werden". Im Übrigen liege das "Mindestalter zum Erwerb des Jagdschein[s] (mit waffenrechtlichen Einschränkungen) [...] bei 16 Jahren". In der geschlossenen Gruppe äußerten sich einige Diskussionsteilnehmer - übrigens vorzugsweise junge Frauen! - noch deutlicher: 
"Ist die Aussage jetzt, Mädels dürfen nicht jagen? Jagen ist moralisch anrüchig, aber nur, wenn es junge Mädels / junge Leute machen? Für mich schaut das Bild ja eher nach einem netten Girls'-Day-Motiv aus, aber gut. - Außerdem haben die Herren Kommentatoren anscheinend schon lange keinen Schützenverein mehr besucht, wenn sie glauben, nur 'Herren mittleren Alters mit Lodenmantel und Jagdhut' würden Gewehre in die Hand nehmen." 
Oder: 
"Offensichtlich ist das Abbilden einer jungen Frau schon suggestiv genug. Vielleicht sollte man sich an der eigenen Nase (oder anderen Körperteilen) packen, wenn das schon zum Problem wird.
Man könnte bei den Reaktionen ja meinen, dass die Gemeinde ein Bild aus dem Tittenkalender der NRA gepostet hat." 
Und übrigens: 
"Eigentlich werden immer mehr Mädchen Jäger und Förster, weil die flexiblen Arbeitszeiten und das Arbeiten an der frischen Luft mit Tieren für Frauen generell attraktiv ist. Wenn man erst mal aus der Ausbildung raus ist, muss man dann nämlich auch nicht mit den männlichen Chauvi-Kollegen im Transporter sitzen, wie z.B. als Maler und Lackierer..." 
Angemerkt sei außerdem noch, dass auch die Jägerschaft Wesermarsch e.V. auf ihrer Website mit Fotos junger (wenn auch nicht ganz so junger) Mädchen in Outdoor-Kluft wirbt. -- Jedenfalls, und auch wenn ein großer und vielleicht der interessanteste Teil der Diskussion quasi "hinter verschlossenen Türen" stattfand, kann man feststellen: So viel Interaktion war selten auf der Facebook-Seite von St. Willehad! Das kann sich die Social-Media-Abteilung der Pfarrei (die meines Wissens im Wesentlichen aus dem hauptamtlichen Ständigen Diakon besteht) allemal als Erfolg anrechnen. Wobei ich aus Erfahrung leise Zweifel daran habe, ob man im beschaulichen Nordenham die Weisheit "any publicity is good publicity" wirklich verinnerlicht hat... 

Mit Blick auf das Motto der anstehenden Pfarreiratswahlen merkte übrigens ein Facebook-Freund an, schön wäre es doch gewesen, die Nordenhamer hätten das Bild der jungen Jägerin mit dem Slogan "Gleich knallt's!" garniert: 

"Wenn schon Shitstorm, dann richtig!" 



Donnerstag, 26. Oktober 2017

Seid nicht so bürgerlich!


Dass dem atheistischen, agnostischen, religiös indifferenten oder schlimmstenfalls "religiös liberalen" Mainstream der Gesellschaft ernsthaft gläubige Katholiken mindestens so suspekt sind wie fundamentalistische Muslime, ist ja nun wirklich nichts Neues, und bei wem das bisher noch nicht angekommen gewesen sein sollte, der sollte Claus Kleber dankbar sein, dass er das so griffig auf den Punkt gebracht hat. Freilich fällt es auf, dass Vergleiche wie der von Kleber gezogene in der Regel eher darauf abzielen, Ängste vor dem radikalen Islam zu beschwichtigen, als darauf, vor einem radikalen Katholizismus zu warnen. Das finde ich persönlich etwas lahm, während weniger eskalationsfreudige Gemüter als ich es eher beruhigend finden mögen. 

Sascha Schneider: Titelillustration zu "Orangen und Datteln" von Karl May, 1904. 
Es gibt allerdings auch andere Beispiele. Unlängst sorgte etwa der FAZ-Redakteur Patrick Bahners für Aufsehen, indem er auf Twitter erklärte:
"Die Einbildung, ein von Menschen gemachtes Gesetz müsse über den heiligen Büchern der Religionen stehen, ist der wahre Fanatismus." 
Sicherlich ließe sich trefflich darüber diskutieren, inwieweit Bahners' in offenkundig provozierender Absicht hingeworfenes Kurz-Statement einen sachlich richtigen Kern hat und wo man da genauer differenzieren müsste; aber eine vielköpf'ge Schar von Twitter-Nutzern wollte nicht differenzieren, sondern stand nicht an, Bahners' Fanatismus-Diktum nolens volens zu bestätigen. "Sie scheinen ja noch im Mittelalter zu stecken!", wurde dem FAZ- beschieden, oder, etwas weniger höflich: "Was bist denn du für ein religiöser Spinner?" - "[W]enn Sie irgendwelchen Bronzezeit Aberglauben über das GG packen dann begatten Sie gefälligst Ihr Knie." - "[R]eligiöse Dinge sind Fantasmen, durchaus behandlungsfähig. Hilfe ist möglich." Unter den eher sachlich sein wollenden Reaktionen fand man beispielsweise diese: "Sind Sie wirklich der Auffassung, redigierter bronzezeitlich palästinensischer Bauernaberglaube sollte eine bes. Relevanz haben?" Und, für mein Empfinden noch interessanter, diese: "Wir in Europa haben im Laufe der Geschichte errungen, dass Staat über Religion steht [!]. Wir sind aufgeklärt. Ihr Gedankengut ist Mittelalter."

Tja. Religiöse Toleranz heute: Glaub doch, woran du willst, solange du das nicht übermäßig ernst nimmst und im Zweifel deine religiösen Pflichten deinen staatsbürgerlichen unterordnest. Das ist keine bizarre Randgruppenmeinung, das sieht, wie ich im Rahmen einer Podiumsdiskussion per Nachfrage in Erfahrung bringen konnte, sogar der prominenteste Vorkämpfer für Religionsfreiheit und den Schutz verfolgter Christen in der deutschen Bundespolitik, Volker Kauder (CDU), explizit so. 

So oder so: Dass die öffentliche Meinung keinen qualitativen Unterschied zwischen verschiedenen Religionen sieht, sondern ernstgenommene Religiosität ganz allgemein creepy findet, darüber sollten wir nicht jammern, das sollten wir akzeptieren und dazu stehen. Wenn Religion allgemein nur noch insoweit als sozial verträglich und tolerierbar betrachtet wird, wie stillschweigend vorausgesetzt werden kann, dass ihre Anhänger ja sowieso nicht so richtig echt an sie glauben, dann sind diejenigen, die empört erklären "Ja Moment mal, WIR sind doch nicht RADIKAL!", Teil des Problems

Mir ist klar, dass ich mich mit diesem Artikel gerade bei meinen eigenen Leuten nicht besonders beliebt machen werde. Aber just deshalb schreibe ich ihn. Erinnern wir uns, wie die letzten zehn Punkte für Gryffindor in Harry Potters erstem Jahr zustande kamen. 

Also, da ich gerade mit Verve darauf zusteuere, mich mit Freunden anzulegen, nehmen wir doch zum Beispiel mal The GermanZ. Die von Klaus Kelle initiierte Online-Zeitung hat gerade die Einstellung ihres Erscheinens angekündigt, und die letzten Ausgaben wurden vom Herausgeber und den regelmäßigen Kolumnisten dazu genutzt, die Leser dafür zu beschimpfen, dass es zu wenige von ihnen gibt. Sorry, das war jetzt um des Effekts willen etwas zugespitzt formuliert. Ich schätze Klaus Kelle und die mir persönlich bekannten TheGermanZ-Mitarbeiter sehr, habe allen schuldigen Respekt vor dem Engagement und Idealismus, die sie in dieses Projekt investiert haben, und habe daher durchaus auch Verständnis dafür, dass angesichts des ausgebliebenen Erfolgs auch eine gewisse Bitterkeit aufkommt. Davon abgesehen habe ich einige Beiträge auf TheGermanZ durchaus mit Gewinn gelesen und hätte mir sehr wohl vorstellen können, dass diese Publikation geeignet wäre, eine Lücke in der deutschsprachigen Presselandschaft zu schließen. Dennoch hat mich ihre programmatische Ausrichtung immer wieder an eine Passage aus Rod Drehers The Benedict Option erinnert: 
"Mit wenigen Ausnahmen sind christlich-konservative politische Aktivisten so ineffektiv wie exilierte russische Aristokraten, die in ihren Pariser Salons sitzen, Tee aus Samowaren trinken und Pläne zur Restauration der Monarchie schmieden. Man wünscht ihnen alles Gute, aber tief im Innern weiß man, dass diese Leute nicht die Zukunft sind."
-- Inwiefern? Insofern, als mir das Profil von The GermanZ weitgehend auf eine Klientel zugeschnitten schien, die auf die Renaissance einer gesellschaftspolitisch konservativen und ökonomisch liberalen "bürgerlichen Mitte" hofft. Ein Teil dieser Zielgruppe träumt von einer konservativen Rebellion innerhalb der CDU, andere setzen ihre Hoffnungen auf die FDP und wiederum andere womöglich gar auf die AfD. Vielleicht gibt es auch noch welche, die darauf hoffen, dass endlich Kaiser Barbarossa aus dem Kyffhäuser herausgeritten kommt, das erschiene mir vergleichsweise noch als die realistischste Variante. -- Im Ernst: Das Problem ist nicht, dass - wie es in den Abschieds-Jeremiaden der TheGermanZ-Kolumnisten anklang - "die bürgerliche Mitte das Kämpfen verlernt" hätte, sondern vielmehr, dass es die bürgerliche Mitte nicht mehr gibt. Dass ich persönlich ihr keine Träne nachweine, steht auf einem anderen Blatt, aber das hindert mich nicht daran, mit denjenigen meiner Freunde mitzufühlen, denen es da anders geht. Gleichwohl: Unter den 5 Phasen der Trauer ist Leugnen nur die erste. Aus dieser Phase muss man irgendwann mal rauskommen, und ich finde, es ist höchste Zeit dafür. 

Dazu zwei Fragen: a) Warum ist mir das nicht egal? b) Was hat das mit dem eingangs aufgeworfenen Thema dieses Beitrags zu tun? Die Antwort auf beide Fragen ist dieselbe. Sofern die beschriebene Zielgruppe, für die ich das TheGermanZ-Publikum mal exemplarisch als pars pro toto gewählt habe, sich - zum Teil mit großem Nachdruck - zum christlichen Glauben bekennt, macht sie auf mich häufig den Eindruck, dieses Bekenntnis so eng mit ihrem Kampf für die verlorene Sache der bürgerlichen Mitte zu verknüpfen, dass man denken könnte, sie hielten beides für ein und dasselbe. Möglicherweise tun sie das tatsächlich. Rod Dreher spricht in diesem Zusammenhang von einem Typus konservativer Christen, "die die Kirche als die Republikanische Partei beim Gebet betrachten". Aber es geht nicht nur um Parteipräferenzen oder bestimmte politische Positionen, sondern vielmehr um ein bestimmtes bürgerlich-konservatives Milieu. Ebenso wie diese Milieukonservativen mindestens bis gegen Ende der Ära Kohl offen oder insgeheim der Meinung waren, der Staat gehöre ihnen, haben sie auch geglaubt, die Kirche gehöre ihnen - und haben das Erscheinungsbild von Kirchengemeinden in einem solchen Maße dominiert, dass sie andere Milieus effektiv daraus vertrieben haben. Nun, da dieses Milieu wegbricht, haben wir den Salat. Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, wie viele vor allem junge Menschen im Laufe der letzten paar Generationen vom Glauben abgefallen sind, weil sie mit dem Eindruck aufwuchsen, Christsein sei gleichbedeutend mit bürgerlicher Wohlanständigkeit, vulgo Spießigkeit. -- Das ist die eine Seite des Problems. Die andere ist, dass viele konservative Christen allzu lange an der Vorstellung einer moral majority festgehalten haben - der Vorstellung, die Mehrheit oder zumindest eine qualifizierte Minderheit der Bevölkerung sei im Prinzip auf ihrer Seite, man müsse es nur schaffen, sie zu mobilisieren. Das ist nicht der Fall. Gerhard Schröder hatte nicht Unrecht, als er 1998 für sich in Anspruch nahm, die Neue Mitte zu repräsentieren. Keine 20 Jahre später hat sogar die CDU die damalige Neue Mitte links überholt. Es wäre illusorisch, wollte man bestreiten, dass diese politischen Entwicklungen einen tatsächlichen Wertewandel in der Gesellschaft widerspiegeln. Das neue Bürgertum will Ökostrom, gender-neutrales Kinderspielzeug und Laktoseintoleranz Ehe für alle, und seine spirituellen Bedürfnisse befriedigt der Spießbürger von heute eher mit Yoga, Qi Gong und Feng Shui. Die Vorstellung, man könne in einer zunehmend post-christlichen Gesellschaft eine Rückkehr zu christlichen Werten auf politischem Wege, durch das Wählen der richtigen Partei (welche auch immer das sein sollte), bewerkstelligen, ist bizarr. 

Was folgt aus alledem? Ich will es kurz machen: Es kommt die Zeit und ist vielleicht schon da, dass bürgerlich-konservative Christen sich zwischen ihrem christlichen Glauben und ihrer bürgerlichen Wohlanständigkeit werden entscheiden müssen. Und wer sich allzu sehr davor fürchtet, aus Sicht der Wohlanständigen als "radikal" zu gelten, der läuft Gefahr, die falsche Entscheidung zu treffen. 


Dienstag, 17. Oktober 2017

Eine Art Stockholmsyndrom

Ansgar Mayers Nemesis war ich nie. Zwar hielt er mich für einen Nazi, weil ich das Projekt #EBKHACK nicht so richtig toll fand, aber ich glaube, das haben wir geklärt. Nach dieser Auseinandersetzung folgte er mir sogar zeitweilig auf Twitter, und ich ihm auch - bis zu dieser Geschichte mit dem sächsischen Wahlergebnis und dem tschechischen Atommüll. Sogar da hatte ich noch, bevor die Sache richtig hochkochte, versucht, ihm nahezulegen, er solle seine Äußerung noch einmal überdenken. Er reagierte trotzig, und ein paar Stunden später brach dann der Shitstorm aus. Tja. 

Zu seiner "tollen" Idee mit dem Flüchtlingsboot als Fronleichnamsaltar habe ich mich nie geäußert, und zu der #gutmensch-Graffiti-Kampagne auch höchstens privat. Schaut man sich allerdings die Reaktionen an, die diese und andere von Ansgar Mayer verantworteten PR-Aktionen des Erzbistums Köln bei Anderen hervorgerufen haben, dann wird man wohl sagen können, dass der scheidende Kommunikationsdirektor erheblich dazu beigetragen hat, Kardinal Woelki zu einer Hassfigur bei konservativen Katholiken zu machen. (Bei mir übrigens nicht. Ich schätze Kardinal Woelki nach wie vor, auch wenn ich mir bei manchem, was er sagt und tut, an den Kopf fasse.) 

Angesichts des Schadens, den Ansgar Mayer dem Erzbistum Köln insgesamt und der Person des Erzbischofs im Besonderen mit seiner Tätigkeit als Kommunikationsdirektor zugefügt hat, muss man sich schon sehr wundern, wie entschieden Kardinal Woelki - wenn man einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers Glauben schenken darf - bis zuletzt an seinem Mitarbeiter festgehalten hat. "Dem Vernehmen nach", so heißt es da, sei der Erzbischof nach der Affäre um Mayers "Atommüll"-Tweet "entschlossen" gewesen, "seinem obersten Öffentlichkeitsarbeiter die Stange zu halten". "'Das stehen wir gemeinsam durch', soll Woelki zur Kritik gesagt haben." -- Nun gut, zum Teil kann ich nachvollziehen, was für Solidarisierungseffekte da am Werk waren. Unter den negativen Reaktionen, die Kardinal Woelki für diverse Aspekte seiner öffentlichen Selbstdarstellung - etwa die Videoreihe "Wort des Bischofs" - geerntet hat, waren allerlei grobe Beschimpfungen, insbesondere von Leuten, denen erkennbar weniger der Verkündigungsauftrag der Kirche am Herzen lag, sondern die schlichtweg keine Flüchtlinge, keine Muslime oder ganz allgemein keine "Fremden" mögen. Wenn man ständig aus so einer Ecke angepöbelt wird, und dann kriegt der Kommunikationsdirektor Dampf dafür, dass er sich mit der AfD und deren Wählern angelegt hat, dann ist es emotional naheliegend, erst mal zu sagen: Komm, Ansgar, von den Rechten lassen wir uns doch nicht kleinkriegen, das wäre ja noch schöner. 

Das Problem. das hier lauert, ist jedoch - wie man ja z.B. auch an der Unterstellung sieht, wer den #EBKHACK nicht für die beste Idee seit geschnitten Brot hielt, müsse ja wohl ein Nazi sein - die Versuchung, aufgrund solcher Erfahrungen jede Kritik als "rechts" einzuordnen und damit zu delegitimieren. Das ist zur Zeit übrigens gerade in innerkirchlichen Debatten sehr en vogue, ob bei häretisch.de oder bei La Civiltà Cattolica

Nun hat Ansgar Mayer seinen Posten beim Erzbistum aber doch aufgegeben - aus eigenem Entschluss, wie es heißt. Er wolle sich "auf neue Aufgaben in Hamburg konzentrieren". Und verabschiedet wird er mit viel Lob. Im weltlichen Bereich mag das so üblich sein; und noch ehe ich ein "aber" in die Tastatur gehämmert habe, fällt mir auf, dass genau das das Problem ist, das ich mit den Abschiedsworten des Generalvikars Meiering für seinen scheidenden Mitarbeiter habe: Sie sind durch und durch weltlich. "Es tut uns leid, dass Dr. Mayer uns verlässt", heißt es in der Pressemitteilung. "Mit ihm ist es uns gelungen, [...] eine Unternehmenskommunikation auf der Höhe der Zeit aufzubauen". Hört, hört: Unternehmens[!]kommunikation. Höhe der Zeit. Ich sag einfach mal: Identität-Relevanz-Dilemma. Wer öfter liest, was ich so schreibe - sei es hier oder in anderen Publikationen -, wird wissen, was ich meine. (Und wer es nicht weiß, muss abwarten, bis mein Buch zu diesem Thema erscheint. Aber pssst.) Jedenfalls scheint mir die zitierte Einlassung einen Eindruck zu bestätigen, den ich schon öfter hatte: dass Leute wie Ansgar Mayer nicht das eigentliche Problem sind - sondern nur ein Symptom dafür, dass die Entscheidungsträger in den deutschen Bistümern ganz allgemein sehr fragwürdige Prioritäten setzen. 

Illustration:(c) Peter Esser 

Ansgar Mayer selbst wünsche ich für die Zukunft nur Gutes. Ich hoffe, er findet (oder hat bereits?) in Hamburg eine berufliche Perspektive, die seinen Qualifikationen, seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Und die möglichst wenig mit der Kirche zu tun hat. 



Sonntag, 1. Oktober 2017

Zu Gast in Deinem Zelt II: Man müsste Gitarre spielen können

Mir kommt es zwar so vor, als wären die Sommerferien gerade erst vorbei, aber andernorts bereitet man sich schon wieder auf die nächsten vor. So zum Beispiel - aus nachvollziehbaren Gründen - bei "Willi's, der Urlauberkirche in Butjadingen". Im diesjährigen Sommerurlaub haben meine Liebste und ich es, wie berichtet, nicht geschafft, von den Aktivitäten dieses Urlauberseelsorgeprojekts mehr zu Gesicht zu bekommen als ein verschlossenes Zelt. Aber jetzt sucht "Willi's" Mitarbeiter für die Urlaubssaison 2018, und noch ehe ich die PDF-Datei mit der Stellenausschreibung geöffnet hatte, warf meine Liebste ein: "Vielleicht sollten wir uns da bewerben." 

Sie meinte das ernst, und auch ich fand den Gedanken durchaus nicht uninteressant. Gesucht werden mehrere Teams, die im Zeitraum vom 30. Juni bis 25. August jeweils einen 14-tägigen Einsatz übernehmen. Mal rechnen: Da wird das Baby so acht bis zehn Monate alt sein. Was machen Kinder in dem Alter so? Einschlägige Ratgeber sagen: krabbeln und brabbeln, mit Bauklötzen spielen, aber selbstständig laufen wahrscheinlich noch nicht. Na, dann wär's ja ungefährlich. Okay, vielleicht ist unser Kind auch motorisch hochbegabt, aber wenn ja, dann hat es das nicht von mir


Also, ganz ohne Flachs: Mit Frau und Kind im Sommer zwei Wochen in Butjadingen am Strand verbringen und Urlauberseelsorge machen, das könnte ich mir tatsächlich ganz gut vorstellen. Zumal die Oma - also meine Mutter - auch ganz in der Nähe wäre; kinderbetreuungstechnisch eigentlich eine Win-Win-Situation. Also schaute ich mir die Ausschreibung mal etwas genauer an. Gemeinsam mit meiner Liebsten, versteht sich. 

"[I]n der Sommersaison 2018", heißt es da, solle "zum 2. Mal ein ökumenisches Kirchenzelt am Burhaver Strand aufgebaut werden. Dieses steht so zentral, dass Camping- & Strandgäste, aber auch Gäste der umliegenden Orte die Angebote des Kirchenzeltes nutzen können." -- Interessant. Das muss dann wohl ein anderer Stellplatz sein als im vergangenen Sommer, denn den würde ich nicht direkt als "zentral" bezeichnet haben, sondern eher als "in the middle of nowhere". Was natürlich insbesondere dann ein Problem darstellt, wenn man zudem noch - wie bereits geschildert - so gut wie keine Werbung für das Angebot macht, jedenfalls keine, mit der man irgend jemanden erreicht, der nicht aktiv nach einem Urlauberseelsorge-Angebot sucht. Na, ich will mich nicht über Gebühr wiederholen, auch wenn ich mich - wie man wohl merkt - immer noch aufregen könnt'. Lieber mal weiter im Text: 

"Im Kommunikationszentrum 'OASE' oder am Strand in Tossens sollen 2018 wieder Angebote gemacht werden." Na, das will ich doch wohl hoffen, sonst hätte man sich die pompöse Wiedereröffnung der OASE auch gleich sparen können. Zumal ich, auch wenn ich noch nicht drin war, den Eindruck habe, dass das Haus beträchtliches Potential hat, das nur darauf wartet, genutzt zu werden. 

"Für diese Urlauberkirche suchen wir (studentische) Teams – bestehend aus zwei bis drei Personen m/w." Okay, "studentische" steht in Klammern, dann gehe ich mal davon aus, dass das nicht unbedingt zwingend ist. Und immerhin waren meine Frau und ich zumindest mal Studenten. Dass die Ausschreibung sich besonders an diese wendet, dürfte u.a. mit der verbreiteten Auffassung zu tun haben, Studenten hätten einerseits "Zeit für sowas" und bräuchten andererseits das Geld. Womit wir dann auch gleich bei den "Eckdaten" wären: 
  • Ein Team (2-3 Personen m/w) ist 14 Tage bei uns zu Gast und arbeitet in der Urlauberkirche mit 
  • Jede Person bekommt 300 € Aufwandsentschädigung, sowie 50 € Taschengeld als Fahrtkostenzuschuss 
  • Eine Unterkunft wird durch die Gemeinde nach Absprache in Burhave und/oder in Tossens gestellt (Rat-Schinke-Haus, OASE oder Wohnwagen) 
  • Die Teams versorgen sich vor Ort selbst 

...und haben dafür wohlgemerkt 300 € pro Person zur Verfügung, vorausgesetzt, die 50 € für die Fahrtkosten haben ausgereicht. Bei einem 14-tägigen Einsatz macht das also ein Budget von knapp 21,50 € pro Tag und Person. Bei freier Unterkunft halbwegs vertretbar, und ein bisschen Askese darf man den Interessenten ja wohl zumuten. Dann kommen wir mal zum Inhaltlichen. 

Folgende Struktur ist hier vor Ort geplant: 
  • Programmangebote in Burhave in enger Kooperation mit „Kirche unterwegs“, sowie in Tossens für Kinder, Jugendliche, Familien und Erwachsene entwickeln, vorbereiten und durchführen 
  • Programm ist Mo-Fr 10.30 Uhr und abends um als 19-Uhr-Gute-Nacht-Geschichte 
  • Vorbereitung und Durchführung von Grillabenden  
  • Mitwirkung bei der Weiterentwicklung von „Willi’s – Die Urlauberkirche in Butjadingen“ ggf. auch nach der Saison 
Ich muss sagen, insbesondere der erste und der letzte Punkt erscheinen mir durchaus interessant. Also, dass man nicht nur für die Durchführung, sondern auch für die Entwicklung von Programmangeboten zuständig sein und sich auch bei der Weiterentwicklung des Urlauberkirche-Konzepts einbringen darf und soll. 

Der Haken an der Sache versteckt sich in den Punkten dazwischen. Zunächst mal: Zweimal am Tag "Programm", einmal vormittags und einmal abends - und was macht man den ganzen Rest des Tages, mit den knapp 21,50 €, die einem zur Verfügung stehen? -- Scherz beiseite: Wie letztens schon angemerkt, scheint es mir recht unbefriedigend, wenn das Zelt den Großteil des Tages über leer steht; zwar kann man kaum erwarten, dass den ganzen Tag über irgendwie "Programm" stattfindet, aber das muss es ja auch gar nicht. Im Gegenteil, die Fokussierung auf "Programm" scheint mir ein grundlegender Webfehler des ganzen Konzepts zu sein. Ich jedenfalls stelle mir unter Urlauberseelsorge nicht unbedingt und nicht in erster Linie Bespaßung vor. Viel wichtiger fände ich es, dass einfach jemand da ist, präsent, ansprechbar. So ein Zelt könnte sich ja auch gerade als ein Ort der Stille und des Rückzugs im Urlaubstrubel anbieten. 

Dass gerade Grillpartys einen offenbar so zentralen Bestandteil des Konzepts darstellen, erscheint mir in diesem Zusammenhang ebenfalls recht bezeichnend. Aber da diese vermutlich nicht vom Selbstversorgungs-Budget bestritten werden müssen, hat das für die "Teamer" natürlich unbestreitbare Vorteile. 

(Über den Satzbau-Holperer in der Passage mit der Gute-Nacht-Geschichte möchte ich übrigens milde hinwegsehen. Der Satz ist vermutlich mehrfach umformuliert worden, und am Ende standen dann ein paar Partikel da, wo sie nicht hingehören. Sowas kommt vor.) 

Bleiben noch die "Voraussetzungen für eine Mitarbeit" zu betrachten: 
  • Teilnahme an einem Präventionskurs zur Kindeswohlgefährung, der durch das Bistum Münster anerkannt ist 
  • Abgabe eines erweiterten Führungszeugnisses 
  • Interesse an der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Erwachsenen 
  • Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit 
  • Lust und Laune mit den Urlaubern Zeit zu gestalten und zu teilen
Gegen so einen Präventionskurs hätte sie nichts, meinte meine Liebste; na gut, sie ist Lehrerin, da hat man Erfahrung mit dergleichen. Auf mich hingegen wirken solche Fortbildungen ungefähr so attraktiv wie ein Zahnarzttermin, aber okay, allein daran würde ich's nicht scheitern lassen wollen. Problematischer ist der Punkt "Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit", denn das dürfte sich, wenn mich mein Eindruck nicht ganz stark trügt, auf die Arbeit in einschlägigen Verbänden beziehen. Und damit können wir nicht nur nicht dienen, sondern es sieht mir auch nach einem klaren Signal aus, dass kein Interesse daran besteht, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die in der Lage wären, außerhalb der Box zu denken. Was natürlich auch das Potential der oben angesprochenen "Weiterentwicklung" erheblich einschränkt. Bemerkenswert ist auch, was im Anforderungsprofil nicht vorkommt: nämlich irgendwas mit Glauben oder so

"Ich schätze, wir werden unser eigenes Zelt aufstellen müssen", resümierte ich. Meine Liebste war nicht abgeneigt. "Wir könnten da zum Beispiel das Stundenbuch beten", regte sie an. "Wenn jemand kommt und mitbeten will, schön; und wenn nicht, dann machen wir das eben alleine. Und ansonsten sind wir einfach da, als Kontaktangebot, und schauen, was passiert." 

Mal sehen: Viellicht machen wir das wirklich. Hängt natürlich unter anderem auch davon ab, wie sich das Leben mit Kind bis dahin so entwickelt, aber was das angeht, sind wir beide recht optimistisch. Ein Problem sehe ich an ganz anderer Stelle: Uns fehlt jemand, der Gitarre spielen kann. So eine Gitarre ist nicht einfach nur ein Musik-, sondern auch und nicht zuletzt ein Pastoralinstrument. Mit einer Gitarre findet man immer ein Publikum. Wenn irgendwo, wo viele Leute sind, jemand eine Gitarre auspackt und anfängt zu spielen, dann hören ihm Leute zu, ganz egal, was er spielt. So gesehen wäre es eigentlich perspektivisch - und auch unabhängig von dem konkreten Urlauberseelsorge-Projekt - eine feine Sache, Gitarre spielen zu können. Aber ob ich das in meinem Alter und mit meinen dicken Fingern (und dass ich motorisch nicht gerade hochbegabt bin, habe ich ja auch schon angedeutet) noch lerne? 

Vielleicht wäre es doch die einfachere Lösung, sich einen Mitstreiter zu suchen, der das schon kann