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Donnerstag, 5. April 2018

Was kommt nach der Volkskirche?

Neulich hatte ich auf Facebook eine interessante Diskussion unter Bloggerkollegen und anderen Netzkatholiken; eine Diskussion, die durch eine Stellenausschreibung des Erzbistums Hamburg angestoßen worden war, sich aber recht bald von diesem konkreten Anlass verselbständigte. Noch mit Blick auf das ursprüngliche Thema schrieb ich: 
"Das Problem, das ich hier sehe, ist jenes, das der Religionssoziologe Mark Chaves mit dem Begriff 'dual structure' beschreibt. Dass religiöse Körperschaften ab einer gewissen Größe einen professionell geführten Verwaltungsapparat benötigen, kann man einleuchtend finden; dieser birgt jedoch die Gefahr, zur Parallelstruktur und zum Selbstzweck zu werden, wenn er nach rein 'weltlichen' Professionalitäts- und Effizienzmaßstäben arbeitet und sich nicht um den geistlichen 'Unternehmenszweck' kümmert, weil dieser angeblich nicht in seinen Aufgabenbereich falle. Das kann nur vermieden werden, wenn die Mitarbeiter sich als Diener des geistlichen Auftrags der Kirche begreifen. Vielleicht muss das nicht für jede Reinigungskraft und jeden Hausmeister gelten (idealerweise allerdings schon); wenn ein Aufgabenbereich aber so wichtig oder so umfangreich ist, dass dafür ein eigener Abteilungsleiter benötigt wird, dann MUSS dieser Abteilungsleiter sich der geistlichen Dimension seiner Aufgabe bewusst sein. Das bloße Faktum der Kirchenmitgliedschaft ist dafür noch keine hinreichende Qualifikation." 
Ein anderer Diskussionsteilnehmer erwiderte darauf:
"Das Problem wird sich in absehbarer Zeit mit dem Abschmelzen der Kirchensteuer von selbst lösen. Allerdings auf sehr schmerzhafte Weise. Und ob dir das, was danach kommt, besser gefallen wird, ist auch noch nicht sicher." 
Dieser Einwand ist natürlich absolut berechtigt, und er berührt weit wichtigere Fragen als die, nach was für Kriterien eine Abteilungsleiterstelle im Erzbischöflichen Generalvikariat Hamburg besetzt wird. Dass es mit der konkreten Sozialgestalt der Kirche, an die wir gewöhnt sind, unweigerlich zu Ende geht, dürfte schwerlich zu leugnen sein; aber was kommt danach? Ich beschäftige mich schon seit einer ganzen Weile mit dieser Frage, und je mehr ich das tue und je mehr ich mich in Religionssoziologie und Pastoraltheologie einlese, desto mehr wächst meine Überzeugung, dass das Modell "Volkskirche", das auf vielen Ebenen immer noch das Selbstverständnis kirchlicher Einrichtungen bestimmt, schon seit längerer Zeit ein lebender Leichnam ist. Allerdings einer, der noch funktionierende Teile hat - mit Betonung auf "noch". Und darunter sind durchaus solche, die man auch in Zukunft ungern missen möchte. Eben deshalb denke ich, dass genau jetzt die Zeit ist, die Weichen dafür zu stellen, dass aus dem absehbaren Zusammenbruch der kirchensteuerfinanzierten Strukturen gerettet werden kann, was zu retten ist. Und das meine ich nicht im Sinne von "das, was man retten kann", sondern im Sinne von "das, was es wert ist, gerettet zu werden". 

Symbolbild: Abriss der Kirche St. Josef Hamm-Heessen, aufgenommen von Dirk Vorderstraße (Bildquelle hier)

Und was mache ich in dieser Situation? Nun, ich bemühe mich, auf eine gut katholische Kombination aus Gottvertrauen und - in dem bescheidenen Rahmen, in dem mir das möglich ist - "Selbst-mit-Anpacken" zu setzen. Diesbezüglich hatte ich vor ein paar Tagen eine Art Schlüsselerlebnis, als ich mit Frau und Kind zu einem "Glaubensgespräch" in unserer örtlichen Pfarrei ging. Außer uns bestand dieser Gesprächskreis nahezu ausschließlich aus ältlichen bis sehr alten Damen, rechtgläubig bis in die Zehennägel, aber zutiefst frustriert über den allgemeinen Zustand von Kirche und Welt. Verwässerung der Lehre, mangelhafte Katechese, Berufungsmangel, wilde Ehen und uneheliche Kinder, unwürdiger Kommunionempfang... you name it. Meine Liebste und ich, die wir gerade mit einem gehörigen Maß an Enthusiasmus dabei sind, Konzepte zur Neubelebung unserer Pfarrgemeinde zu entwickeln, empfanden diese den Gesprächskreis dominierende "Alles geht den Bach runter"-Stimmung als, drücken wir's mal maßvoll aus, nicht gerade motivierend

Sicherlich: Die angesprochenen Missstände gibt es, und es ist auch richtig und notwendig, sie wahrzunehmen und zu benennen. Aber gleichzeitig gibt es eben auch hoffnungsvoll stimmende Aufbrüche. Ich denke da an das "Mission Manifest" und die diversen damit in Verbindung stehenden geistlichen Bewegungen und Initiativen; ich denke (natürlich) an die "Benedict Option"; und ich denke beispielsweise an Father James Mallons "Divine Renovation". Alle diese Ansätze haben ihre jeweils unterschiedlichen Schwerpunkte, aber auch ihre Schnittmengen und Anknüpfungspunkte untereinander und somit das Potential, sich gegenseitig zu befruchten und zu ergänzen. Den erwartbaren Einwand, dass an diesen Konzepten aber auch mancherlei kritisch zu sehen sei, will ich gleich vorneweg einräumen: Natürlich muss man da sehr genau hinsehen und den Geist der Unterscheidung walten lassen, um zu beurteilen, was da wirklich dem Wohl der Kirche dienlich ist und was vielleicht eher doch nicht. Aber das ist in der Kirchengeschichte ja nichts Neues; das war bei neuen geistlichen Aufbrüchen eigentlich immer so. 


Was den genannten Ansätzen - und sicherlich noch weiteren, die ich (noch) gar nicht auf dem Radar habe - jedenfalls gemeinsam ist, ist die Überzeugung, dass Neuevangelisation im eigenen Herzen beginnen und von da aus in den eigenen Nahbereich, sprichwörtlich gesagt: den Bereich "vor der eigenen Haustür" - hineingetragen werden muss. Wie Václav Havel es - wenn auch auf den Staat und nicht auf die Kirche bezogen - formulierte: "Es ist also nicht so, daß die Einführung eines besseren Systems automatisch ein besseres Leben garantiert, sondern eher umgekehrt – nur durch ein besseres Leben kann man wohl auch ein besseres System aufbauen." Wie dieses "bessere System", das an die Stelle der sterbenden volkskirchlichen Strukturen treten kann und muss, konkret aussehen wird, das können wir jetzt noch nicht wissen. Wir müssen, wie ich es bei einer früheren Gelegenheit einmal formulierte, "aufbrechen wie Abraham - ohne das Ziel zu kennen, aber im Vertrauen darauf, dass Gott uns hinführen wird". Sich im Gebet Gottes Führung anzuvertrauen und dann im kleinen Rahmen selbst sein Möglichstes zu tun, ist ohne Zweifel fruchtbarer, als nur darüber zu zagen und zu klagen, was im Großen alles verkehrt läuft. 



Samstag, 10. März 2018

Ein Jahr Mittwochsklub - und das ist erst der Anfang!

Ich hatte es unlängst schon angedeutet: Am vergangenen Mittwoch ist die von meiner Liebsten und mir begründete Initiative "Der Mittwochsklub" feierlich ins zweite Jahr ihres Bestehens gestartet. Und ich möchte mal behaupten: Die Vorzeichen stehen günstig dafür, dass dieses zweite Jahr in der Geschichte unseres Projekts einen großen Sprung nach vorn bedeuten wird. 

Aber der Reihe nach. 

In meinen ersten, aus dem Spätsommer 2016 datierenden Konzeptnotizen trägt das Projekt noch den Arbeitstitel "Der Donnerstagsclub". Dass wir dann doch den Mittwoch als Termin für unsere regelmäßigen Veranstaltungen wählten und die Initiative daher "Mittwochsklub" nannten (mit K, weil das irgendwie hipstermäßiger aussieht), war zum Teil dadurch bedingt, dass in der Pfarrkirche der Gemeinde, in der wir das Projekt (und in der Folge dann auch unseren Wohnsitz) ansiedelten, mittwochs um 18 Uhr die Vesper gebetet wird. Wir fanden, das sei ein guter Auftakt für unser monatliches "Dinner mit Gott" und könne dazu beitragen, unsere Aktivitäten im Gebet zu verankern

Zu bestimmten Zeiten des Jahres wird das wöchentliche Vespergebet in dieser Kirche allerdings durch Andachten ersetzt - Kreuzwegandachten in der Fastenzeit, Maiandachten im Mai und Rosenkranzandachten im Oktober. Zu den Dingen, die ich an dieser Gemeinde sehr schätze, gehört es, dass die diversen Gemeindekreise und -gruppen in die Gestaltung dieser Andachten einbezogen werden; auf diese Weise durften wir als Mittwochsklub bereits im vergangenen Oktober eine Rosenkranzandacht gestalten, und jetzt im März waren wir mit einer Kreuzwegandacht an der Reihe. 

Die Schriftlesungen für die einzelnen Stationen des Kreuzwegs stellte ich selbst zusammen; dabei griff ich auf die vier "Gottesknechtlieder" aus Jesaja 42-53 und einige weitere prophetische Texte zurück. Diese Lesungen kombinierten wir mit Gebetstexten aus einem für den Karfreitag 2005 in Rom vom damaligen Kardinal Ratzinger verfassten Kreuzweg, und meine Liebste kümmerte sich um die Musikauswahl. 

Zu unserer Freude nahmen schätzungsweise knapp 20 Personen an der Kreuzwegandacht teil, und beim anschließenden "Dinner mit Gott" - der elften Veranstaltung dieser Reihe - waren wir, wenn man unsere kleine Tochter nicht mitzählt, noch elf Personen. Das war die bislang zweithöchste Teilnehmerzahl aller unserer "Dinners", und knapp die Hälfte der Gäste war zum ersten Mal dabei. Darunter waren auch einige im Lokalausschuss und in anderen Gruppen und Kreisen aktive Gemeindemitglieder - und eine der beiden Gemeindereferentinnen. Das Essen war sehr gut, die Atmosphäre fröhlich und die Gespräche bemerkenswert produktiv; dazu gleich Genaueres, erst mal aber ein paar Fotos: 





Das Tischgespräch drehte sich schwerpunktmäßig um den Austausch von Ideen für weitere Aktivitäten zur Belebung der Gemeinde - unter der Flagge des Mittwochsklubs oder auch in Kooperation mit anderen Gemeindekreisen. Dabei kam allerlei zusammen; zum Beispiel: 
  • Etablierung einer zweiten regelmäßigen Veranstaltungsreihe des Mittwochsklubs neben dem monatlichen "Dinner mit Gott" -- mit Vorträgen, Buchvorstellungen, evtl. auch Musik- und Filmabenden usw.; 
  • Einrichtung einer offenen Tauschbibliothek in den Räumlichkeiten der Pfarrei - dergestalt, dass jeder nach Lust und Laune Bücher einstellen und/oder mitnehmen kann; 
  • mittelfristig evtl. auch ein nach demselben Prinzip funktionierender "Tauschladen" für Kleidung und Gebrauchsgegenstände aller Art; 
  • Ausloten von Möglichkeiten der Kooperation der Pfarrei mit dem "Foodsharing"-Netzwerk (in dem meine Liebste ohnehin bereits sehr aktiv ist). 

Wahrscheinlich habe ich noch den einen oder anderen weiteren Punkt, der genannt wurde, vergessen, vertraue aber darauf, dass diese Ideen früher oder später wieder "auftauchen" werden. 

Alles in allem kann ich sagen, dass dieser Abend so lief, wie ich mir das "Dinner mit Gott" eigentlich schon immer vorgestellt und gewünscht hatte; aber manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, und jetzt, denke ich, sind wir auf einem guten Weg. 

Tags darauf tagte der Pfarrgemeinderat in öffentlicher Sitzung; da gingen meine Liebste und ich hin (mit Baby im Tragetuch!) und bekamen Gelegenheit, ein paar unserer Ideen vorzustellen. Die Resonanz war insgesamt erfreulich. Übrigens plant der Pfarrgemeinderatsvorsitzende derzeit den Aufbau eines Arbeitskreises "Kirche in Zukunft"; da sind wir natürlich dabei! 

Abschließend sei angemerkt, dass ich, als vor gut zwei Monaten die "Mission Manifest"-Website online ging, dort die Aufforderung gelesen hatte, Informationen über eigene missionarische Projekte einzusenden, die dann auf der Seite veröffentlicht werden könnten. Da hatte ich eigentlich gleich daran gedacht, den Mittwochsklub dort vorzustellen, wollte mir aber noch etwas Zeit damit lassen. Nun, da ich finde, wir "wären jetzt soweit", finde ich diese Option auf der Website nicht mehr. Aber vielleicht lässt sich da ja trotzdem was machen. 

Einstweilen lade ich schon mal dazu ein, den Mittwochsklub auf Facebook zu "liken"... :) 

Über weitere Entwicklungen halte ich Euch, liebe Leser, natürlich gern auf dem Laufenden! 




Mittwoch, 7. März 2018

Gemeindeaufbau statt "Churchhopping" -- Es tut sich was!

Ich muss ein schockierendes Geständnis machen: Ich war ein "Churchhopper". Jahrelang. Statt regelmäßig in derselben Pfarrei zur Messe zu gehen, ging ich mal in diese, mal in jene -- und, mit Erröten und Erblassen sei's gesagt: manchmal gar nicht. Okay, letzteres ist schon länger her. An Sonn- und gebotenen Feiertagen irgendwo zur Messe zu gehen, wenn ich nicht gerade krank bin, kriege ich seit einigen Jahren durchaus ziemlich lückenlos hin. Aber mich fest einer Gemeinde zuzuordnen, gar so etwas wie eine "geistliche Heimat" in einer bestimmten Pfarrei zu sehen, hat mir lange widerstrebt.

Dass ich oft in unterschiedlichen Pfarreien die Messe besuchte, hatte zum Teil praktische Gründe - z.B. den, dass ich jahrelang sonntags arbeiten musste, was dazu führte, dass ich mal vor Dienstbeginn in eine Kirche ging, die ungefähr auf halbem Weg zu meinem Arbeitsplatz lag, und mal samstags abends in einem Teil der Stadt, in dem ich dann anschließend noch "ausgehen" wollte -, aber rückblickend denke ich doch, der Hauptgrund war ein anderer: Ich hatte - nicht zuletzt auch als Folgeerscheinung meiner Jugend in einer überalterten, in sich zerstrittenen, geistlich stagnierenden Diasporagemeinde - einfach keinen Bock auf Gemeindeleben. Es ging mir diesbezüglich ähnlich, wie Rod Dreher es in der Benedict Option beschreibt
"Im ersten Jahrzehnt meines Lebens als erwachsener Christ verließ ich die Kirche, sobald der Gottesdienst vorbei war. Mit den Leuten dort in Kontakt zu kommen interessierte mich nicht. Nur Jesus und ich, das war alles, was ich wollte und brauchte – jedenfalls dachte ich das. Man könnte sagen, ich war nicht interessiert daran, an ihrer Pilgerschaft teilzunehmen; ich zog es vor, ein Tourist in der Kirche zu sein – und war geistlich zu unreif, um zu begreifen, wie schädlich das war." 
Auch als ich meine Liebste kennenlernte, änderte sich das zunächst nicht, denn ihr ging es diesbezüglich nicht so grundsätzlich anders als mir. Als wir jedoch anfingen, konkrete Heiratspläne zu schmieden, kam ich eines Tages zu dem Schluss: "Spätestens wenn wir Kinder haben, muss das anders werden." Es war klar, dass wir uns nach der Heirat eine gemeinsame, größere Wohnung würden suchen müssen, und meine Liebste hatte auch schon eine recht präzise Vorstellung davon, wo in Berlin sie nach einer Wohnung suchen wollte; also begannen wir nach unserer Rückkehr von unserem gemeinsamen Jakobsweg damit, regelmäßig in der Pfarrei unseres Wunsch-Stadtteils in die Messe zu gehen, auch schon bevor wir tatsächlich dort wohnten. Die Wohnung, die wir dann schließlich fanden, liegt nur wenige Minuten Fußweg von der Pfarrkirche - nennen wir sie mal "St. X" - entfernt.



Und was soll ich sagen? Nachdem ich noch vor wenigen Jahren der Aussage "Die Pfarrei, wie wir sie kennen, ist dem Untergang geweiht, und das ist auch gut so" vermutlich begeistert zugestimmt haben würde, bin ich inzwischen ein ausgesprochener Fan des Prinzips Ortspfarrei. Und das nicht etwa, weil hier in St. X alles so super wäre. Das ist es durchaus nicht, wenngleich ich hier immerhin ziemlich Vieles ziemlich gut finde - gut genug, um es weiter verbessern zu wollen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet hat selbst das, was nicht so gut ist, etwas durchaus Motivierendes an sich. Man muss sich nur erst einmal klar machen, dass man ideale Zustände ohnehin nirgends antreffen wird, und schon verliert das "Churchhopping" seinen Reiz; viel sinnvoller ist es, da, wo man ist, sein Möglichstes zu tun, um die Zustände ein bisschen idealer zu machen. Wie eine oft (und wohl fälschlich) Mahatma Gandhi zugeschriebene Lebensweisheit sagt: "Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst!" G.K. Chesterton benutzt das skurrile Beispiel eines Mannes, der sich wünscht, die ganze Welt wäre blau - und der daher alles um ihn herum blau anzustreichen beginnt. Nach menschlichem Ermessen ist nicht damit zu rechnen, dass er sein Ziel einer ganz und gar blauen Welt jemals erreichen wird; und dennoch: Selbst wenn er pro Tag nur einen einzigen Grashalm blau anmalt, wird er - so betont Chesterton - die Welt schließlich blauer (und damit in seinem Sinne besser) hinterlassen, als er sie vorgefunden hat. Würde er sich hingegen jeden Tag aufs Neue entscheiden, in welcher Farbe er die Welt anstreichen möchte, würde er überhaupt nichts erreichen.

Damit, das Gemeindeleben in St. X in unserem Sinne etwas "blauer" zu machen, haben meine Liebste und ich schon früh angefangen - durch die Gründung des "Mittwochsklubs", der übrigens gerade sein einjähriges Bestehen feiert. Dabei war uns im Grunde von Anfang an klar, dass ein einmal im Monat stattfindender offener Koch-Abend nur ein erster Schritt sein konnte. Aber um mehr zu machen als das, mussten wir uns erst einmal in der Gemeinde einleben -- und Ideen sammeln.

Bis Ende letzten Jahres waren schon so ein paar Ideen zusammengekommen, aber was uns noch weitgehend fehlte, war eine Strategie, um nicht als "Leute, die neu in die Gemeinde kommen und hier alles auf den Kopf stellen wollen" dazustehen. Und dann erschien im Pfarrbrief ein Aufruf der beiden Gemeindereferentinnen zur Bildung einer Projektgruppe für ein "Projekt Neuzugezogene". In dem Text hieß es:
"Als getaufte Christinnen und Christen sind wir aufgerufen die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. Wie können wir Fernstehenden unserer Gemeinden diese Botschaft neu erschließen, wie können wir Neuzugezogenen Wege in unsere Gemeinschaft aufzeigen?"
Das klang ja gut, fand ich -- gut genug, um meine tiefsitzenden Vorurteile gegen den Berufsstand der Gemeindereferentinnen beiseite zu schieben und den beiden eine Mail zu schreiben, des Inhalts, meine Frau und ich würden uns gern in eine solche Projektgruppe einbringen. Wochen zogen ins Land, und es erfolgte keine Antwort. Okay, vielleicht warteten die Gemeindereferentinnen erst einmal darauf, dass sich noch weitere Interessenten meldeten; vielleicht hatten sie um Weihnachten herum auch insgesamt zu viel anderes zu tun. (Ich habe zwar, ehrlich gesagt, nur etwas unscharfe Vorstellungen davon, womit eine Gemeindereferentin ihren Arbeitsalltag verbringt, aber immerhin sind die beiden Damen gemeinschaftlich für einen aus vier Pfarreien mit insgesamt sieben Kirchen bestehenden Pastoralen Raum zuständig - da wird wohl einiges an Arbeit zusammenkommen.)

Anfang des neuen Jahres fuhren wir jedenfalls erst mal zur MEHR-Konferenz nach Augsburg, wo uns besonders der kanadische Priester James Mallon mit seinem Konzept zur geistlichen Erneuerung "ganz normaler Pfarrgemeinden" begeisterte. Genau unser Thema!, sagten wir uns. Ich kaufte mir daher gleich Father Mallons Buch "Wenn Gott sein Haus saniert" und las es mit großem Interesse. Auch wenn ich nicht in absolut allen Punkten mit Father Mallon einverstanden bin, kann man seinem Buch eine Vielzahl ausgezeichneter Anregungen entnehmen, und ich kann es insgesamt nur empfehlen!

Inzwischen las meine Frau das "Mission Manifest". Demnächst werden wir die Bücher wohl mal untereinander tauschen müssen.

Nach unserer Rückkehr von der MEHR schrieben wir den Gemeindereferentinnen jedenfalls unverdrossen eine neue Mail - und diesmal kam recht prompt eine Antwort. Die Terminfindung für ein erstes Projektgruppentreffen zog sich dann allerdings noch ein Weilchen hin, und in der Zwischenzeit ereignete sich noch etwas anderes: eine Sitzung des "Lokalausschusses" von St. X.

Im Unterschied zum Pfarrgemeinderat sind die Lokalausschüsse der einzelnen Kirchenstandorte keine gewählten Gremien, sondern stehen allen interessierten Gemeindemitgliedern offen. Im Vorfeld der jüngsten Sitzung des Lokalausschusses St. X wurden nun im Anschluss an die Sonntagsmesse Flyer verteilt, die für eine rege Beteiligung an der Sitzung warben -- mit dem Argument, eine lebendige Gestaltung des Gemeindelebens sei eine Aufgabe aller Gemeindemitglieder. Das fand ich vom Ansatz her (natürlich) gut, aber als ich spontan anfing, mir ein paar Gedanken zu notieren, zu denen dieser Einladungs-Flyer mich angeregt hatte, wurde unversehens ein zweiseitiges Thesenpapier daraus. Vielleicht könnte/sollte man das in die anstehende Sitzung einbringen, sagte ich mir und mailte das Schreiben vorab an die Lokalausschuss-Vorsitzende. Die fand es gut und setzte es prompt auf Punkt 1 der Tagesordnung. Ich füge es hier in nur geringfügig überarbeiteter Gestalt ein: 

„Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen!“ (1. Petrus 2,5)

I. Der Stand der Dinge
Wie steht es um das Gemeindeleben in St. X? Mir als noch relativ neuem Gemeindemitglied fällt da zunächst allerlei Positives auf. Es gibt zwei Sonntags- und drei Werktagsmessen, wöchentlich Eucharistische Anbetung, Vesper und Rosenkranzgebet, es gibt aktive Gruppen wie die Kolpingsfamilie und die Legio Mariae, es gibt Glaubensgespräche, Bibelteilen und einmal im Monat den „Sonntagstreff“ nach der Messe. Das ist nicht wenig, und es ist alles andere als selbstverständlich.  
Gleichzeitig entsteht aber auch der Eindruck, dass die diversen Aktivitäten in der Gemeinde auf zu wenige Schultern verteilt sind. Das bringt eine ganze Reihe von Problemen mit sich. Zunächst einmal besteht die Gefahr, dass gerade die aktivsten und engagiertesten Gemeindemitglieder überfordert und frustriert werden, wenn sie den Eindruck haben, dass sie zu wenig Unterstützung und Wertschätzung erhalten oder dass einfach „immer alles an ihnen hängen bleibt“. Hinzu kommt: Auch beim besten Willen kann es jederzeit passieren, dass der eine oder andere „Aktive“ sich aus privaten, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen einfach nicht mehr so sehr engagieren kann wie bisher, und dadurch können Lücken entstehen, die schwer zu schließen sind.  
Ein Problem ganz anderer Art besteht darin, dass, wenn die Gemeindeaktivitäten im Wesentlichen von „immer denselben Leuten“ bestritten werden, sich im Wesentlichen auch „immer dieselben Leute“ davon angesprochen bzw. angezogen fühlen. „Neue Leute“ erreicht man am besten durch neue Leute. Das ist ein Dilemma, denn irgendwo muss man ja anfangen.  
Aus all diesen Gründen ist es gut und richtig, dass der Einladungs-Flyer zur Lokalausschusssitzung betont hat, es liege in der Verantwortung aller Gemeindemitglieder, das Gemeindeleben mitzugestalten. Wie aber motiviert man die bisher „weniger aktiven“ Gemeindemitglieder zur Mitarbeit?

II. Wenn du ein Schiff bauen willst...  
Der besagte Flyer setzt darauf, seinen Adressaten vor Augen zu halten, was es in dieser Gemeinde alles gibt, was nur durch das freiwillige Engagement von Gemeindemitgliedern ermöglicht wird, und regt dazu an, sich bewusst zu machen, was es bedeuten würde, wenn diese Dinge – Kirchenschmuck, festliche Liturgien, diverse Veranstaltungen – wegfallen würden. Das scheint zunächst einmal ein guter Ansatz zu sein; was aber, wenn die, denen die genannten Dinge wirklich wichtig sind – jedenfalls wichtig genug, um selbst etwas dafür zu tun –, genau diejenigen sind, die sich schon jetzt engagieren? In diesem Fall müsste man bei den übrigen Gemeindemitgliedern erst einmal ein Bewusstsein dafür schaffen, warum diese Dinge ihnen wichtig sein sollten.  
Da ich nicht in die Köpfe anderer Leute hineinschauen kann, spreche ich hier mal von mir. Zum ersten Mal zu einer Lokalausschusssitzung gegangen bin ich, weil mehrere Personen mich gezielt dazu eingeladen hatten; und zwar mit dem Argument, es solle in der Sitzung um das Thema „offene Kirche“ gehen. Das war mir wichtig, und deshalb ging ich hin; ein erheblich größerer Teil der Sitzung drehte sich dann allerdings um Fragen wie wer auf welchem Parkplatz parken darf und wer sich darum kümmert, Toilettenpapier nachzufüllen. Dass so viel Zeit und Energie auf solche Fragen verwendet wurde, war für mich zunächst mal eher demotivierend, um nicht zu sagen abschreckend.  
Unlängst habe ich nun das Buch „Wenn Gott sein Haus saniert“ von dem kanadischen Priester James Mallon gelesen, das sich um die Frage dreht, wie eine „ganz normale“ Pfarrgemeinde missionarisch werden kann; und ich war einigermaßen verblüfft, festzustellen, dass in diesem Buch neben vielen anderen Dingen auch von Toilettenpapier die Rede war. Was will ich damit sagen? Dafür zu sorgen, dass die zum Pfarrsaal gehörenden Toiletten mit allem Notwendigen ausgestattet sind, ist an und für sich keine besonders inspirierende und motivierende Aufgabe, und erst recht ist es nicht besonders inspirierend und motivierend, in Gremiensitzungen lang und breit darüber zu debattieren; aber trotzdem ist es eine notwendige Aufgabe, insoweit sie einem größeren Ziel dient. Daraus folgere ich: Wir müssen mehr über dieses Ziel reden, wenn wir uns selbst und andere dazu motivieren wollen, auch „undankbare“ Aufgaben zu übernehmen. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery schrieb: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen [...], sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

III. Wozu machen wir das alles? 
Das zentrale Ziel kirchlichen Handelns – der Zweck, für den die Kirche existiertwird im Matthäusevangelium in Kapitel 28, Vers 19f. formuliert: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Wenn es um die Frage geht, welche Aktivitäten in einer Pfarrgemeinde unbedingt notwendig und welche vielleicht eher verzichtbar sind, dann gilt es zu fragen, inwieweit sie (direkt oder indirekt) dem Ziel dienen, Menschen zu Jüngern Jesu zu machen – oder was man gegebenenfalls anders machen müsste, um diesem Ziel besser dienen zu können.  
Gleichzeitig liegt es auf der Hand, dass man nur dann Andere für dieses Ziel wird begeistern können, wenn man sich selbst voll damit identifiziert. Das ist kein einmaliger Entschluss, sondern es erfordert, die eigene persönliche Beziehung zu Christus permanent zu pflegen und zu vertiefen.

IV. Eine Anregung: Das Pfarrzellen-Modell  
Ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, um für ein Konzept zu werben, das unlängst auf der Website des Bistums Passau vorgestellt wurde: das Pfarrzellen-Modell. Dieses Modell basiert auf der Überzeugung, dass eine Neubelebung von Pfarrgemeinden, wenn sie fruchtbar sein soll, im Gebet und insbesondere in der Anbetung wurzeln muss. Das Pfarrzellen-Modell besteht aus drei Stufen; die erste ist, dass „Menschen, die Sehnsucht haben nach der Begegnung, nach der Berührung mit Jesus in ihrem Leben“, sich regelmäßig einmal in der Woche zur Eucharistischen Anbetung treffen. Dafür haben wir hier in St. X durch die wöchentliche Anbetungszeit am Freitagnachmittag eigentlich ideale Voraussetzungen. Der nächste Schritt besteht in der Gründung sogenannter „Hausgemeinschaften“, die sich wöchentlich für etwa eineinhalb Stunden „zum Austausch untereinander, zur Betrachtung des Sonntagsevangeliums und zum gemeinsamen Fürbittgebet“ treffen. Und die dritte Stufe besteht darin, dass jedes Mitglied dieser Hausgemeinschaften einen Dienst in der Gemeinde übernimmt, „je nach Begabung und Charisma“.  
Das Modell ist auf Wachstum angelegt; die Bezeichnung „Pfarrzellen“ verweist darauf, dass diese sich nach dem Prinzip der Zellteilung vermehren sollen – wenn eine Kleingruppe zu groß wird, also beispielsweise mehr als zwölf Personen umfasst, teilt sie sich.  
Das alles mag recht anspruchsvoll klingen, aber was haben wir für eine Wahl? Gott hat uns unsere Talente nicht gegeben, damit wir sie im Boden vergraben. Wir sollten darauf vertrauen, dass Gott eine geistliche Erneuerung und Neubelebung unserer Pfarrgemeinden noch mehr will, als wir sie wollen.
Im Lokalausschuss wurde dieses Thesenpapier überwiegend positiv aufgenommen und löste eine durchaus fruchtbare Diskussion aus; beanstandet wurde allerdings die verhältnismäßig wenig praxisbezogene Ausrichtung der Thesen. Nun gut, einige Ansätze zur praktischen Umsetzung der in diesem Papier formulierten Impulse wurden gleich an Ort und Stelle diskutiert; und da zwei Wochen darauf endlich das mehrfach verschobene Treffen mit den Gemeindereferentinnen anstand, beschlossen meine Liebste und ich, den Schwung auszunutzen und zu diesem Treffen eine möglichst breit gefächerte Sammlung von Ideen zur Gemeindeentwicklung mitzubringen, einschließlich solcher Ideen, die sich aus der Diskussion im Lokalausschuss ergeben hatten. Dabei kam so einiges zusammen; ich füge die Liste, fragmentarisch und assoziativ wie sie ist, einfach mal hier ein, in der Hoffnung, dass sie den einen oder anderen Leser dazu inspiriert, einzelne Punkte daraus selbständig weiterzudenken und womöglich in seiner eigenen Pfarrgemeinde zu verwirklichen.  
Brainstorming Gemeindeentwicklung  
Zur Einstimmung:  
„Die Hand des Herrn legte sich auf mich, und der Herr brachte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll von Gebeinen. Er führte mich ringsum an ihnen vorüber, und ich sah sehr viele über die ganze Erde verstreut liegen; sie waren ganz ausgetrocknet. Er fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur du.“ (Ezechiel 37,1-3) 
Ideen/Vorschläge/Anregungen 
  • von Father Mallon gelernt: Neuevangelisierung/Gemeindeerneuerung muss immer mit den Leuten anfangen, die „schon da sind“; denn diese prägen das Klima der Gemeinde und haben somit entscheidenden Einfluss darauf, ob die Gemeinde auf Außenstehende attraktiv wirkt. Diesbezüglich haben wir so einige Baustellen (z.B. „Sonntagstreff“).  
  • „Welcome-Teams“  
  • Bestehende Gruppen und Kreise der Gemeinde besser miteinander vernetzen; notwendig dafür wäre mehr Transparenz bei der Raum- und Schlüsselvergabe. Idealvorstellung: interaktiver Online-Raumbelegungsplan, auf den die Gruppenleiter Zugriff haben. (Bei der Gelegenheit mittelfristig im Auge behalten: neue Website!)  
  • Interaktion zwischen Mitarbeitern/Gremien und „einfachen Gemeindemitgliedern“ (oder solchen, die es werden wollen) ist ausbaufähig.  
  • Was wir bereits tun: „Dinner mit Gott“ des Mittwochsklubs böte sich theoretisch als Erstkontakt-Angebot an, erfüllt diese Funktion aber bisher nicht in befriedigendem Maße. Wie kann man diese Veranstaltung (und andere) intensiver und zielgerichteter bewerben?  
  • Eine (aber sicher nicht die einzige) Möglichkeit: Stadtteilzeitungen.  
  • Gemeinsamer Pfarrbrief für alle Pfarreien des Pastoralen Raums (der zudem nur alle drei Monate erscheint) hat Vor-, aber auch Nachteile. Könnte/sollte ergänzt werden durch Wochenblatt für den jeweiligen Gemeindeteil. Im Gegenzug mündliche Vermeldungen radikal kürzen.  
  • Als zentrales Erstkontaktangebot wäre ein „Nachbarschaftsfest“ (o.ä.) im Sommer geeignet; es sollte nicht „Gemeindefest“ heißen, da das den Eindruck erwecken würde, es wären nur die eingeladen, die schon „dazugehören“. Geeigneter Termin: Ende der Sommerferien (wenn Familien mit Kindern aus dem Urlaub zurückkommen).  
  • Der konsequente nächste Schritt nach einem Erstkontakt-Angebot ist ein Evangelisierungs-Angebot. Ein erprobtes Modell dafür ist der Alpha-Kurs. An einem solchen sollten auch alle teilnehmen, die in irgendeiner Form in der Gemeinde aktiv sind.  
  • Ebenfalls von Father Mallon gelernt: Sakramente als pastorale Chance.  
    • Ehevorbereitung durch Ehepaare (z.B. uns)  
    • Geschenke zur Taufe (altersgerechte Geschenkpakete für die Kinder)  
    • Besuchsdienst für junge Familien  
    • Erstkommunionvorbereitung: Eltern stärker einbinden.  
  • Ein Problem altersgruppenbezogener Gruppenangebote (speziell für Jugendliche): Die Teilnehmer wachsen irgendwann aus der Altersgruppe raus; gibt es dann kein Anschlussangebot, verliert man sie.  
    • Angebote für junge Erwachsene/junge Familien?  
    • Spätestens beim Firmkurs sollte man anfangen, die Jugendlichen parallel auch in altersgruppenunabhängige Gemeindeaktivitäten einzubinden. (Positivbeispiel: der Kennenlerntag mit Flüchtlingen in St. Y im vergangenen Januar.)  
    • Eine anstehende weitere Gelegenheit wäre der vom Lokalausschuss geplante Grundstückpflege-Tag. Gelegenheit, körperlich zu arbeiten und sich schmutzig zu machen.  
    • In diese Richtung weitergedacht: Garten-AG! Auf dem Gelände von St. X gibt es wohl kaum geeignete Flächen, einen Garten anzulegen, aber sicherlich an einem der anderen Standorte. Ein Garten ist gut geeignet, eine langfristige Bindung aufzubauen.  
    • Gelegenheiten, körperlich zu arbeiten und sich schmutzig zu machen, sind nicht nur ein gutes Angebot für Jugendliche, sondern auch für Männer; für die gibt es allgemein zu wenig Angebote, was dazu führt, dass, wenn man mal Männer braucht, keine da sind (Erfahrung vom Weihnachtsbaum-Aufbau). Exerzitien/Wochenendseminare speziell für Männer.  
  • Leitgedanke: Weg von der Dienstleistungsmentalität – mehr Ansprüche stellen! (frei nach John F. Kennedy: „Frage nicht, was deine Gemeinde für dich tun kann, sondern was du für deine Gemeinde tun kannst!“) 
Im Rahmen des Treffens mit den Gemeindereferentinnen konnten gar nicht alle Punkte von dieser Liste angesprochen werden, und es wäre zum Teil wohl auch gar nicht das richtige Forum dafür gewesen. Dennoch verlief auch dieses Treffen in einer angenehmen und konstruktiven Atmosphäre und brachte noch einige weitere Ideen und Anregungen hervor. Unsere Brainstorming-Liste gaben wir den Gemeindereferentinnen mit und mailten sie tags darauf auch an die Teilnehmer der vorangegangenen Lokalausschusssitzung. Der nächste Schritt wird wahrscheinlich sein, sie dem Pfarrgemeinderat vorzustellen... 

Zweifellos ist es eine ganze Menge Holz, was wir auf dieser Brainstorming-Liste zusammengetragen haben, und es ist nicht damit zu rechnen, dass Mitarbeiter und Gremien der Pfarrei "Hurra!" schreien und sich sofort und voller Eifer daran machen, sämtliche Punkte umzusetzen. Wahrscheinlich muss man schon halbwegs zufrieden sein, wenn zwei, drei Punkte aufgegriffen und erste Schritte zu deren Umsetzung unternommen werden. Gleichzeitig und andererseits neige ich aber zu der Ansicht: Das alles ist erst der Anfang. Wenn man erst einmal die ersten Schritte unternommen hat und sieht, dass sie funktionieren, wird man überhaupt erst ein Gefühl dafür bekommen, was noch alles möglich ist. In vier oder fünf Jahren will ich in St. X eine Gemeinde haben, von der ich jetzt noch nicht einmal träumen kann. 



Samstag, 3. März 2018

Blühende Brote und kreisende Lieder: Eine Dystopie

Gestern unter der Dusche hatte ich eine Idee für einen dystopischen Zukunftsroman mit Kirchen-Content. Allerdings bin ich recht schnell zu der Überzeugung gelangt, dass die Idee als solche interessanter und unterhaltsamer ist als ihre Umsetzung in Romanform es wahrscheinlich wäre; daher werde ich diesen Roman vermutlich nie schreiben, und folglich kann ich die Idee ebensogut hier verbraten. 


Das Szenario: Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft. Seit etwas mehr als einer Generation herrscht ein radikal säkularistisches Regime, das jegliche Form öffentlicher Religionsausübung verboten hat. Eine Kirche in einer der heutigen vergleichbaren institutionellen Gestalt gibt es also nicht mehr; stattdessen haben sich kleine Gruppen von Gläubigen - nennen wir sie, der Einfachheit halber, "Hauskreise" - gebildet, die ihren Glauben im privaten Rahmen praktizieren. Die einzelnen Hauskreise sind jedoch, da für sie nicht öffentlich geworben werden kann, weitgehend voneinander isoliert; zudem wurde die Bibel - wegen diskriminierender (homophober, sexistischer, heteronormativer...) Inhalte - auch für den privaten Gebrauch verboten.

Solcherart isoliert, abgekoppelt von der Lehrautorität der Kirche und ohne Bibel, haben die Teilnehmer der Hauskreise (oder jedenfalls einiger Hauskreise) innerhalb einer Generation aber weitgehend vergessen, was der christliche Glaube eigentlich beinhaltet. So. Nun kommt ein Hauskreis ins Spiel, der aus den Wirren der Zerschlagung institutioneller Religionsgemeinschaften und des Bibelverbots ein NGL-Liederbuch als einzige (vermeintlich) "Heilige Schrift" gerettet hat; und der Hauskreis trifft sich regelmäßig, um nach Art des "Bibelteilens" Liedtexte aus diesem Buch meditativ zu betrachten und sich darüber auszutauschen.

Lassen wir diese Vorstellung mal ein paar Minuten lang auf uns wirken.


Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht.


Werde ich dich pflanzen, dass du weiter wächst.


Und vierzehn Tage Spanien ändern auch nichts daran.


Man kann sich leicht ausmalen, was für eine Art Glaube dabei herauskäme: eine Mischung aus sozial-politischem Programm und individualistischer Wellness-Spiritualität. Rousseauistische Idealisierung von "Ursprünglichkeit" und "Natürlichkeit", ein quasi-pantheistisches Gefühl der Alleinheit, globale Verantwortung für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung. Kreuz und Auferstehung werden gelegentlich am Rande erwähnt, aber so richtig weiß man damit nichts anzufangen und zieht es daher vor, möglichst wenig darüber nachzudenken.

Das Ding ist: Diesen Glauben gibt es bereits, und er ist unter Menschen, die sich selbst als Christen und Katholiken verstehen, erstaunlich verbreitet. Man muss sich nur mal, exemplarisch, die Facebook-Seite des Bistums Münster oder Leserkommentare auf katholisch.de ansehen. Was da herrscht, ist im Kern jene "schwammige Pseudoreligion", für die der Soziologe Christian Smith von der katholischen Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana die Bezeichnung "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" (MTD) geprägt hat. (Wir brauchen uns hier nicht über die Bezeichnung zu streiten. "Deismus" ist eigentlich was anderes, das weiß ich selbst. Beschwerden bitte direkt an christian.smith@nd.edu.)

Und was verrät uns das? Es braucht gar keine Zwangsmaßnahmen einer fiesen religionsfeindlichen Diktatur, um eine authentische Glaubensweitergabe zu ver- oder zumindest behindern. Das schaffen wir schon ganz alleine...


P.S.: Meine heutige Zukunftsvision ereilte mich, anders als die gestrige, nicht unter der Dusche, sondern beim Blick in den Kühlschrank. Brause war alle. Und ich dachte: Hätte ich doch im Souterrain (Keller haben wir nicht) ein großes Brausefass, mit einer Leitung in die Küche, und direkt neben der Kaffeemaschine stünde eine Brause-Zapfanlage. In Gestalt eines Elefanten, den man am Rüssel ziehen muss, um Brause zu zapfen. Der BRAUSEFANT. Den hätte ich, im Gegensatz zum NGL-Hauskreis, gern in echt...


Donnerstag, 1. März 2018

Eine Studie in Emotivismus

Für die aktuelle Ausgabe der Tagespost habe ich einen kurzen (!) Artikel über "E-Sport" und Transhumanismus verfasst; und kaum dass ich diesen Text eingeschickt hatte, dachte ich schon: "Mancher, der mich kennt und das liest, wird denken 'jetzt ist er endgültig durchgedreht'". Mit genau dieser Anmerkung teilte ich den Beitrag, sobald er erschienen war, dann auch auf Facebook und Twitter. Und, was soll ich sagen: Die Reaktionen auf den Artikel haben mich nicht enttäuscht. 

Mir war von vornherein klar, dass meine zentrale These - in der im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD vorgesehenen Anerkennung von Computerspiel-Wettkämpfen als "Sport" äußere sich ein "postmaterialistisches" Welt- und Menschenbild, das ebenso auch in der weitgehenden Normalisierung von Empfängnisverhütung und künstlicher Befruchtung sowie in bestimmten Ausprägungen der Gender-Ideologie zum Ausdruck komme - für viele Leser nicht unbedingt unmittelbar einleuchtend sein würde. Zum Teil wurde das durch die Knappheit des mir zur Verfügung stehenden Raums verschärft: Um genauer zu erklären und zu begründen, wie ich zu dieser These komme, hätte ich mindestens doppelt so viel schreiben müssen. Gleichzeitig sagte ich mir aber: Wer Pascal, Chesterton, Guardini, C.S. Lewis, Marshall McLuhan, Alasdair MacIntyre ("Der Verlust der Tugend") und Neil Postman ("Das Technopol") gelesen hat, der versteht intuitiv, was ich meine, und wer es nicht intuitiv versteht, dem werde ich es wohl auch nicht erklären können. 

Nun ist es zugegebenermaßen keine praktikable Lösung, einem potentiellen Debattengegner erst einmal eine Leseliste in die Hand zu drücken und zu sagen "Ehe du das nicht gelesen und verstanden hast, können wir uns sowieso nicht verständigen". Schließlich könnte der Debattengegner mit gleichem Recht genauso verfahren, und was müsste man dann alles lesen. 

Frappierend fand (und finde) ich allerdings, dass das Gros der Kommentare auf meinen Artikel von der Annahme auszugehen schien, die zentrale Aussage des Texts sei "Ich finde E-Sport doof". Folglich wurden mir allerlei Argumente dafür geliefert, dass E-Sport nicht doof sei; aber diese hatten überhaupt nichts mit meiner These zu tun. Das, worum es in meinem Artikel eigentlich ging, wurde entweder ignoriert, oder die ganze Argumentationslinie wurde als prinzipiell illegitim und abwegig verworfen. Na schön, dachte ich, aber worüber diskutieren wir dann hier eigentlich? 

Ich habe den Eindruck, dass Diskussionen heutzutage - nicht nur, aber vielleicht besonders in Sozialen Netzwerken - unabhängig von ihrem konkreten Inhalt oder Anlass oft so verlaufen: Sachaussagen werden als Werturteile aufgefasst, und daraufhin wird nur noch dem (vermeintlichen oder tatsächlichen) Werturteil widersprochen und nicht den Sachaussagen. Und da ich gerade angefangen habe, zum zweiten Mal Alasdair MacIntyres "Der Verlust der Tugend" zu lesen, habe ich auch zumindest eine vage Ahnung, woher das kommt. Das Schlüsselwort heißt Emotivismus

Symbolbild, Quelle: Pixabay

Ursprünglich handelt es sich beim Emotivismus um eine Theorie der Metaethik, die - so MacIntyre - "lehrt, daß alle wertenden Urteile oder genauer alle moralischen Urteile nur Ausdruck von Vorlieben, Einstellungen oder Gefühlen sind, soweit sie ihrem Wesen nach moralisch oder wertend sind" (S.26). Daraus folgt, dass - dieser Theorie zufolge - Werturteile nicht rational begründbar seien; man könne zwar versuchen, sie durch Sachargumente zu stützen, aber tatsächlich sei das Werturteil nicht aus rationalen Gründen abgeleitet, sondern gehe diesen voraus. Das hieße, die Argumente, die ein Werturteil scheinbar begründen sollen, seien tatsächlich nur vorgeschoben und somit beliebig und austauschbar. 

Ausgehend von dieser Definition legt Alasdair MacIntyre dar, dass der Emotivismus zwar als Theorie der Bedeutung moralischer Aussagen philosophisch dürftig und fragwürdig ist, dass er aber als Beschreibung der Art und Weise, wie Menschen in der (post-)modernen Kultur Werturteile treffen und vertreten, vielfach zutrifft. Der viel zitierte, spöttisch gemeinte Spruch "Meine Meinung steht fest, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen" bringt diesen Umstand recht gut auf den Punkt. Wahrscheinlich hat annähernd jeder schon Diskussionen erlebt, in denen unterschiedliche Formen des Aneinander-vorbei-Redens sich die Klinke in die Hand gaben; zum Beispiel: 
  • Person A bringt ein Argument, Person B geht nicht darauf ein, sondern antwortet mit einem völlig anderen. 
  • Person A bringt ein Argument, Person B widerspricht diesem; darauf verteidigt Person A das zuvor gebrachte Argument nicht, sondern zieht ein neues aus dem Hut. 
Aufgrund meiner Erfahrung als Nachhilfelehrer habe ich den Verdacht, dass diese Art des Argumentierens dadurch, wie Schülern in der 9. oder 10. Klasse die Kunst der "Dialektischen Erörterung" beigebracht wird, noch gefördert wird - indem die Schüler nämlich darauf trainiert werden, sich zunächst für eine von zwei möglichen Thesen zu einem vorgegebenen Thema zu entscheiden und dann Argumente dafür zu sammeln. Zwar wird auch von ihnen verlangt, Gegenargumente zu formulieren, aber so blöd sind Schüler ja nun auch nicht, dass sie nicht kapieren würden, dass die Argumente, die ihren gewählten Standpunkt stützen sollen, entweder stärker oder zahlreicher sein müssen als die, die diesem widersprechen. Auf diese Weise "lernen" sie, dass Argumente nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern dazu, Recht zu behalten. Dazu ein weiterer gern ohne Quellenangabe durch das Internet geisternder Spruch: "Wir hören nicht zu, um zu verstehen; wir hören zu, um zu antworten." 

Aber ich bin ein bisschen vom Thema abgekommen. Schließlich wird der Schüler, der eine dialektische Erörterung schreiben soll, vielfach dazu gezwungen, zu einem Thema Stellung zu beziehen, das ihm in Wirklichkeit völlig egal ist. Auch das ist problematisch, da der Schüler daraus allzu leicht die Lehre ziehen kann, es sei letztlich beliebig, welchen von zwei einander widersprechenden oder ausschließenden Standpunkten man wählt. Hingegen ist es für die emotivistische Theorie der Bildung von Werturteilen wesentlich, dass die Prämissen, aufgrund derer ein Standpunkt eingenommen wird, emotional besetzt sind. Das macht es unter der Herrschaft des Emotivismus so schwierig, zivilisiert mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen: Eine Infragestellung meiner Meinung ist immer auch ein Angriff auf mich als Person. Und wenn ich selbst so denke, unterstelle ich diese Denkweise automatisch auch meinem Gegner; das heißt, ich setze voraus, dass der andere seine Aussagen tatsächlich so meint, wie sie bei mir ankommen. Dies mag die weite Verbreitung von Strohmannargumenten und Ad-hominem-Attacken in der heutigen Diskussionskultur erklären. Als Strohmannargument bezeichnet man den rhetorischen Trick, den Standpunkt des Gegners grob verzerrt wiederzugeben, um ihm leichter widersprechen zu können. Attestiert man seinem Debattengegner, er verwende Strohmannargumente, wird er das in der Regel bestreiten. Aber vielleicht ist er ja wirklich der Überzeugung, es seien keine - weil er über den Standpunkt seines Gegners so wütend ist, dass er ihn tatsächlich völlig verzerrt wahrnimmt? Vielleicht empfindet er es deshalb als legitim, seinen Gegner ad hominem zu attackieren, weil er dessen Argumente seinerseits als persönliche Beleidigung empfindet? 

In letzter Konsequenz laufen die Prämissen des Emotivismus darauf hinaus, dass über Fragen, die irgendwo einen moralischen bzw. wertenden Anteil haben, überhaupt keine sachliche Verständigung möglich ist. Wie geht eine Gesellschaft damit um? Denn es liegt ja auf der Hand, dass einander widerstreitende Überzeugungen, zwischen denen nicht vermittelt werden kann, die einander aber - weil sie eben emotional besetzt sind - auch nicht tolerieren können, auf Dauer den sozialen Frieden bedrohen. Was kann eine Gesellschaft, die sich so viel auf ihren Pluralismus zu Gute hält, da tun? Lassen wir diese Frage erst mal im Raum stehen, ich glaube, die gibt genug Stoff für einen eigenen Artikel her. 

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass - auch wenn weiter oben ein gegenteiliger Eindruck entstanden sein mag - die Diskussionen über meinen "E-Sport"-Artikel (bislang) noch einigermaßen harmlos verlaufen sind. Da habe ich durchaus schon ganz anderes erlebt. Trotzdem fand ich das Missverständnis, die Kernaussage des Texts laute "E-Sport ist doof", bezeichnend - umso mehr, als der Artikel genau besehen überhaupt kein explizites Werturteil enthält, weder über "E-Sport" noch über irgendetwas sonst. Man kann zwar ein implizites Werturteil darin vermuten und liegt damit nicht unbedingt falsch; aber theoretisch fände ich es durchaus denkbar, dass beispielsweise der Sprecher der "AG Transhumanismus" der Piratenpartei (gibt's sowas? Könnte ich mir gut vorstellen...) den Artikel mit den Worten kommentieren würde: 
"Das mit dem Postmaterialismus und der Entgrenzung des menschlichen Körpers stimmt alles, aber mir scheint, du hältst das für etwas Schlechtes. Ich halte das für etwas Gutes." 
Das wäre ein Beispiel für eine saubere Trennung von Wert- und Tatsachenurteil. Wieso gibt es das heutzutage so selten? 



Sonntag, 25. Februar 2018

Die Armen habt ihr immer bei euch



In diesem Jahr feiern die „Tafeln“[*] ihr 25-jähriges Bestehen in Deutschland. Das zentrale Anliegen dieser gemeinnützigen Hilfsorganisation ist es, Lebensmittel, die im Handel nicht mehr verkauft werden können und ansonsten entsorgt werden müssten, an Bedürftige zu verteilen. Die erste Initiative dieser Art wurde 1993 in Berlin gegründet, seit 1995 existiert ein bundesweiter Dachverband. Heute haben die Tafeln in Deutschland rund 60.000 ehrenamtliche Mitarbeiter, die in über 2.000 „Tafel-Läden“ und anderen Ausgabestellen wöchentlich etwa eineinhalb Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Rund ein Viertel der Empfänger sind Kinder und Jugendliche. 


25 Jahre „Tafeln“ in Deutschland – ein Grund zum Feiern? Nicht alle sehen das so. Kritiker bemängeln, Hilfeleistungen, die Bedürftige in der Position von Bittstellern und Almosenempfängern belassen, seien keine Lösung für das Armutsproblem in Deutschland. Private Initiativen, die Armut lediglich lindern, trügen dazu bei, die Politik aus der Verantwortung zu entlassen, die strukturellen Ursachen von Armut zu bekämpfen. Die unverkennbar große Nachfrage nach den Leistungen der Tafeln beweise das Versagen des Sozialstaats. 

Diese Stoßrichtung der Kritik ist an und für sich nicht neu. In Deus caritas est, der ersten Enzyklika Papst Benedikts XVI., heißt es, „seit dem 19. Jahrhundert“ habe sich dieser „Einwand, der dann vor allem vom marxistischen Denken nachdrücklich entwickelt wurde“, auch und besonders gegen „die kirchliche Liebestätigkeit“ gerichtet:
„Die Armen, heißt es, bräuchten nicht Liebeswerke, sondern Gerechtigkeit. Die Liebeswerke – die Almosen – seien in Wirklichkeit die Art und Weise, wie die Besitzenden sich an der Herstellung der Gerechtigkeit vorbeidrückten, ihr Gewissen beruhigten, ihre eigene Stellung festhielten und die Armen um ihr Recht betrügen würden. Statt mit einzelnen Liebeswerken an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse mitzuwirken, gelte es, eine Ordnung der Gerechtigkeit zu schaffen, in der alle ihren Anteil der Welt erhielten und daher der Liebeswerke nicht mehr bedürften.“ (DCE 26)
An solchen Äußerungen ist, wie Benedikt XVI. lakonisch anmerkt, „zugegebenermaßen einiges richtig, aber vieles auch falsch“. Formuliert wurden sie ursprünglich in einer Zeit, als Armut in Deutschland noch ein Massenphänomen war; dass sie bis heute immer wieder laut werden, wirft nicht nur ein bezeichnendes Licht auf die beharrliche Fortdauer marxistisch inspirierter Gesellschaftstheorien, sondern auch ganz allgemein darauf, wie schwer sich eine inzwischen reich gewordene Gesellschaft damit tut, dass Armut und Hunger in ihren Reihen dennoch nicht gänzlich ausgerottet sind. In dem Unbehagen, das die bloße Existenz von Armut inmitten einer Wohlstandsgesellschaft auslöst, mag sich auch eine Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg äußern, ein vages Bewusstsein dafür, dass der eigene relative Wohlstand möglicherweise auf tönernen Füßen steht.

Für Christen könnte und sollte gerade die Fastenzeit ein Anlass sein, sich zu fragen, welche Anforderung die Tatsache, dass in unserer eigenen Nachbarschaft Menschen nicht genug zu essen haben, an uns stellt. Wie die Evangelien berichten, ermahnte Jesus Christus Seine Jünger kurz vor dem Beginn Seiner Passion: „Die Armen habt ihr immer bei euch“ (Mt 26,11). Die Geschichte hat dieser Einschätzung Recht gegeben: Kein politisches und kein ökonomisches System hat es auf Dauer geschafft, Armut zu beseitigen. Und gerade diejenigen Ideologien, die dies am vehementesten versprochen haben, haben die katastrophalsten Ergebnisse erzielt. Es scheint, dass der Versuch, die Armut zu beseitigen, nur allzu leicht dazu verführt, die Armen beseitigen zu wollen.

So gesehen liegt es nahe, sich zu fragen, ob sich hinter der Forderung nach politischen Maßnahmen gegen Armut nicht zuweilen auch der Wunsch verbirgt, persönlich nicht mit der Armut vor der eigenen Haustür behelligt zu werden. Soll sich doch der Staat darum kümmern – wozu zahle ich schließlich Steuern? Peter Maurin, der Begründer der Catholic Worker-Bewegung in den USA, merkte dazu an, in einer solchen Haltung wiederhole sich „die Frage des ersten Mörders: 'Bin ich meines Bruders Hüter?'“

Aus christlicher Sicht ist dagegen zu bedenken, dass „die Hungrigen speisen“ nicht ohne Grund an erster Stelle unter den Werken derBarmherzigkeit steht, die Christus Seinen Jüngern in Seiner Endzeitrede in Matthäus 25 explizit und nachdrücklich aufträgt. Weiter werden genannt: den Dürstenden zu trinken geben; die Nackten bekleiden; die Fremden aufnehmen; Kranke und Gefangene besuchen. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, betont Jesus Christus; und diese Ermahnung richtet sich an jeden Einzelnen. Davon, die Werke der Barmherzigkeit an professionelle Dienstleister oder gar an staatliche Behörden zu delegieren, ist keine Rede. Damit soll nicht bestritten werden, dass auch der Staat Verantwortung für die Armen und Kranken zu tragen hat; dennoch können politische Maßnahmen ehrenamtliches Engagement nicht gänzlich überflüssig machen – und sollten es auch nicht. Um nochmals die Enzyklika Deus caritas est zu zitieren:
„Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft. Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte. Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen. Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht. Immer wird es Einsamkeit geben. Immer wird es auch die Situationen materieller Not geben, in denen Hilfe im Sinne gelebter Nächstenliebe nötig ist.“ (DCE 28)
Kehren wir zum konkreten Beispiel der „Tafeln“ zurück, fällt ein Aspekt ihrer Tätigkeit als besonders bemerkenswert ins Auge: die Herkunft der dort an Bedürftige ausgegebenen Lebensmittel. In der Hauptsache handelt es sich um Waren, die aus dem Handel aussortiert wurden – zumeist wegen eines nahen oder bereits abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums, zuweilen aber auch aufgrund von Verpackungsfehlern oder Beschädigungen. Dieser Umstand weist auf das Paradox hin, dass Menschen hungern, während gleichzeitig ein enormes Überangebot an Nahrungsmitteln herrscht: Obwohl pro Jahr etwa 100.000 Tonnen nicht verkäuflicher Lebensmittel an die Tafeln gespendet werden, werden in Deutschland Schätzungen zufolge immer noch 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen – in sozialer, wirtschaftlicher und nicht zuletzt auch in ökologischer Hinsicht ein Problem von gewaltigen Ausmaßen. Papst Franziskus weist in seiner Enzyklika Laudato si' darauf hin, dass weltweit sogar „etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet wird“, und merkt dazu an, dass „Nahrung, die weggeworfen wird, gleichsam vom Tisch des Armen geraubt wird“ (LS 50). Angesichts des schieren Ausmaßes dieser Nahrungsmittelverschwendung ist es nicht verwunderlich, dass es neben den Tafeln auch noch andere Initiativen gibt, die sich darum bemühen, in Kooperation mit Lebensmittelgroß- und Einzelhändlern Nahrungsmittel vor der Mülltonne zu retten. So etwa das 2012 gestartete Projekt Foodsharing, das noch erheblich dezentraler organisiert und weniger institutionalisiert ist als die Tafeln und praktisch zur Gänze von der Eigeninitiative von Privatpersonen lebt. Koordiniert werden die Aktivitäten der einzelnen Beteiligten in der Hauptsache mittels einer Internetseite. Dort ist unter anderem nachzulesen, dass die Initiative bereits über 13 Millionen Tonnen Lebensmittel gerettet hat und dass fast 35.000 Menschen ehrenamtlich an diesem Projekt mitwirken. Wer im Rahmen von Foodsharing als „Lebensmittelretter“ tätig wird, ist im Wesentlichen selbst dafür verantwortlich, was er mit den vor dem Weggeworfenwerden bewahrten Lebensmitteln anfängt; für den Eigenbedarf sind die Mengen jedoch zumeist erheblich zu groß, weshalb sich im Prinzip jeder „Lebensmittelretter“ sein eigenes Netzwerk zur Weiterverteilung schafft. Vielfach werden auf diesem Wege auch kirchliche Projekte mit Lebensmittelspenden unterstützt – so etwa von Pfarreien oder Ordensgemeinschaften betriebene Suppenküchen oder andere Einrichtungen für Obdachlose und sonstige Bedürftige.

Nebenbei bemerkt macht die dezentrale Organisationsstruktur von „Foodsharing“ exemplarisch deutlich, dass Internetseiten und soziale Netzwerke ganz neue Möglichkeiten eröffnen, ehrenamtliche Initiativen von Einzelpersonen zu vernetzen und zu koordinieren, ohne dass es dazu großer Verbände oder bürokratischer Institutionen bedürfte. Was im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung funktioniert, könnte auch in anderen Bereichen Schule machen. Konkurrenzdenken gegenüber bestehenden Wohlfahrtsverbänden ist dabei unangebracht: Es gibt mehr als genug zu tun.

Als Christen befinden wir uns in einer Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. Die Kirche hat den Aufruf zur persönlichen inneren Läuterung durch Fasten, Buße und Gebet in dieser Zeit des Kirchenjahres stets auch mit dem Aufruf zur Wohltätigkeit, zum Dienst an den Armen verbunden. Sicherlich ist es gut und richtig, dies in Form von Geld- oder auch Sachspenden an wohltätige Organisationen zu verwirklichen; ich möchte die genannten Beispiele aber auch als Anregung verstanden wissen, darüber hinaus im persönlichen Umfeld auch praktisch aktiv zu werden. Viele kleine, lokale Initiativen suchen ständig nach ehrenamtlichen Helfern für ihre Arbeit. Und was dabei besonders wichtig ist: Unser persönlicher Einsatz hilft nicht nur den Bedürftigen; er verändert auch uns selbst. Armut inmitten einer Wohlstandsgesellschaft ist selten rührend oder romantisch; oft bietet sie einen ausgesprochen unschönen Anblick, und so ist das Bedürfnis, sie lieber auszublenden, nur allzu verständlich. Aber nur wenn wir bereit sind, den Armen ins Gesicht zu sehen, können wir – wie es uns als Christen aufgetragen ist – Christus in ihnen erkennen.




[*] Dieser Kommentar war bereits fertiggestellt, bevor die "Tafeln" durch aktuelle Vorkommnisse in Essen und Bochum-Wattenscheid plötzlich in aller Munde (no pun intended) waren. Ich habe darauf verzichtet, nachträglich Bezüge zu diesen Vorgängen einzuarbeiten, da es mir hier um Grundsätzlicheres geht. 



Dienstag, 6. Februar 2018

Was habe ich eigentlich gegen das "Wort zum Sonntag"?

Gestern veröffentlichte das Erzbistum Berlin auf seiner Facebook-Seite einen Link zur aktuellen "Wort zum Sonntag"-Folge - weil eine Pastoralreferentin aus Neukölln, gegen die ich persönlich übrigens überhaupt nichts habe, die Sprecherin war. Zunächst ohne mir das Video angesehen zu haben (das habe ich später nachgeholt, und zum Inhalt dieser konkreten Folge ließe sich auch so Manches sagen, aber darum geht es mir hier eigentlich nicht), ließ ich mich zu dem Kommentar hinreißen: 
"Niemand, wirklich niemand braucht das 'Wort zum Sonntag'." 
Damit handelte ich mir natürlich wieder mal Ärger ein. "Einseitig" sei diese Stellungnahme, wurde mir vorgehalten. Ja, sorry. Wenn eine Sichtweise "einseitig" ist, ist sie darum falsch? Wenn jemand der Meinung ist, dass ich mit meiner Einschätzung Unrecht habe, dann soll er doch bitte versuchen, mich zu überzeugen, dass es auch etwas Gutes am "Wort zum Sonntag" gibt, und nicht von mir erwarten, die Gegenargumente gegen meine These gleich selber mitzuliefern. 

Aber okay, Argumente für meine These habe ich zunächst auch nicht geliefert. Dann reiche ich die jetzt mal nach. 

Was also ist, unabhängig von der Qualität der einzelnen Folgen, an der Sendereihe "Das Wort zum Sonntag" so Kacke? Nicht mehr und nicht weniger als der Umstand, dass diese Sendereihe das (konfessionsübergreifende) Flaggschiff und Paradebeispiel einer dominierenden medialen Selbstdarstellungsstrategie der Großkirchen in Deutschland ist, die ich für fatal halte. Es ist eine Selbstdarstellungsstrategie, die auf die - zugegebenermaßen sehr große - Zielgruppe der "Distanzierten" abzielt; also derer, die zwar Kirchensteuer zahlen, aber ansonsten "mit der Kirche nicht viel am Hut haben". Na, das ist aber doch eigentlich gut, dass man die erreichen will, oder? 

Nun ja: Das kommt darauf an, warum und wozu man sie erreichen will. 

Wir alle - das setze ich einfach mal voraus - kennen von Kindesbeinen an das pastoraltheologische Mantra, man müsse "die Leute da abholen, wo sie stehen". Klingt erst mal plausibel: Wo sollte man sie denn sonst abholen? In Wirklichkeit will die kirchliche PR-Strategie, für die das "Wort zum Sonntag" so unschön typisch ist, aber gar niemanden irgendwo abholen; die sollen schön da stehenbleiben, wo sie stehen, denn genau da will man sie haben. Das einzige, was man von diesen Leuten haben will, ist ihr Geld

Symbolbild, Quelle: Pixabay 

Das klingt jetzt nach einer bösen Unterstellung, und bis vor kurzem hätte ich selber nicht geglaubt, dass es gar so arg ist. Die Lektüre eines Bündels religionssoziologischer Analysen und daraus abgeleiteter Handlungsempfehlungen an die Kirche(n) hat mich diesbezüglich eines Besseren bzw. Schlimmeren belehrt. Einflussreiche Kirchenberater wie z.B. Detlef Pollack argumentieren ganz offen, die Kirche müsse sich vor allem um die Distanzierten bemühen, da diese für die institutionelle Stabilität notwendig seien. Sich um die Distanzierten zu bemühen, heißt aber gerade nicht, zu versuchen, sie aus ihrer Distanziertheit herauszuholen. Das Risiko, sie bei diesem Versuch ganz zu verlieren, ist viel zu groß, denn offenbar wollen die Leute ja distanziert sein. Also muss man sie darin bestärken. Klingt komisch, is' aber so - auch wenn es in offiziellen Verlautbarungen wie dem EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" (2006) notdürftig mit wohlklingendem Pastoraltheologen-Sprech  ("Treue in Distanz", "Kirche bei Gelegenheit" u. dergl.) verbrämt wird. Polemisch könnte man sagen, der Unterschied zwischen einem Pastoraltheologen und einem für die Kirche tätigen Unternehmensberater liege nur darin, dass der letztere nicht einmal so tut, als ginge es ihm um etwas anderes als die Unternehmensbilanz. 

Also, nochmals: Man braucht die Mitgliedsbeiträge der Distanzierten, und deshalb will man ihnen vermitteln, dass sie, indem sie die Kirche weiter mitfinanzieren, etwas Gutes tun. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man ihnen vorführen, dass die Kirche sich für Dinge einsetzt, die sie - die Zuschauer - gut und richtig finden. Keinesfalls darf man ihnen mit etwas kommen, was sie in irgendeiner Weise herausfordert bzw. ihre Auffassungen über Gut und Schlecht, Richtig und Falsch in Frage stellt. Und genau deswegen ist dem institutionellen Apparat der Kirche(n) nichts so suspekt wie missionarischer Eifer und/oder ein Bekenntnis zum Glauben, das über wohlklingende Gemeinplätze hinausgeht und womöglich gar "unpopuläre" Glaubenslehren einschließt. Wenn man sich das einmal klargemacht hat, wundert man sich über so Manches in der medialen Selbstrepräsentation der Kirche(n) nicht mehr.