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Donnerstag, 7. Dezember 2017

Techno-Hippies head for the Hills

Unlängst stolperte ich auf Twitter über die folgende bemerkenswerte Miniatur
"Fellow Gentrifizier-Genervte: Idee nich neu, aber was spricht für _euch_ dagegen?: aufs Land (günstig, Raum für neue Struktur), Techno-Hippie-Kolonien gründen, notfalls Geld remote verdienen & Städte durch eigne Shuttle-Netze nah halten; könnten so auch Rechten Einfluss abgraben?"
Das erste, was mich daran stutzig machte, war der Begriff "Techno-Hippies": Ich hatte bisher immer gedacht, das wäre ein Widerspruch in sich. Was aber zugegebenermaßen vielleicht nur daran liegt, dass ich noch nie auf dem Fusion-Festival war. -- Im Ernst: Ich könnte meine Auffassung, die Techno- und die Hippie-Subkultur seien geradezu diametrale Gegensätze, durchaus erschöpfend begründen, nur finde ich sowohl den bei Reclam erschienenen Reader "but I like it - Jugendkultur und Popmusik" als auch die Lektürenotizen, die ich mir schon vor ein paar Jahren dazu gemacht habe, augenblicklich nicht wieder. Na, sei's drum. Womöglich sind meine Informationen zu diesem Thema einfach unvollständig oder veraltet, und es gibt Techno-Hippies. Wenn die sich nun auf dem Lande ansiedelten, im Brandenburgischen beispielsweise, müsste man sich das Ergebnis wohl so ähnlich vorstellen wie in dem Film "Sommer in Orange" -- über den ich, seit ich ihn im Sommerurlaub im Fernsehen gesehen habe, auch schon längst mal was schreiben wollte, aber da das nun eben schon rund ein halbes Jahr her ist und ich es seinerzeit versäumt habe, mir detaillierte Notizen zu machen, müsste ich mir den Film zum Zweck einer gründlichen Analyse wohl erst nochmals ansehen. Lust hätte ich schon. 

Doch zurück zum oben zitierten Tweet: Der Anti-Gentrifizierungs-Impuls, der dort geradezu den Ausgangspunkt der Überlegung bildet, scheint mir nicht recht durchdacht; präziser gesagt, er scheint ein mangelndes Bewusstsein davon zu verraten, dass die "Techno-Hippies" (so es sie denn gibt) selbst zur Vorhut der Gentrifizierung gehören, der sie entfliehen wollen; dazu habe ich vor über vier Jahren schon mal was geschrieben. Auch die Vorstellung, wie "Techno-Hippies" auf dem Lande "Rechten Einfluss abgraben" wollen - worunter man wohl "die Völkischen Siedler mit ihren eigenen Waffen schlagen" verstehen soll -, weckt bei mir eher tragikomische Assoziationen. Nicht nur, weil ich mir vorstelle, dass die Völkischen Siedler besser mit dem Baseballschläger umgehen können als die stadtflüchtenden Nerds; vor allem dürften die Völkischen Siedler deshalb einen Standortvorteil haben, weil sie nicht aufs Land ziehen, um "remote Geld zu verdienen", sondern vielmehr um das zu tun, was man auf dem Land eben so tut -- Ackerbau und ggf. Viehzucht betreiben nämlich. 

Fällt mir zu dem Tweet noch etwas ein? Ach ja: "eigne Shuttle-Netze". Zu den Zeiten meines seligen Herrn Vaters hieß das noch "Fahrgemeinschaften bilden". Gerngeschehen. 

Aber jetzt mal im Ernst: Was mich an der ganzen Sache wirklich interessiert und weshalb ich hier darüber schreibe, werden regelmäßige Leser meines Blogs vielleicht schon ahnen. Ich verrat's trotzdem: 

Als ich Rod Drehers Benedict Option noch nicht aus eigener Lektüre, sondern nur aus Rezensionen kannte - und zwar in erster Linie aus Luma Simms' von Skepsis geprägter Rezension im Federalist -,  nahm ich zunächst an, das oder zumindest ein zentrales Thema des Buches wäre die Gründung christlicher Landkommunen. Das ist nicht der Fall - zwar heißt das 6. Kapitel des Buches "Die Idee eines christlichen Dorfes", aber das ist eher metaphorisch gemeint: Ein solches "christliches Dorf" kann, zumindest der Theorie nach, überall sein, auch innerhalb einer Großstadt. Schließlich geht es bei der Benedict Option - es scheint wichtig zu sein, darauf hinzuweisen, denn gerade dieser Punkt wird offenbar gern und oft missverstanden, sowohl von Leuten, die das Buch nicht, als auch von solchen, die es nur auszugsweise oder oberflächlich gelesen haben - nicht darum, jeglichen Kontakt zur nicht- oder gar antichristlichen Umwelt zu meiden; davor wird sogar ausdrücklich gewarnt, da es einerseits ungesunde sektiererische Tendenzen begünstigen würde und andererseits nicht missionarisch wäre. Sehr wohl aber geht es in der Benedict Option darum, Rückzugsräume zu schaffen, in denen Christen ihren Glauben und ihre Gemeinschaft untereinander stärken können. Und in diesem Zusammenhang lässt mich die Idee eines "christlichen Dorfes" im buchstäblichen Sinne nicht so ganz los. Auch wenn man ausgerechnet da, wo so etwas innerhalb Deutschlands wohl am ehesten zu verwirklichen wäre - in strukturschwachen Regionen der "Neuen Bundesländer" - wohl einerseits mit der unerfreulichen Nachbarschaft Völkischer Siedler rechnen müsste und andererseits womöglich mit ungebetenem Besuch von der Antifa, die zwischen christlichen und völkischen Siedlern nicht unterscheiden kann oder will. Und nun kommt schlimmstenfalls auch noch die Konkurrenz der Digital-Hipster alias "Techno-Hippies" dazu. 

Während ich noch darüber sinnierte, spülte mir Facebook auch schon einen Hinweis auf ein (vermeintlich) geeignetes Objekt in die Timeline: Im Süden Brandenburgs, so hieß es, stehe ein ganzes Dorf zum Verkauf - oder, wie Immobilienscout 24 es sachlich korrekter formuliert, eine "Siedlung mit Dorfcharakter": Die "Siedlung Alwine", sechs Häuser mit einer Gesamtwohnfläche von ca. 1.421,62 m² auf einer Grundstücksfläche von 16.871 m², idyllisch gelegen mitten in einem Waldgebiet im Landkreis Elbe-Elster. "Zwei Mehrfamilienhäuser, fünf Doppelhaushälften, ein Zweifamilienhaus, ein Einfamilienhaus, zehn Schuppen und Garagen", so beschreibt es ein Bericht im stern. "Es gibt sogar einen kleinen Dorfplatz mit einem halben Dutzend sauber gestutzten Sträuchern." Und diese ganze Siedlung soll am kommenden Samstag ab 12 Uhr beim Berliner Auktionshaus Karhausen unter den Hammer kommen -- zu einem Startgebot von schlappen 125.000 €. Ein Traum? 

Symbolbild - nicht aus der Siedlung Alwine, sondern aus Tossens
-- Wie man's nimmt. Der stern räumt ein: "[E]s gibt natürlich einen Haken". Und den beschreibt die Illustrierte wie folgt: 
"An den Häusern blättert der Putz ab, wenn er überhaupt noch vorhanden ist. Alte Fensterläden verdecken gähnende schwarze Löcher und überall, wo man hinschaut, sieht man eins: Verfall. [...] Es gibt zum Beispiel keine Heizungsanlagen in den Häusern [...]. Geheizt wird mit Kohle oder Holz im guten alten Kachelofen." 
Ja wie jetzt - das soll der Haken sein? Ich denke, genauso soll das, wenn man schon in die Brandenburger Wälder ziehen will! Eine Handvoll Leute mit handwerklichem Geschick, Enthusiasmus und niedrigen Ansprüchen in Sachen Komfort, und ruck-zuck, fertich ist die Landkommune! -- Als der eigentliche Haken erweist sich bei genauerer Lektüre des Artikels ein ganz anderer: Die Häuser sind vermietet. Und den "ungefähr 15 Mietern" mangelt es offenbar an Kommunarden-Pioniergeist und Sinn für asketische Idylle. "Der eine will vielleicht neue Fenster, der andere ein neues Bad oder eine Heizung." 

Da stellt sich nun natürlich die Frage, für wen das Objekt eigentlich interessant sein soll, wenn nicht für Landkommunengründer, seien es nun Digitale Hipster oder "BenOp"-Christen. Als Renditeobjekt scheint es jedenfalls nicht sonderlich attraktiv. Theoretisch, so heißt es, würde die ganze Siedlung 16.000 € Miete im Jahr (!) abwerfen, nur dass einige der Mieter derzeit wegen des Zustands der Gebäude gar keine Miete zahlen. "Mieteinnahmen bis zu 30.000 Euro jährlich wären durchaus möglich", meint der Auktionator; aber dafür müsste man offensichtlich erst mal ein Vielfaches des Kaufpreises in die Sanierung investieren -- und wann bitte soll das Ganze anfangen sich zu lohnen

Kurz und gut, ich halte es für eher fraglich, ob sich jemand findet, der für die "Siedlung Alwine" das Mindestgebot von 125.000 € zu zahlen bereit ist; ja, solange Mieter in den Gebäuden sitzen, wäre ich nicht mal sicher, ob irgendjemand die Siedlung geschenkt haben wollen würde. Die gute Nachricht lautet indessen: Der Auktionskatalog hat durchaus auch noch andere ähnlich abenteuerliche Objekte zu bieten; wahrscheinlich gibt es davon im Osten Deutschlands wesentlich mehr als man denkt. Aber schade ist es doch um die Siedlung Alwine. Die nächste katholische Kirche wäre übrigens nur sieben Kilometer entfernt. 



Freitag, 1. Dezember 2017

Wenn Kulturkatholiken sich radikalisieren

Irgendwie, keine Ahnung wieso, scheint der Herbst die Jahreszeit zu sein, in der die Presse ihr Herz für brave Christen entdeckt, die sich in der atheistischen Metropole Berlin nicht so richtig wertgeschätzt und anerkannt fühlen. Letztes Jahr Ende Oktober war es der Berliner Tagesspiegel, der sich des Themas annahm, und ich schrieb seinerzeit eine recht ungnädige Erwiderung auf den Artikel. Heuer hat es das Thema Ende November sogar in die FAZ geschafft. Meine spontane Reaktion auf den Artikel, der wie schon der letztjährige eifrig von christlichen Freunden auf Facebook geteilt wurde: Kopfschmerz. Gefolgt von unfassbarem Angeödetsein. Allein diese Überschrift: "Mama, das ist doch normal, dass wir beten, oder?" Nein, Kind, das ist NICHT "normal". Leb damit. 

Inzwischen hat sich das Angeödetsein allerdings einigermaßen gelegt. Ich finde nach wie vor Vieles, ja eigentlich das Meiste an diesem Artikel ärgerlich, aber einige interessante Denkanstöße enthält er doch. In gewissem Sinne lässt sich beides sogar kaum voneinander trennen. 

Seh'n Se, dit is Berlin. 
Fangen wir also mit dem Ärgerlichen an - der Artikel selbst tut es ja schließlich auch. "Die leidvollen Erfahrungen einer katholischen Mutter" - "[a]ufgezeichnet von Julia Schaaf", wie man am Ende erfährt, also nicht wortwörtlich so von der Betroffenen selbst verfasst, was wir zu ihren Gunsten im Hinterkopf behalten wollen - heben an mit der Versicherung: "Ich bin nicht strenggläubig in dem Sinne, dass ich Wort für Wort glaube, was der Pfarrer sonntags predigt. Es ist wichtig, kritisch zu sein. Aber ich komme aus Bayern" - und das erklärt natürlich so ziemlich alles. (Es erklärt tatsächlich einiges, aber nicht in einem Sinne, dass meine bayerischen Leser sich jetzt auf den Schlips getreten fühlen müssten. Ich erkläre das gleich, vorerst wollte ich nur einen wohlfeilen Brüller "mitnehmen".) Im Ernst: Ob es ein Kriterium für "Strenggläubigkeit" ist, "Wort für Wort" zu glauben, "was der Pfarrer sonntags predigt", hängt ja wohl sehr stark vom Pfarrer und seiner Art zu predigen ab. Aber so weit differenziert die hier zu Wort kommende katholische Mutter gar nicht erst - weil es ihr lediglich darum geht, den Verdacht der Strenggläubigkeit von vornherein nicht aufkommen zu lassen und weil sie zudem ohnehin nicht so genau weiß, was das ist bzw. wäre. Weil, wie im weiteren Verlauf deutlich wird, die inhaltliche Seite des Glaubens sie herzlich wenig interessiert. 
"Ist da eine Kraft in uns, die aktiviert wird, oder gibt es wirklich eine höhere Macht? Eigentlich ist das egal. Glauben macht ein gutes Gefühl."
"In stressigen Zeiten schicke ich manchmal ein 'Danke' los, weil ich das Gefühl habe, da hat jemand seine schützende Hand über mich gehalten."
"Ich habe festgestellt, dass der Glaube Menschen Halt und Orientierung gibt. Und ich mag die Traditionen, die damit verbunden sind."
"Ich komme aus Bayern." 
Darum geht's. So ein bisschen Religion ist doch nett fürs Gemüt, besonders wenn man Kinder hat. Das könnten die doofen Berliner ruhig auch einsehen. Außerdem ist sie das von zu Hause her so gewohnt, dass man in die Kirche geht und dass es ganz viel religiös geprägtes Brauchtum gibt, das ist eben auch ein Stück Heimat, das ihr in Berlin einfach fehlt

Das, worum es hier geht, kann man in einem Wort als "Kulturkatholizismus" bezeichnen. Und es ist gewiss kein Zufall, dass gerade ein solcher Fall als Beispiel herangezogen wurde, um den sonst so toleranten Berlinern ("Wir sind tolerant gegenüber Frauen, die Kopftücher tragen. Endlich [!] dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Im Berliner Alltag sieht man buddhistische Mönche und trifft auf totale Freizügigkeit") ihre religiöse Intoleranz um die Ohren zu hauen; denn das war letztes Jahr im Tagesspiegel auch schon so ähnlich. Die offenkundige Botschaft lautet: Kommt schon, Leute, so was könntet ihr aber echt tolerieren, das ist doch harmlos. Toleranz gegenüber Katholiken einzufordern, die die Lehren ihrer Kirche ernst nehmen - sogar da, wo sie womöglich nicht völlig deckungsgleich mit dem sind, "was der Pfarrer sonntags predigt" -, wäre eine erheblich größere Zumutung. 

Hier berührt sich das Ärgerliche an diesem Artikel nun allerdings eng mit dem, was dennoch interessant daran ist. Der Erfahrungsbericht der katholischen Mutter zeigt nämlich, dass auch "Kulturkatholiken" und "Halbgläubige" nicht davor gefeit sind, in einer säkularistischen Umgebung auf feindselige Reaktionen zu stoßen. Diese mögen im Vergleich dazu, dass Christen anderswo auf der Welt für ihren Glauben lebendig verbrannt werden, ein eher unspektakuläres Ausmaß annehmen, aber dennoch steckt darin eine Lehre für die Betroffenen: nämlich, dass die Strategie, sich mit einer "Ich bin zwar Christ, aber trotzdem ganz normal"-Haltung durch den unvermeidlichen Konflikt zwischen christlichem Glauben und glaubensfeindlicher Umwelt "durchzumogeln", nicht aufgeht. Daraus folgt, dass in einer Atmosphäre zunehmend radikaler Glaubensfeindlichkeit - und man kann wohl davon ausgehen, dass Berlin in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle innerhalb Deutschlands zukommt - ein reiner Kulturkatholizismus (oder auch ein angepasster, "liberaler" Glaube, was nicht zwingend dasselbe ist) keine besonders rosigen Zukunftsaussichten hat. Denn es liegt auf der Hand, dass man für einen Glauben, von dem man selbst nicht richtig überzeugt ist, den man lediglich als "nice to have" ansieht und vor allem für seine folkloristisch-dekorativen Elemente schätzt, kaum bereit sein wird, Nachteile in Kauf zu nehmen, selbst wenn es "nur" soziale sind. 

Und an genau diesem Punkt nimmt der Bericht der katholischen Mutter in der FAZ eine bemerkenswerte Wendung. Statt nämlich angesichts des Gegenwinds ganz vom Glauben abzufallen, verspürt die Mutter bei sich eine "Trotzreaktion": "Ich möchte meinen Glauben und die damit verbundenen Traditionen ausleben und an meine Kinder weitergeben. Diese Haltung ist in Berlin sogar stärker geworden. Weil ich hier auf diese gefühlte Intoleranz gestoßen bin, sage ich: Jetzt erst recht." Was wir hier sehen, ist, dass ein religions- und insbesondere christentumsfeindliches Klima die mehr-oder-weniger-Gläubigen zu einer Entscheidung drängt: dem Druck nachzugeben und sich vom Glauben abzuwenden oder ihn im Gegenteil umso ernsthafter und bewusster zu praktizieren und zu bekennen. Die Frau im FAZ-Artikel hat sich für den letzteren Weg entschieden: "Man könnte fast von Radikalisierung sprechen", meint sie. Die Früchte dieser gefühlten Radikalisierung muten zwar bis auf Weiteres recht bescheiden an, aber Ansätze sind da. 

Die Geschichte endet übrigens damit, dass die Mutter mit ihrer Familie zurück nach Bayern zieht. Das ist durchaus eine "radikale" Entscheidung -  allerdings könnte man vermuten, dass damit die Radikalisierung dann auch schon wieder ein Ende hat, denn nun lebt sie ja wieder in einem Umfeld, in dem das Maß an religiöser Praxis, das ihr erstrebenswert erscheint, als "normal" gilt. Das muss jedoch nicht das Ende der Geschichte sein. Immerhin sagt sie, sie habe durch ihre Erfahrungen in Berlin "feinere Antennen bekommen". Möglicherweise wird sie feststellen, dass es auch in einem vermeintlich unproblematischen Milieu ein höheres Maß an Unverständnis und Intoleranz gegenüber gläubigen Christen gibt, als sie bisher angenommen hat. 

Nicht zuletzt verweist diese "Flucht" nach Bayern auf einen Umstand, der gar keine besonders originelle Erkenntnis darstellt, aber trotzdem nicht oft genug betont werden kann: Christsein funktioniert - wenn man nicht gerade die sehr seltene Berufung zum Eremiten hat - auf Dauer nur in Gemeinschaft. Die hat diese Frau in Berlin nicht gefunden. Warum nicht? Was hätte anders sein müssen, damit sie es hier "ausgehalten" hätte? 

"Die Leute aus der Nachbarschaft, die Eltern aus der Schule trifft man im Supermarkt, beim Bäcker, auf dem Schulweg, auf dem Wochenmarkt. Nur in der Kirche sehe ich die nie", berichtet die katholische Mutter. "Ich habe mich schon gefragt, woran das liegt." Nun, diese Frage kann ich ihr zumindest ansatzweise beantworten. In Berlin sind 9,3% der Bevölkerung katholisch; davon wiederum gehen laut Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (Stand: 2016) 9,9% regelmäßig in die Kirche. Die statistische Wahrscheinlichkeit, jemanden, den man in seinem Berliner Wohnumfeld in einem nicht-kirchlichen Zusammenhang kennenlernt, in der katholischen Sonntagsmesse anzutreffen, liegt somit bei unter einem Prozent. Anders sieht es natürlich aus, wenn man gezielt Kontakte innerhalb der Pfarrgemeinde knüpft. Ich jedenfalls begegne beim Einkaufen oder bei sonstigen Gängen durch meinen "Kiez" ständig Leuten, die ich aus der Kirche kenne. 

Hier wäre also Eigeninitiative gefragt, und an der mangelt es häufig, wenn man ein Umfeld gewohnt ist, in dem sie nicht nötig ist. Weil alles irgendwie von alleine funktioniert. Das spricht auch aus der indignierten Verwunderung der Mutter darüber, dass an den Berliner Schulen "Religion [...] überhaupt nicht unterstützt" wird. Sicherlich wäre es aus Sicht christlicher Eltern wünschenswert, dass dies der Fall wäre; ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, das von einer staatlichen Schule zu erwarten. Vielleicht liegt das daran, dass ich schon länger in Berlin lebe. -- Wie dem auch sei: Immerhin hat die Mutter in diesem Fall die richtige Konsequenz aus ihrer Beobachtung gezogen. Mit Blick auf die Vermittlung von Kenntnissen über christliche Traditionen ("Die Bedeutung von Weihnachten oder von Ostern zum Beispiel. Christi Himmelfahrt, das heute nur noch Vatertag ist.") sagt sie: "Hier in Berlin, wo die Schule das kaum unterstützt, übernehme zunehmend ich die Vermittlung." Was doch eigentlich prima ist. So haben nicht nur ihre Kinder etwas davon, sondern sie selbst auch. 

Aber Eigeninitiative hin oder her: Woran es offenkundig fehlt, sind Netzwerke für das Christsein im Alltag. Und der Bedarf für solche Netzwerke wird desto dringlicher, je schlechter es um die Akzeptanz des christlichen Glaubens in der Mehrheitsgesellschaft bestellt ist. Der Begriff klingt vielleicht ein bisschen hochtrabend, aber zunächst einmal geht es dabei um nicht mehr und nicht weniger als darum, ein soziales Umfeld zu schaffen, in dem Christen das Bewusstsein vermittelt wird, mit ihrem Glauben nicht allein zu sein. Man könnte nun einwenden, ein solches Netzwerk gebe es doch bereits, nämlich in Gestalt der Ortspfarreien. Zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Aber obwohl es in vielen Pfarreien eine große Bandbreite von Kreisen und Gruppen für unterschiedlichste Interessengebiete gibt, gibt es offenkundig immer noch eine signifikante Zahl von Menschen, die da keinen Anschluss finden - obwohl sie es wollen. Eine Patent-Antwort auf die Frage "Wie kommt das?" habe ich nicht anzubieten; umso wichtiger erscheint es mir, die Frage erst einmal zu stellen. Sind Gemeindekreise und -gruppen offen für Außenstehende, oder neigen sie dazu, sich zu geschlossenen Zirkeln zu entwickeln? Welche Angebote fehlen womöglich in unseren Pfarreien? Was tue ich persönlich dafür, Menschen einzubinden, die in der Kirchengemeinde Anschluss suchen, aber vielleicht zu schüchtern sind, dabei selbst die Initiative zu ergreifen? 

Die für mich vielleicht überraschendste Erkenntnis aus diesem FAZ-Artikel war, dass solche "Netzwerke für das Christsein im Alltag" auch und gerade für die lediglich "mehr-oder-weniger-Gläubigen" wichtig sind. Wenn man die nicht einbindet, wird man sie ganz verlieren; wenn man sie aber einbindet, gibt es eine ganz passable Chance, dass ihr Glaube wächst. Möglicherweise braucht es dafür Gruppen, die nicht in einem solchen Maße ostentativ fromm sind, dass eher mäßig religiöse Menschen sofort denken würden "da gehöre ich nicht hin". Und schließlich - und das meine ich nun wirklich vor allem als Ermahnung an mich selbst - ist davon abzuraten, allzu auffällig genervt mit den Augen zu rollen, wenn in solchen Kreisen mal jemand etwas Doofes sagt wie "Ich nenne Jesus nicht gern 'Herr', das klingt so autoritär und patriarchalisch" oder "Anselm Grün ist ja sooo spirituell!" (Diese Beispiele sind, wohlgemerkt, frei erfunden). Wenn man verhindern will, dass die Leute entweder wasserscheu bleiben oder ertrinken, dann braucht man wohl auch ein Nichtschwimmerbecken. 

Und somit habe ich aus diesem Artikel, der mich anfangs so angeödet hat, zu guter Letzt also doch noch etwas gelernt... 



Donnerstag, 30. November 2017

No Daubt - Eine Pfarrerin dreht am Rad

Hast Du, lieber Leser, den ZEIT-Artikel mit den Bekenntnissen einer sündigen Pfarrerin gelesen? Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich ihn guten Gewissens empfehlen kann. Zu sagen "Die Lektüre lohnt sich", wäre vielleicht ein bisschen morbide; sagen wir also lieber: Der Artikel ist aufschlussreich. Hinzufügen möchte ich: So richtig aufschlussreich finde ich ihn erst dann, wenn man ihn gründlich gegen den Strich liest. Was ich hiermit zu tun beabsichtige. 

Zunächst einmal fällt es auf, wie sehr der Artikel seine angebliche Brisanz vor sich her posaunt: Da prangt im Teaser-Absatz  groß das Wort "Skandalös", dem Leser wird "[e]ine Predigt, die ich nie halten könnte" versprochen, und garniert wird das Ganze mit einem Foto, das eine junge Frau in SM-Maske zeigt. Auch dass die Verfasserin unter Pseudonym schreibt, unterstreicht dieses Behaupten von Brisanz. Und was für ein Pseudonym die Verfasserin gewählt hat: Laura Daubt - unverkennbar abgeleitet von "doubt", also "Zweifel". Wir kennen ihn alle - den Zweifel, den cooleren zweieiigen Zwillingsbruder des Glaubens. Also, der coolere der beiden Brüder ist er eigentlich erst in jüngerer Zeit geworden, so in etwa seit der Aufklärung, und auch dann erst nach und nach. Heute jedenfalls ist er everybody's darling und damit fast schon wieder ein bisschen langweilig. Aber das (vorerst) nur am Rande. Tatsächlich geht es in dem Text nämlich gar nicht so sehr um Glaubens- oder sonstige Zweifel, sondern vielmehr um die Rebellion der Autorin gegen bestimmte Erwartungen, die an die soziale Rolle einer Pfarrerin gestellt werden. In der Leidenschaft ihrer Abweisung dieser Erwartungen wirkt die Verfasserin sehr authentisch und zu einem gewissen Grad gar nicht mal unsympathisch -- auf mich jedenfalls. 

Symbolbild, Quelle: Pixnio
Zu den bemerkenswerteren Aspekten dieser Selbstoffenbarung gehört es, dass die Verfasserin Pastorentochter ist und stets mit der sozialen Rolle gehadert hat, die ihr dadurch zufiel -- dass sie von sich sagt "Mir war klar: Pfarrerin werde ich nie", dann aber eben doch diesen Berufsweg eingeschlagen hat. Da erweist sich die Biographie der "Laura Daubt" also von vornherein als zutiefst gebrochen, und das meine ich uneingeschränkt positiv: Leute ohne Brüche in der Biographie sind, falls es sie überhaupt gibt, langweilig. Ich könnte mir die sündige Pfarrerin gut als Romanfigur vorstellen -- eine Art Gösta Berling des 21. Jahrhunderts. Obwohl, vielleicht auch nicht. Wenn ihre Vorstellung von Rebellentum darin besteht, Shopping Queen, Germany's Next Top Model und Netflix-Serien zu binge-watchen, ist das für einen Roman vielleicht doch ein bisschen öde, oder bestenfalls käme dabei etwas heraus wie Ildikó von Kürthys "Mondscheintarif". Das eigentliche Problem ist aber: "Laura Daubt" ist keine Romanfigur, sondern eine echte Seelsorgerin in einer ungenannten evangelischen Landeskirche. Und wie soll sie für die Seelen Anderer sorgen, wenn sie nicht einmal auf ihre eigene aufpassen kann? 

Hier drängt sich die Frage auf: Was bringt mich zu der Einschätzung, dass sie das nicht kann? Es ist nicht so sehr das, was sie als ihren verruchten Lebenswandel betrachtet und beschreibt; mit dem ist es nämlich, wie bereits angedeutet, gar nicht so weit her. 
"[M]eine Predigten entstehen nicht [...] in einer kleinen Arbeitskammer unter dem Kreuz. Ich schreibe sie in den Cafés und Bars meiner Stadt. Ich gehe im Supermarkt spazieren, liege im Bett [...]. Ich liebe es, zu schreiben, wenn der Bass meiner elektronischen Lieblingsmusik um mich wummert.
Und dann mache ich Feierabend. Ich gehe raus in die Kneipe nebenan. Treffe Freunde, von denen ein Großteil nicht in der Kirche ist, und lerne fremde Menschen kennen. Ich fahre auf Festivals, gehe in Clubs und streune durch die Stadt." 
So what? Dass sie diese wenig spektakulären Tatsachen überhaupt für erwähnenswert hält, lässt zunächst einmal darauf schließen, dass die Vorstellungen darüber, wie ein Pfarrer oder eine Pfarrerin sein müsse oder nicht sein dürfe -- die Vorstellungen, gegen die sie rebelliert --, zu einem gewissen Grad ihre eigenen sind. Was mich daran erinnert, was ich an anderer Stelle mit Blick auf die prominente Pastorin Nadia Bolz-Weber - "die mit den Tattoos" - geschrieben habe; der Einfachheit halber zitiere ich mich mal selbst: 
"Man kann sich allerdings gut vorstellen, wie eine tatöwierte Nadia Bolz-Weber bei denjenigen Christen ankommt, in deren Herkunftsmilieu die Frage, wie man gottgefällig leben könne und solle, sich auch auf Kleidung und Frisur erstreckte, Christsein also auf schier unentwirrbare Weise mit Spießertum verquickt war. Um dieser Form von 'Enge' zu entkommen, verfällt man gern ins gegenteilige Extrem". 
Wobei es, ich wiederhole mich, gar so extrem bei "Laura Daubt" ja gar nicht wird. Selbst da, wo das, was sie über sich selbst verrät, nicht ganz so harmlos ist wie in den oben zitierten Beispielen, liegt das Ausmaß der Verworfenheit nicht unbedingt über dem Niveau von Otto Normalsünder. Was hier problematisch erscheint, ist eher die Haltung, aus der heraus sie sich zu diesen Verhaltensweisen bekennt - eine Haltung, die offenkundig sehr wesentlich in dem Bedürfnis wurzelt, sich von ihrem spießigen Herkunftsmilieu abzugrenzen, wo es nicht genügte, die hochnäsige Nachbarin lediglich zu grüßen, sondern man sie dabei zwingend mit ihrem Namen anreden musste. Ich erwähnte bereits, dass die Verfasserin dieser Selbstoffenbarung auf mich nicht unsympathisch wirkt, und das hat durchaus auch damit zu tun, dass ich dieses Abgrenzungsbedürfnis sehr wohl nachvollziehen kann. Aber gerade deshalb sind mir auch die Risiken und Nebenwirkungen bekannt und bewusst. Wer, um es mal in den Bildern des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn auszudrücken, sein väterliches Erbe mit Dirnen durchbringt, in der Annahme, dass sei Rock'n'Roll, der landet eben früher oder später bei den Schweinen. Been there, done that. Aber an dem Punkt, zur Besinnung zu kommen und reumütig zum Vater zurückzukehren, ist "Laura Daubt" offenkundig noch nicht. Trotzdem arbeitet sie als Seelsorgerin. Finde den Fehler.

-- Ich sag mal so: Angenommen, eine Lehrerin wäre der Meinung, man solle die Ergebnisse von Rechenaufgaben nicht danach bewerten, ob sie richtig oder falsch seien; viel wichtiger sei es doch, dass die Schüler mit ihrer jeweils individuellen Lösung zufrieden seien. Kann sein, dass ich diese Lehrerin menschlich durchaus sympathisch fände; trotzdem würde ich nicht wollen, dass sie meine Tochter in Mathematik unterrichtet. Und dieselben Bedenken habe ich gegenüber einer Seelsorgerin, die Sätze schreibt wie: "Einige meiner Freunde nehmen Drogen. Ich nicht, denn hier ist meine Grenze, aber es ist meine ganz persönliche, nicht die, die ich anderen vorschreibe." Schon klar: Who am I to judge?  "Ich bin ein guter Mensch, ich würde niemals meine Frau betrügen, aber Züge ausrauben ist ganz was anderes." Okay, das gehört jetzt nicht direkt hierher - oder vielleicht doch? Wie dem auch sei: "Und wenn ich meinen Talar aufhängen will, stoße ich auf drei Männer, die sich in meinem Schlafzimmer lieben", schreibt Pastorin "Laura Daubt"; und da muss ich sagen: Wenn sie den hier gemeinten Vorgang mit "sich lieben" bezeichnet, bin ich raus. Das hat nichts mit "Homophobie" zu tun: Wäre hier nicht von drei Männern die Rede, sondern von einem Mann und zwei Frauen, einer Frau und zwei Männern oder einem Mann, einer Frau und einem Schäferhund, fände ich die Wortwahl genauso unangemessen.

Aber einer "Laura Daubt" fehlen schlechterdings die Kriterien, um zu Dingen wie Drogenkonsum oder Gruppensex eine klare Haltung finden zu können. Dass in Hinblick auf ethische Kategorien bei ihr so eine heillose Verwirrung herrscht, ist selbstverständlich nicht ihre Schuld; das ist vielmehr ein allgemeines Zeitsymptom und als solches auch nicht mehr ganz neu. Ich lese gerade Alasdair MacIntyres "Der Verlust der Tugend", ein Buch, das ich uneingeschränkt und nachdrücklich empfehle; und darin stellt der schottische Philosoph, vereinfacht ausgedrückt, die These auf, dass schon die Moralphilosophen der Aufklärung nicht mehr wussten oder nicht mehr verstanden, was Ethik eigentlich ist, mit der Folge, dass die von den Aufklärern propagierte Moral im Grunde nur ein schlechtes Imitat wirklicher Tugend war -- das in den folgenden Jahrhunderten mehr und mehr auseinanderfiel. Wenn ich sage, dass dieser Zustand ethischer Verwirrung heute allgemein verbreitet ist, muss ich einschränkend anmerken, dass ich durchaus Leute kenne - darunter auch solche, die überhaupt nicht religiös sind -, die, ohne dafür eine theoretische Begründung zu benötigen, ein geradezu archaisches Empfinden für Ethik haben. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss, und ein kleines pelziges Wesen von Alpha Centauri muss tun, was ein kleines pelziges Wesen von Alpha Centauri tun muss. Basta, badabäm, end of discussion. Das ist natürlich völlig unvereinbar mit dem postmodernen Credo "Jeder soll tun, worauf er Lust hat" -- einer Maxime, die allenfalls noch eingeschränkt wird durch den Zusatz "solange er damit niemandem schadet". Aber woher weiß man überhaupt, was jemandem schadet? Diese Frage ist letztlich nur die Kehrseite der unbeantwortbaren Grundfrage der Metaethik: Woher weiß ich, was "gut" ist? Nun sind die meisten Menschen keine Metaethiker und, Gott sei Dank, auch keine Amoralisten in der Nachfolge Nietzsches, und deshalb leben sie so, als wüssten sie die Antwort auf diese Frage. Das heißt, sie operieren mit moralischen Begriffen, die sie selbst nicht definieren können -- oder wollen, denn "definieren" heißt "begrenzen", und Grenzen sind dem postmodernen Menschen zuwider. Was bleibt, ist eine Weltsicht, die MacIntyre "emotivistisch" nennt: Was moralisch gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, entscheide ich auf der Basis dessen, was für Gefühle es in mir auslöst. Und somit ist es natürlich nicht verallgemeinerbar: Ich kann schließlich nicht von jemand anderem verlangen, genauso zu fühlen wie ich.

Vollends verwirrend und verworren wird es, wenn die pseudonyme Pfarrerin mit dem Begriff der Sünde operiert. Das geht ja schon in der Überschrift los: "Ja, auch ich sündige". Im Anschluss an die Schilderung ihrer ach so skandalösen Saufgeschichten wird das wieder aufgegriffen: "Ja, ich bin eine Sünderin. Eine, die Fehler macht im Leben und im Glauben." Aber: "Aber Partys, Alkohol, Drogen sind an sich keine Fehler. [...] Ich bin keine Sünderin, weil ich gegen eine von Menschen festgelegte Moral verstoße." Und nochmals weiter unten: "Ich lebe auch nicht keusch, bis ich verheiratet bin [...]. Ich bete nicht zehn Mal am Tag." Das sind alles Dinge, die sie an sich selber total okay findet. Moral ist überhaupt uninteressant, denn die ist ja nur "von Menschen festgelegt". Aber was ist Sünde dann?  "Es macht mich zur Sünderin, wenn ich mich von Gott entferne, von meinen Mitmenschen und mir selbst". Man beachte die Reihenfolge: Die letzte und höchste Instanz ist das eigene Selbst. Dem muss man vor allem treu bleiben, deshalb betont "Laura Daubt" ja so stolz: "Ich bin nicht so, wie ihr mich haben wollt." Weil, wäre sie das, wäre sie ja sich selbst untreu. Die eine unverzeihliche Sünde.

Und Gott? Keine Bange, Gott interessiert sich auch nicht für "von Menschen festgelegte Moral" und findet uns gut so, wie wir sind. Das versucht die Verfasserin mit einer Bibelstelle zu untermauern, die wir alle kennen, weil sie in solchen Diskussionen immer kommt, mit einer so vorhersehbaren Zwangsläufigkeit, dass man bei manchen Leuten den Eindruck haben kann, sie kennen keine andere. (Spoiler: Es handelt sich um Matthäus 7,1-4.) Ihr Fazit lautet:
"Denn ich bin überzeugt: Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Das ist mein Glaube." 
Und siehe da: Das ist natürlich richtig. Und zwar so unstrittig richtig, dass man geneigt ist, zu fragen: Und was weiter? 
"Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen, und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben." 
Äh - was genau jetzt? Dass es egal ist, wie wir unser Leben leben, weil Gott uns ja trotzdem und auf jeden Fall liebt? Zugegeben, das sagt sie in diesem letzten Absatz nicht, aber ungefähr das ist der Gesamteindruck, der von ihrem Text übrig bleibt. Es ist anzunehmen, dass nicht wenige Leser der "ZEIT Campus"-Beilage, in der der Text erschienen ist, das ziemlich prima finden werden, weil so schön offen, tolerant und non-judgmental. Aber das täuscht. Nachsichtig ist die Verfasserin nur gegenüber Leuten, die so sind wie sie, bzw. gegenüber Fehlern wie ihren eigenen. Seien wir ehrlich: Das geht vielen, vielleicht den meisten Menschen so. Meinem Stammleser Imrahil verdanke ich den Hinweis auf eine Einsicht Chestertons, die dieser dem Sinn nach in mehreren seiner Werke angesprochen hat: dass wir dazu neigen, nur solche Sünden für verzeihlich zu halten, die wir eigentlich gar nicht als Sünden ansehen. Das christliche Gebot der Nächstenliebe, das "wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" des Vaterunser, verlangt uns aber weit Größeres ab: auch und gerade das zu verzeihen, was wir für unverzeihlich halten. Umgekehrt verlangt das christliche Verständnis von Vergebung aber auch dem Sünder etwas ab - nämlich Reue. Hören wir hierzu Alisdair MacIntyre:
"Was ist die Voraussetzung für Vergebung? Sie verlangt, daß der Übeltäter das Urteil des Gesetzes über sein Handeln bereits als gerecht hinnimmt und sich wie jemand verhält, der die Gerechtigkeit der entsprechenden Strafe anerkennt [...]. Die Anwendung von Vergebung setzt die Anwendung von Gerechtigkeit voraus[.]" 
Anders ausgedrückt: Vergebung im christlichen Sinne bedeutet nicht, die Sünde zu leugnen, sondern sie als Sünde zu erkennen und zu benennen und trotzdem zu vergeben. Nun frage ich mich: Ist "Laura Daubt" in der Lage, den Mitgliedern ihrer Gemeinde, über die sie in der ZEIT spricht, weil sie es nicht wagt, mit ihnen zu sprechen, ihre Engstirnigkeit, ihre Vorurteile und ihre gehässige Klatschsucht zu vergeben? Oder noch anders gefragt: Wäre sie bereit, diese Gemeindemitglieder um Vergebung dafür zu bitten, dass sie sie für engstirnige, vorurteilsbeladene und gehässige Klatschmäuler hält

Die Antwort auf diese Fragen wird man wohl nicht in der ZEIT lesen. Aber hoffen wir mal das Beste.



Freitag, 24. November 2017

(K)ein Grund zur Aufregung

Ich habe es neulich schon mal angedeutet, und wer mit mir auf Facebook befreundet ist oder mein privates Profil abonniert hat, der hat es ohnehin mitgekriegt: Vor ein paar Wochen habe ich mich virtuell mit dem ehrenamtlichen Team einer katholischen Jugendseelsorgeeinrichtung in Berlin angelegt, weil dieses für einen - wie ich es jüngst ausdrückte - "moralisch nicht ganz einwandfreien Film" warb; was wiederum damit zusammenhing, dass mindestens eine Sequenz des Films in den Räumlichkeiten dieser Einrichtung gedreht worden war. Die Auseinandersetzung auf FB eskalierte schnell in einem Ausmaß, das zum konkreten Anlass eigentlich in gar keinem vernünftigen Verhältnis stand, und das war einer der Gründe, weshalb ich die Angelegenheit erst einmal habe ruhen lassen. Ich wollte (und will) nicht den Eindruck erwecken, es handle sich um eine persönliche Vendetta. Ein anderer Grund war der durchaus überzeugende Hinweis, die Sache an die große Glocke zu hängen würde dem betreffenden Film doch nur Publicity verschaffen, und das könne doch wohl nicht in meinem Interesse sein. 

Andererseits denke ich, die hier skizzierte Angelegenheit verweist auf grundsätzliche Probleme, die in ihrer Bedeutung weit über den konkreten Einzelfall hinausgehen, und dazu möchte ich eigentlich doch noch etwas sagen. Wie löse ich das Dilemma? Indem ich auf den konkreten Einzelfall nur so weit eingehe wie unbedingt nötig und mich so weit wie möglich auf die verallgemeinerbaren Aspekte konzentriere. Ich gedenke daher weder den Film noch die Jugendseelsorgeeinrichtung namentlich zu erwähnen, auch wenn mich das Klicks kostet. 

Symbolbild, Quelle: Flickr
Zum Film nur so viel: Es geht darin um einen abgehalfterten ehemaligen Frauenhelden, der damit konfrontiert wird, einen (halbwegs) erwachsenen Sohn zu haben. Und dieser will von ihm nun lernen, wie man Frauen aufreißt. 

Ein Spitzenthema für katholische Jugendseelsorge? -- Kommt drauf an. Nach allem, was ich über den Film gelesen habe, und den Ausschnitten, die ich gesehen habe, erscheint es einigermaßen offensichtlich, dass der abgedankte Aufreißerkönig und sein Möchtegern-Thronfolger als eher tragikomische Figuren in Szene gesetzt werden; und demnach kann man wohl davon ausgehen, dass der Ansatz, die Jagd nach unverbindlichen Sexualkontakten quasi als Sport zu betreiben, durch die Filmhandlung eher ironisiert wird. Andererseits setzt der Film aber die Existenz einer "Hookup Culture" als etwas Selbstverständliches und Normales voraus, und die (Tragi-)Komik entsteht nur dadurch, dass die Protagonisten sich dabei so plump anstellen. Wären sie charmanter und vor allem attraktiver, gäbe es überhaupt keinen Konflikt. 

Zum Vergleich will ich mal einen anderen Film heranziehen, der den Vorteil hat, dass ich ihn tatsächlich gesehen habe - und durchaus unterhaltsam fand: die Komödie "Verliebte Jungs" aus dem Jahr 2001. Darin geht es um einen Wettstreit zwischen den Mitarbeitern eines Münchner Biergartens - darum, wer im Laufe des Sommers mit den meisten Frauen schläft. Zur Komödie wird dieser Stoff auch hier erst dadurch, dass die beiden Sympathieträger sich zunächst recht tollpatschig anstellen und ihnen allerlei Missgeschicke widerfahren. Im Laufe der Filmhandlung verlieben sie sich dann natürlich. Als Bösewicht fungiert der Biergarten-Geschäftsführer, der selbst ebenfalls am Wettbewerb teilnimmt, sich dabei aber unfairer Mittel bedient -- was im Umkehrschluss offenbar bedeuten soll, dass es am Vorgehen der anderen Wettbewerbsteilnehmer, bzw. an dem Wettbewerb selbst, grundsätzlich nichts auszusetzen gibt. Am Ende stellt sich heraus, dass unter den Mitarbeiterinnen des Biergartens ebenfalls ein entsprechender Wettstreit lief, sodass schließlich auch die Geschlechtergerechtigkeit wiederhergestellt ist. So gelingt es dem Film mit leichter Hand, emotionale Manipulation und sexuelle Ausbeutung zu de-problematisieren

Ginge es um die Frage, ob es legitim wäre, einen Film wie diesen oder eben den hier ungenannten etwa in einem katechetischen Kurs für Jugendliche zu zeigen und anschließend darüber zu diskutieren, würde ich sagen: Kann man machen, kommt halt drauf an, wie die Diskussion geführt (i.S.v. "geleitet") wird. Man könnte hier einwenden, mit dieser Aussage impliziere ich, dass ich es katholischen Jugendlichen nicht zutraue, ohne geeignete Anleitung die richtigen Lehren aus solchen Filmen zu ziehen. Und da muss ich leider sagen: Ja, das tue ich tatsächlich. Und ich glaube gute Gründe dafür zu haben. 

In einem insgesamt äußerst lesenswerten Doppel-Interview der Tagespost mit dem Leiter des Gebetshauses Augsburg, Johannes Hartl, und dem Präses des BDKJ, Dirk Bingener, erklärt der Letztere mit Blick auf die Haltung katholischer Jugendlicher zur Sexualmoral: "Die Umfrage, die der BDKJ zur Vorbereitung der Familiensynode in Auftrag gegeben hatte, spricht eine klare Sprache. Da haben Sie immer das Verhältnis 90 : 10 zu Ungunsten der kirchlichen Lehre". In den USA haben Studien des Soziologen Christian Smith (von der katholischen Universität Notre Dame in Indiana) ergeben, dass katholische Jugendliche in ihrer Haltung zu Fragen der Sexualität sogar liberaler sind als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen. Letzterer Befund dürfte sich auf Deutschland wohl eher nicht übertragen lassen, da der Durchschnittswert in der US-Bevölkerung signifikant durch die recht hohe Zahl konservativer Evangelikaler beeinflusst sein dürfte, die in Deutschland zahlenmäßig kaum eine Rolle spielen. Dennoch deutet wenig darauf hin, dass katholische Jugendliche hierzulande entschieden weniger liberal über sexualethische Fragen urteilen als nicht-katholische Gleichaltrige. Und wen sollte das wundern? Schließlich konsumieren sie dieselben Medien und besuchen (weitgehend) dieselben Schulen, und hier wie dort wird ihnen eingetrichtert, promiskuitives Verhalten von Teenagern sei völlig normal - und auch gar kein Problem, solange sie dabei vernünftig verhüten. Was setzt die kirchliche Jugendarbeit dieser Indoktrinierung entgegen? Mein Eindruck ist: nicht viel. Man weicht dem Thema lieber aus, um die Jugendlichen nicht zu "verprellen". Wenn überhaupt, werden kirchliche Lehraussagen zur menschlichen Sexualität in einer verwässerten und relativierenden Form präsentiert und dann den Jugendlichen zur eigenen Beurteilung überlassen. Wie diese "eigene Beurteilung" dann ausfällt, kann man sich ja vorstellen. Den Jugendlichen ein positives Verständnis für die katholische Sicht auf die menschliche Sexualität zu vermitteln, würde angesichts der allgegenwärtigen Glorifizierung sexueller Freizügigkeit ein erhebliches Maß an Sorgfalt und Mühe erfordern; bringt man dieses nicht auf, dann erscheint diese Lehre bloß als eine Ansammlung von Verboten und Miesepetrigkeit, und wenn einem dann noch suggeriert wird, man müsse diese Lehre ja nicht annehmen, dann -- Entschuldigung -- scheißt man eben drauf.

So gesehen stellt der oben erwähnte Umstand, dass laut BDKJ-Präses Bingener zehn Prozent der katholischen Jugendlichen - sofern man die BDKJ-Umfrage als repräsentativ betrachtet, aber das setzt Bingener ja implizit voraus - der kirchlichen Lehre zum Thema Sexualität zustimmen, eigentlich gar keine so schlechte Quote dar; eine bessere jedenfalls, als man hätte erwarten können. Aber auch diese zehn Prozent haben einen schweren Stand, wenn sie mit dieser Einstellung selbst in ihren eigenen Kreisen in einer Außenseiterposition sind, als sonderbar oder "verklemmt" gelten -- und niemanden haben, der sie in ihrer Haltung bestärkt. Wer sollte es den jungen Leuten schließlich verübeln, wenn sie sich irgendwann doch fragen, welchen Sinn es eigentlich hat, sich strengeren Regeln zu unterwerfen als ihre Altersgenossen, wenn selbst ihre Seelsorger ihnen den Eindruck vermitteln, diese Regeln seien nicht wirklich verbindlich, sondern stünden in ihrem eigenen Ermessen? Dies gilt umso mehr, als in ihrem Alltag die Versuchungen genauso allgegenwärtig sind wie in dem der anderen und die Hormone in der Adoleszenz gern mal Achterbahn fahren.

Was also ist zu tun? Ich meine, wenn man den Jugendlichen nicht nur theoretisch, sondern erfahrbar vermitteln will, dass Keuschheit - ein unpopulärer Begriff, ich weiß, aber er trifft nun mal den Sachverhalt genauer als jeder andere - ein positiver Wert ist und nicht bloß Verzicht, dann braucht man dafür Räume (im wörtlichen wie auch im erweiterten Sinne), in denen unmissverständlich andere Wertmaßstäbe herrschen als in der "säkularen" Umwelt. Wenn solche in diesem Sinne "geschützten Räume" nun in kirchlichen Jugendseelsorgeeinrichtungen nicht zu finden sind, wo denn dann?

Kurz gesagt, wenn eine Jugendseelsorge-Initiative beschließt, ihre Räumlichkeiten für Dreharbeiten zu einem Film wie dem hier in Frage stehenden zur Verfügung zu stellen (und dann, einigermaßen folgerichtig, auch für den Film wirbt), ist dieser Vorgang nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein Symptom, ein Detail, ja, fast schon eine Lappalie. Insofern muss ich zugeben, dass ich in meiner impulsiven Kritik an diesem Filmdreh einen Fehler gemacht habe - nein, eigentlich sogar zwei: Zunächst einmal habe ich den hier skizzierten Gesamtzusammenhang fälschlich als selbsterklärend vorausgesetzt, und dann habe ich allzu angepisst reagiert, als ich eine lediglich flapsige Reaktion erntete. Der Eindruck eines mangelnden Problembewusstseins - nicht nur auf Seiten der jungen Ehrenamtlichen, sondern auch auf Seiten der Verantwortlichen beim Erzbischöflichen Ordinariat - bleibt dennoch bestehen.



Donnerstag, 23. November 2017

Keine Messe für den Friesenapostel

Über zwei Wochen ist es her, dass ich hier etwas über die zu diesem Zeitpunkt noch bevorstehenden Pfarreiratswahlen im Bistum Münster geschrieben habe; die Wahlen selber sind nun auch schon fast zwei Wochen her, da wird's wohl langsam Zeit, dass ich mal etwas zu den Ergebnissen schreibe. Also jedenfalls zu den Ergebnissen in meiner Heimatpfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland. 

Nun wohl: Im Pfarreirat von St. Willehad sind - neben den Sitzen für den Pfarrer, den Diakon und einen Vertreter des Kirchenvorstands - zwölf Sitze für gewählte Mitglieder vorgesehen, und am Abend der Wahl gab die Pfarrei via Facebook bekannt, dass tatsächlich zwölf Kandidaten gewählt wurden. Toll. Die Wahlbeteiligung wurde in diesem Beitrag mit "ca. 10%" angegeben, was in einem am übernächsten Tag erschienenen Presseartikel auf 8,63% nach unten korrigiert wurde. Damit liegt die Wahlbeteiligung allerdings immer noch spürbar über derjenigen der letzten Wahl vor vier Jahren, als sie 7,89% betrug. In absoluten Zahlen ausgedrückt beteiligten sich 266 Gemeindemitglieder an der Pfarreiratswahl - das dürften (wofür ich allerdings keinen Beleg habe, sondern mich nur auf meine subjektive Einschätzung stützen kann, und ich bin notorisch schlecht im Schätzen) mehr sein, als sich an einem "normalen" Sonntag im Jahreskreis zur Heiligen Messe einfinden. Okay, wenn man die Vorabendmesse in Burhave mitrechnet, kommt man vielleicht doch auf mehr Kirchgänger. Aber aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Nee, eher nicht. 

Um die zwölf Sitze im Pfarreirat hatten sich übrigens 19 Kandidaten beworben; das ist durchaus beachtlich, wenn man bedenkt, dass - ich erwähnte es bereits - in anderen Pfarreien nur mit Müh und Not genügend Personen gefunden werden konnten, die sich zu einer Kandidatur bereit fanden. Der Frauenanteil unter den 19 Kandidaten betrug knapp 74%, der Altersdurchschnitt gut 51 Jahre. Letzterer wurde allerdings durch eine einzige Kandidatin um volle zwei Jahre nach unten gedrückt: Theresa Eger, Schülerin, war zum Zeitpunkt der Wahl noch nicht 16 Jahre alt. Deshalb war für ihre Kandidatur eine Sondererlaubnis des Bischofs notwendig. Und Theresa Eger wurde dann auch tatsächlich gewählt -- was ich allerdings gar nicht so überraschend finde. Wenn junge Leute sich in der Kirche engagieren, finden viele Gemeindemitglieder das, meiner persönlichen Erfahrung zufolge, eigentlich immer erst mal gut. Mit "persönlicher Erfahrung" meine ich: Ich selbst bin mit 16 Jahren in den Pfarrgemeinderat (so hieß das Gremium damals noch) der damals noch nicht zu St. Willehad gehörenden Gemeinde Herz Mariae Burhave gewählt worden, obwohl ich durchaus auch damals schon eine konfrontative Ader hatte. Mit diesem Hinweis möchte ich den Wahlerfolg der jungen Dame aber nicht schmälern - ganz im Gegenteil: Ich finde es prima, dass sie kandidiert hat, und ebenso, dass die Wähler das honoriert haben. 

Ob man sie zu der Wahl wirklich beglückwünschen kann, würde ich auf der Basis meiner schon angesprochenen persönlichen Erfahrungen erst mal dahingestellt lassen. Dazu ein Fun Fact: Unlängst bin ich auf eine Abhandlung über die Bedeutung der Sinus-Milieus für die Pastoral gestoßen, und darin hieß es über die heiß umworbene Zielgruppe der "Performer", diese seien für die Mitarbeit in einer Pfarrei nicht zu gewinnen, weil sie "lange Gremiensitzungen und ausufernde Diskussionen nicht ertragen" können. Was ich daran so tragikomisch finde, ist die Nonchalance, mit der vorausgesetzt wird, es liege gewissermaßen in der Natur einer Pfarrei, dass Gremiensitzungen lang und Diskussionen ausufernd sind...

Nun aber dazu, was es mit der Überschrift dieses Artikels auf sich hat: Am 8. November war der Gedenktag des Hl. Willehad -- im liturgischen Kalender lediglich ein nicht-gebotener Gedenktag in den Bistümern Hildesheim, Münster und Osnabrück, in Nordenham aber immerhin Patronatsfest. Zugegeben nicht nur dort; nach Willehad benannte Kirchen gibt es zum Beispiel auch in Stade, Accum, Osterholz-ScharmbekEystrup und Garbsen. Allerdings sind die seit der Reformation allesamt evangelisch. Katholische St.-Willehad-Kirchen gibt es außer in Nordenham noch in Wilhelmshaven und auf der Insel Wangerooge; aber für Nordenham hat der Hl. Willehad noch eine besondere Bedeutung - sollte man jedenfalls denken.

Bischof Willehad auf einem spätmittelalterlichen Holzschnitt 
Der um das Jahr 740 im angelsächsischen Königreich Northumbria im Nordosten Englands geborene Willehad kam 772 als Missionar nach Friesland, wo knapp zwanzig Jahre zuvor der Hl. Bonifatius das Martyrium erlitten hatte, und wurde 780 von Karl dem Großen zu den zwischen Weser und Ems siedelnden Sachsen entsandt. Beim Aufstand des Sachsenherzogs Widukind im Jahr 782 musste er fliehen, unternahm eine Wallfahrt nach Rom und zog sich danach für einige Jahre ins Kloster Echternach zurück. 787 wurde er auf Veranlassung Karls des Großen erster Bischof von Bremen; 789 starb er in Blexen an der Weser -- und dieser Ort gehört seit 1933 zum Stadtgebiet von Nordenham.

Das Todesdatum des Hl. Willehad ist die früheste historische Erwähnung eines Nordenhamer Ortsteils überhaupt, weshalb der Heilige weit über die kleine katholische Gemeinde hinaus eine wichtige lokalgeschichtliche Identifikationsfigur ist. Zu seinem 1200. Todestag führte die Niederdeutsche Bühne Nordenham in der (evangelischen) Blexer Kirche ein Historienspiel über sein Leben auf. Zudem findet in ebendieser Kirche seit einigen Jahren jeweils am Sonntag nach dem Gedenktag des Heiligen eine "Ökumenische Willehadvesper" statt.

So weit, so schön; wie aber zelebriert die örtliche, nach dem Lokalheiligen benannte katholische Pfarrei ihr Patronatsfest? Die Pfarrnachrichten, derer ich via Facebook teilhaftig wurde, verraten es:

GAR NICHT. 

Der Gedenktag als solcher ist zwar im Terminplan vermerkt; aber als einzige gottesdienstliche Feier fand an diesem Tag ein Wortgottesdienst in der Filialkirche St. Josef in Rodenkirchen statt, in der Pfarrkirche selbst einen Tag vorher ebenfalls nur ein Wortgottesdienst, geleitet vom Diakon. Dieser Wortgottesdienst am 7.11. trägt im Terminplan den Vermerk "zum Patronatsfest am 8.11.". Ist der Kirchenpatron den Nordenhamern demnach nicht einmal eine Messe wert? Oder hatte der Pfarrer Urlaub? Hätte man nicht die "äußere Feier" auf den Sonntag verschieben können? Nö, konnte man anscheinend nicht. Andere Dinge sind offenbar wichtiger, und für solche Kleinigkeiten wie die Ehrung des Kirchenpatrons gibt's ja die Ökumenische Vesper in Blexen. 

Deutlich intensiver abgefeiert als der Hl. Willehad wird von den Nordenhamer Katholiken alljährlich der Hl. Martin, der seinen Gedenktag zum Unglück des Kirchenpatrons nur wenige Tage später hat. Das Programm für dieses Fest umfasst traditionell einerseits - ähnlich wie an vielen anderen Orten auch - einen Laternenumzug inklusive Theateraufführung, Dudelsackpfeifern (!) und abschließendem Umtrunk am Lagerfeuer; andererseits einen Basar, bei dem "schöne Weihnachtsdekorationen in besonderer Atmosphäre angeboten" werden: "Die Probierstube, das Waffelstübchen und die Cafeteria laden zum Verweilen ein". In früheren Jahren kam es vor, dass diese beiden Veranstaltungen, die von unterschiedlichen Gemeindekreisen ausgerichtet werden, in direkter Konkurrenz zueinander stattfanden; aber seit der neue Pfarrer da ist, haben sich in der Gemeinde ja alle lieb, wie man so hört. 

Ein Bericht der Nordwest-Zeitung über den diesjährigen Martinsbasar in St. Willehad besticht durch seinen hymnischen, ja geradezu überkandidelten Tonfall ("Und schon wurde es hitzig und wuselig. Während der Rushhour zur Kaffeezeit war zwischen den Verkaufsständen im Pfarrsaal kaum noch ein Durchkommen. Zu attraktiv und anregend war das Angebot - egal, ob Flug-Engel aus Pergamentpapier, Filz-Wichtel oder zu hundert Prozent mit Bio-Getreide gefüllte Knuddel-Kisschen, ob Kränze, Holzkerzen, Tischschmuck oder Arbeiten aus Beton[?!]") -, aber so ist Lokalpresse nun mal (oft). Alles in allem habe ich gar keinen Grund oder Anlass, über den Basar zu stänkern. Die Einnahmen - jedenfalls der "Reinerlös", der NWZ zufolge - gehen als Spende an MISEREOR und sollen einem Traumazentrum für misshandelte Frauen und Mädchen im Nordirak zugutekommen.

Ein Zitat aus dem überkandidelten Artikel muss aber noch sein:
"Ausgesprochen eng war es ebenso in der Krollkuchen-Bäckerei und im Probierstübchen, in dem auch in diesem Jahr wieder eine bunte, nach äußerst fantasiereichen Rezepten zusammengestellte Auswahl an Marmelade und Likör, Plätzchen, Senfsorten und Konfekt in den Regalen bereitstand. Pfarrer Karl Jasbinschek stellte sich auch selbst hinter den Verkaufstresen und lobte den einzigartigen Geschmack der Rote-Grütze-Konfitüre oder der Kürbis-Apfel-Zimt- und der Kiwi-Banane-Kokosmilch-Marmelade."
Das ist natürlich schön, und so viel persönlicher Einsatz und Jovialität wird dem Pfarrer sicherlich hoch angerechnet werden. Ich persönlich würde es an einem Pfarrer indessen eher schätzen, wenn er seltener hinter dem Marmeladenladen-Verkaufstresen anzutreffen wäre und dafür öfter im Beichtstuhl.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nun, erst einmal nicht viel - außer dass Pfarrer, wenn sie nicht die seltene Gabe der Bilokation besitzen, denselben Einschränkungen hinsichtlich ihrer Handlungsoptionen unterliegen wie jeder andere Mensch; nämlich in dem Sinne, dass sie bei allem, was sie tun, etwas anderes lassen müssen. Aber eigentlich ist diese Anmerkung lediglich als eine vielleicht etwas erzwungene Überleitung gedacht. Mir ist nämlich an den Pfarrnachrichten aus St. Willehad etwas aufgefallen, was mir eigentlich schon an mehreren früheren Ausgaben dieser Pfarrnachrichten hätte auffallen können (aber etwas, was nicht da ist - obwohl es da sein sollte - übersieht man halt leicht): Es fehlt jedweder Hinweis auf Beichtgelegenheiten. Woraus man wohl schließen muss, dass es in dieser Pfarrei schon seit geraumer Zeit keine festen regelmäßigen Beichtzeiten mehr gibt. Was, wenn es denn stimmte, natürlich absolut fatal wäre.

Ich kann mir durchaus vorstellen, wie es dazu gekommen sein mag: Vermutlich war einfach die Nachfrage zu schwach, und irgendwann dachte sich der Pfarrer dann: Wenn hier sowieso keiner kommt, kann ich mit meiner Zeit auch was Besseres anfangen. Schwerer Fehler. Mir ist zwar klar, dass ein Pfarrer in der Diaspora - insbesondere wenn er, wie hier, der einzige Priester in einer territorial recht großen Pfarrei ist - eine Menge Dinge zu tun hat. Allerdings gibt es auch eine Menge Dinge, die ein Priester nicht unbedingt selber machen muss. Beichte hören aber schon. Mindestens eine Stunde in der Woche MUSS dafür drin sein. Für den Fall, dass keiner kommt, soll er sich halt was zu lesen mitnehmen.

Wenn in einer Pfarrei wenig gebeichtet wird und daraus die Konsequenz gezogen wird, die festen regelmäßigen Beichtzeiten abzuschaffen, ist die Folge daraus mit nahezu mathematischer Sicherheit, dass noch weniger gebeichtet wird. Sicherlich kann man, wenn es keine festen regelmäßigen Beichtzeiten gibt, individuell einen Beichttermin vereinbaren (allerdings wird auch diese Möglichkeit in den Pfarrnachrichten nicht erwähnt). Wer ein ausgeprägtes Bedürfnis hat, zu beichten - sei es aus Gewohnheit, aus Gehorsam (unpopuläres Wort!) oder weil er gerade akut etwas Gewichtiges auf dem Gewissen hat -, wird von dieser Möglichkeit vermutlich Gebrauch machen; wer sich mit dem Beichten schwer tut, für den wird die Hemmschwelle so aber extrem erhöht, und wer die Beichte sowieso für mehr oder weniger überflüssig hält, wird in dieser Auffassung bestärkt. Übrigens: Wenn in einer Gemeinde so gut wie nie jemand beichtet, aber praktisch alle Messbesucher sonntags zur Kommunion gehen, könnte man die Frage, ob da wohl alles mit rechten Dingen zugehen kann, ruhig auch mal in einer Predigt ansprechen.

Letzteres ist natürlich eine Anregung an den Pfarrer. Die anderen genannten Aspekte der Frage, wie man dem Sakrament der Beichte zu angemessener Geltung verhelfen könnte, wären aber vielleicht auch ein Thema für den neugewählten Pfarreirat...







Sonntag, 19. November 2017

Eine geistliche Bankrotterklärung




Liebe Hörerinnen und Hörer, 

um welche Uhrzeit gehen Sie üblicherweise in die Sonntagsmesse? Gibt es in Ihrer Ortspfarrei verschiedene Termine zur Auswahl? Wie lange dauert die Messe in Ihrer Pfarrei durchschnittlich, und wann kommt bei Ihnen sonntags das Mittagessen auf den Tisch? Und wenn der Pfarrer mal etwas länger predigt als gewöhnlich, wird es dann zeitlich „eng“ für Sie? 

Vielleicht erscheinen Ihnen diese Fragen banal, und das könnte ich Ihnen nicht verübeln; aber es gibt Menschen, die sich sehr ernsthaft beruflich mit solchen und ähnlichen Fragen befassen. Pastoraltheologen und Religionssoziologen zum Beispiel. 

Einer von diesen ist Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie im Rahmen des „Exzellenzclusters Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Jüngst hielt Pollack in Bonn bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einen Vortrag über die Frage, wie man den Sonntagsgottesdienst für eine größere Zahl von Menschen attraktiver machen könne. Bedenkt man, dass in den Teilkirchen der EKD nur rund 3% der Mitglieder regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, begreift man die Dringlichkeit dieser Frage. Die katholische Kirche in Deutschland mobilisiert allsonntäglich gut dreimal so viele Gläubige; dennoch ist auch das natürlich keine befriedigende Quote. Somit überrascht es nicht unbedingt, dass Pollacks Vortrag auch auf katholischer Seite auf Interesse stieß; das Online-Portal katholisch.de, das Kölner Domradio und andere katholische Medienformate berichteten darüber. 


Was hatte Professor Pollack nun aber im Einzelnen zum Thema zu sagen? Dass „Menschen wegbleiben“, so erklärte er gegenüber der Synode, liege „vor allem daran, dass sie am Sonntagvormittag schlichtweg anderes zu tun haben, das ihnen wichtiger ist“. Das mag rein faktisch wohl zutreffen; die Konsequenzen, die er daraus zieht, darf man allerdings wohl einigermaßen bizarr finden. Polemisch zugespitzt: Wenn es zu wenige Menschen gibt, denen der Sonntagsgottesdienst wirklich wichtig ist, muss man, um die Kirchen voller zu kriegen, denen gegenüber Zugeständnisse machen, denen er nicht so wichtig ist. Und was für Zugeständnisse sollen das sein? – „Man erleichtere es Menschen, am Gottesdienst teilzunehmen, wenn er kürzer sei“, meint Pollack; konkret gesagt: keinesfalls „länger als 50 oder 60 Minuten“. 

Ginge es hier nicht um die Kirche, sondern um irgendeinen Anbieter von Waren oder Dienstleistungen, müsste man sich fragen: Wie verzweifelt, wie wenig überzeugt von seinem Produkt muss ein Anbieter sein, um mit dem Argument zu werben „Wenn es euch nicht gefällt, ist es wenigstens schnell vorbei“? Macht sich eine solche Einstellung gegenüber dem eigenen „Angebot“ aber innerhalb der Kirche breit, ist das im Grunde noch dramatischer. 

Folgerichtig betont die Redakteurin Gabriele Höfling in einem Kommentar auf katholisch.de, damit die Sonntagsmesse für die Menschen attraktiver werde, müsse sie nicht kürzer werden, sondern besser. „Will die Kirche den Wettbewerb um die knappe (Wochenend-)Zeit der Menschen häufiger gewinnen, dann darf sie beim Gestalten der Gottesdienste kein Potential ungenutzt lassen.“ 

Im Bistum Essen ist man diesbezüglich schon einen Schritt weiter. Dort wurde bereits im Oktober ein „Feedback-Projekt zur Gottesdienstqualität“ gestartet: Die Liturgiereferentin Nicole Stockhoff und der Pfarrer Sven Christer Scholven haben einen Fragebogen erarbeitet, anhand dessen die Gottesdienstbesucher bewerten können, „ob sie 'die Gebete gut mitbeten' konnten, der Inhalt der Feier 'zu meinem Leben und Glauben' passte oder 'mich getröstet / mir Mut gemacht' hat“, heißt es in einem Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. „Auch zur Qualität der Predigt, der Sprache und der Musik können sich die Menschen äußern.“ 

Sehen wir einmal davon ab, dass ein solches „Feedback-Projekt“ naturgemäß nur diejenigen erreichen kann, die sowieso schon da sind, und somit lediglich der „Bestandskundenpflege“ dienen kann – darauf komme ich noch zurück. Noch problematischer erscheint es, dass die zitierten Punkte des Fragebogens den Fokus eindeutig auf die Befindlichkeiten des Einzelnen richten – und nicht auf Gott. Was bei diesem individualistischen Ansatz völlig unter den Tisch fällt, ist ausgerechnet das, was nach katholischem Verständnis eigentlich der zentrale Punkt der Heiligen Messe sein sollte: das Sakrament der Eucharistie. Man ist geneigt zu sagen: Würden die Größe, die Tiefe und vor allem die Heilsrelevanz des heiligen Messopfers auch nur ansatzweise begriffen, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass alles, was man diesem an „Gestaltungselementen“ hinzufügen könnte, letztlich nur nebensächlich sein kann. Damit soll nicht gesagt sein, dass es prinzipiell überflüssig wäre, sich über Gestaltungsfragen Gedanken zu machen; man sollte sich aber der Grenzen dessen bewusst sein, was man allein auf dem Weg der Gestaltung erreichen kann. 

Natürlich kann man – um ein Beispiel zu nennen, das abwegig klingen mag, aber beispielsweise in evangelikalen Kreisen durchaus im Kommen ist – im Foyer der Kirche eine Espresso-Bar eröffnen. Aber was wäre damit gewonnen, wenn die Leute nur wegen des Espressos kommen, aber nicht wegen Gott

Hinzuzufügen wäre, dass dieser Ansatz, den Gottesdienst in ein marktkonformes Konsumprodukt zu verwandeln, nicht einmal unter seinen eigenen Prämissen funktioniert. Die Leute werden nämlich nicht für den Espresso kommen – den sie schließlich auch woanders, und dort wahrscheinlich sogar besser, bekommen können –, wenn man ihnen nicht begreiflich machen kann, dass sie im Gottesdienst etwas viel Wertvolleres und Einzigartigeres finden können: die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament. Dasselbe gilt übrigens auch für Detlef Pollacks Ansatz, die Gottesdienste attraktiver zu machen, indem man sie kürzer macht: Wem grundsätzlich nicht einsichtig ist, weshalb der sonntägliche Gottesdienstbesuch seine Zeit wert sein sollte, den wird man ebenso wenig für 50 Minuten in die Kirche locken können wie für 90. 

Wohlgemerkt: Eine Konzentration der Kirche auf ihr „Alleinstellungsmerkmal“, wie ich sie hier anmahne, darf nicht einfach eine Marketing-Maßnahme sein; vielmehr muss die Kirche sich deshalb darauf konzentrieren, den Menschen die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen, weil das nun mal ihr Auftrag ist. Es ist ausgesprochen frappierend, wie wenig dieser Gedanke in der Argumentation eines Detlef Pollack präsent ist. „Die Verbreitung des Evangeliums an alles Volk mag theologisch geboten sein“, räumt er zwar ein, fügt aber hinzu: „Unter zweckrationalen Gesichtspunkten ist es effektiver, sich vor allem um diejenigen zu kümmern, die in der Kirche sind, genauer, noch in der Kirche sind und an ihrem Rande stehen.“

Diese Berufung auf „Zweckrationalität“ ist nichts Geringeres als eine geistliche Bankrotterklärung. Zwar ist es eine gängige Unternehmensberater-Weisheit, dass es effizienter sei, seine Ressourcen für Bestandskundenpflege einzusetzen als für Neukundengewinnung; eine Kirche aber, die dieser Logik folgt, verfehlt ihren göttlichen Auftrag und kann keine missionarische Kraft entfalten, sondern ist dazu verdammt, stets auf die Befindlichkeiten und Eitelkeiten ihrer „Stammkundschaft“ Rücksicht zu nehmen und auf unbequeme Botschaften lieber zu verzichten. 

Dabei ist es eben der Auftrag der Kirche, nicht das zu verkündigen, was die Menschen gern hören wollen, sondern Jesus Christus zu verkündigen. Und der ist nun einmal, wie schon der greise Simeon bei der Darstellung im Tempel voraussah, „ein Zeichen, dem widersprochen wird“. In Johannes 6 lesen wir, wie Jesus Christus nach einer Predigt in der Synagoge von Kafarnaum einen großen Teil Seiner Anhängerschaft verlor. „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“, murrten viele Seiner Zuhörer. Modifizierte Jesus daraufhin Seine Botschaft, um sie „attraktiver“ zu machen? Nein; stattdessen fragte Er Seine Jünger nur: „Wollt auch ihr weggehen?“ Stellvertretend für die Zwölf Apostel antwortete Simon Petrus:„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und aus denen, die blieben, ist die Kirche entstanden. Kein Wunder, dass auch sie in ihrer Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht hat, dass die Wahrheiten, die sie verkündet, nicht gern gehört werden.

Untergegangen ist die Kirche in 2000 Jahren dennoch nicht, und das wird sie auch nicht, solange sie daran festhält, Kirche Jesu Christi zu sein. Ist sie das nicht mehr, dann ist sie überhaupt nichts mehr; oder allenfalls noch ein mehr oder weniger schlecht organisierter Dienstleistungsanbieter auf dem Markt für Spiritualität und Lebenshilfe, den als solchen aber im Grunde kaum noch jemand braucht – und umso weniger braucht, je weniger sein „Angebot“ sich von anderen auf diesem Markt unterscheidet. 

Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wünsche ich, dass Sie sich an diesem Sonntag ausreichend Zeit für die Begegnung mit Christus nehmen können. Auch wenn es länger als eine Stunde dauern sollte. 



Montag, 13. November 2017

Wir müssen an unserer Empörungseffizienz arbeiten

Zur Frage der Sinnhaftigkeit der Forderung des Bundesverfassungsgerichts, ein "positiv formuliertes drittes Geschlecht" in amtlichen Dokumenten einzuführen, habe ich keine besonders ausgeprägte Meinung. Sehr wohl habe ich hingegen eine Meinung zu der Debatte, die darüber geführt wird: Sie nervt. Sie nervt kolossal

Im betreffenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts geht es ausdrücklich um Intersexualität, ein zwar seltenes, aber unbestreitbar reales biologisches Phänomen. In der derzeitigen Debatte, wie ich sie v.a. in den Sozialen Medien wahrnehme, wird Intersexualität aber permanent mit Transgender vermengt oder verwechselt. Es liegt einigermaßen auf der Hand, dass diese Vermengung bzw. Verwechslung im Wesentlichen von zwei Gruppen betrieben wird: 
  • denen, die in dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Chance sehen, "Transgender-Rechte" voranzutreiben, und 
  • denen, die eben selbiges befürchten

Was ebenfalls einigermaßen auf der Hand liegt, ist, dass beide Gruppen einander gegenseitig hochschaukeln. Welche Seite davon am meisten profitieren dürfte, kann man sich leicht ausmalen. 

Vereinfacht und nicht-fachchinesisch ausgedrückt, bezeichnet der Begriff intersexuell solche Menschen, die mit uneindeutigen oder widersprüchlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Das ist, wie gesagt, selten, aber es kommt vor. Und dieses Phänomen ist auch nicht erst seit gestern bekannt. Früher™, also so etwa von den 1960ern bis noch vor relativ wenigen Jahren, war es weithin üblich, den betreffenden Neugeborenen ein Geschlecht "zuzuweisen" und sie zum frühest möglichen Zeitpunkt "geschlechtsangleichenden" Operationen zu unterziehen, gegebenenfalls gefolgt von Hormontherapie. Dabei wurden die meisten intersexuellen Kinder zu Mädchen "gemacht", aus dem einfachen Grund, dass dies chirurgisch weniger aufwändig war. Und hier wird es nun interessant: Dass diese Vorgehensweise als unproblematisch betrachtet oder ausgegeben wurde, wurde u.a. mit Studien des Baltimorer Sexualpsychologen John Money begründet, die behaupteten, die geschlechtliche Identität eines Menschen sei im Wesentlichen ein Ergebnis seiner Erziehung, folglich könne man jeden Menschen dazu erziehen, das Geschlecht anzunehmen, das ihm zugeschrieben wurde. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Auch wenn Moneys Studien in vielen Details längst widerlegt sind, haben sie erheblichen Einfluss auf die Gender-Ideologie ausgeübt. 

Aber wir brauchen uns hier gar nicht auf den konkreten Einfluss einzelner Wissenschaftler zu konzentrieren. Auch unabhängig davon gilt: Wer davon ausgeht, dass die geschlechtliche Identität etwas natürlich Gegebenes ist und eben nicht willkürlich festgelegt werden kann, der müsste es in jedem Fall begrüßen, dass sich in jüngster Zeit die Überzeugung durchsetzt, man solle intersexuelle Kinder erst einmal so lassen, wie sie sind, und abwarten, in welche Richtung sie sich entwickeln. Ob es zur Verbesserung der Lebenssituation intersexueller Personen tatsächlich notwendig oder sinnvoll ist, statt der Angabe "Geschlecht unbestimmt" (oder so ähnlich) ein "positiv formuliertes drittes Geschlecht" einzuführen, darüber kann natürlich diskutiert werden. Insbesondere wäre es gut, hierzu die Meinungen Betroffener anzuhören. Auf jeden Fall denke ich, etwas weniger Furor würde der Debatte gut tun. 

So ziemlich das einzige, was mich derzeit noch mehr nervt als die überhitzte Debatte über das "dritte Geschlecht", ist die überhitzte Debatte über die Frage eines verkaufsoffenen Sonntags am 4. Advent, der dieses Jahr auf den Heiligabend fällt. Dazu sage ich jetzt nichts. Ich sehe es überhaupt nicht ein, meine Zeit und Atemluft für diese Debatte zu verschwenden. 

Ja schon, aber worüber jetzt genau? (Bildquelle: Flickr)
Na gut, eines vielleicht: In gewissem Sinne scheint mir die Empörung, die sich bei diesem Thema breit macht, ungefähr auf einem Level mit der Empörung über wegretuschierte Kreuze auf Käsepackungen und regenbogenfarbige Zipfelmänner zu liegen. All diese Dinge müssen einem nicht gefallen, aber sie zum Anlass zu nehmen, den Untergang des Abendlandes zu beschwören oder mit Boykottaufrufen dagegen vorzugehen, mutet doch an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Für mich ist diese Empörung ein Indiz für die Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass unsere Gesellschaft längst nicht mehr so christlich geprägt ist, wie Christen sich das wünschen mögen. Ich will damit nicht sagen, dass Christen sich mit dieser Tatsache abfinden sollen; aber es scheint mir geboten, anzuerkennen, dass sie sich unter den Bedingungen einer pluralen und demokratischen Gesellschaft auf kurze Sicht nicht wird ändern lassen. Oder, genauer gesagt: dass die Gesellschaft nicht dadurch wieder christlicher wird, dass Christen laut darüber jammern, dass ein großer Teil der Gesellschaft sich nicht sonderlich für ihre Traditionen interessiert oder gar Rücksicht auf sie nimmt. 

Kurz gesagt, ich halte die Energie, die in solche Empörungsfeldzüge fließt, für verschwendet. Und wir sollten haushälterisch mit unserer Energie umgehen, denn wir werden sie noch brauchen. -- Freunde und Freundesfreunde auf Facebook werden jetzt vielleicht darauf hinweisen wollen, ich hätte doch unlängst selbst eine Menge Energie verschwendet, indem ich mich darüber empört hätte, dass eine katholische Jugendseelsorgeeinrichtung in Berlin für Dreharbeiten zu einem moralisch nicht ganz einwandfreien Film zur Verfügung gestellt wurde. Nun ja: Inhaltlich möchte ich mich zu diesem Vorgang erst dann näher äußern, wenn ich eine Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage an die Pressestelle des Erzbistums Berlin habe; dennoch schon mal ein Wörtchen dazu, weshalb ich der Meinung bin, DAS sei ETWAS ANDERES: Hier handelt es sich, bildhaft gesprochen, um unser eigenes Haus. Oder zumindest sollte das so sein. Und gerade unter den Bedingungen einer postchristlichen Gesellschaft muss uns daran gelegen sein, unsere "Enklaven" zu sichern und zu befestigen. 

Dass meine Empörungsenergie in diesem konkreten Fall letztlich doch verschwendet gewesen sein mag, halte ich für möglich. Doch dazu, wie gesagt, ein andermal.